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«Ich baue lieber auf als ab»: Das Abschiedsinterview mit Gianni Bomio

34 Jahre arbeitete Gianni Bomio für die Zuger Volkswirtschaftsdirektion, 24 davon als Generalsekretär. Die letzten Jahre waren die schwierigsten.
Interview: Christopher Gilb
Gianni Bomio verlässt das Verwaltungsgebäude 1 an der Aa. Er widmet sich zukünftig unter anderem einem Buchprojekt. (Bild: Stefan Kaiser, Zug, 23. Juli 2019)

Gianni Bomio verlässt das Verwaltungsgebäude 1 an der Aa. Er widmet sich zukünftig unter anderem einem Buchprojekt. (Bild: Stefan Kaiser, Zug, 23. Juli 2019)

Spricht man den langjährigen Zuger Volkswirtschaftsdirektor Matthias Michel auf seinen damaligen Generalsekretär Gianni Bomio an, ist er voll des Lobes. Mit seiner Offenheit, Wirkungs- und Lösungsorientierung, seinem Drang zu Effizienz und seiner innovativen Lust sei Bomio ein hervorragender Netzwerker und geradezu die Verkörperung des «Spirit of Zug». Insgesamt arbeitete der heute 63-jährige Bomio unter fünf Regierungsräten, auf Ende August hört er nun auf. Nach 34 Jahren.

Wieso gehen Sie etwas früher in Pension?

Gianni Bomio: Alle Projekte, für die ich mich während der letzten Jahre eingesetzt habe, sind umgesetzt oder mindestens lanciert: Das Departement Informatik in Rotkreuz beispielsweise, der Innovationspark Zentralschweiz oder die höhere Fachschule für Informatik und Elektronik. Und auch die neue Volkswirtschaftsdirektorin Silvia Thalmann ist eingearbeitet. Es ist ein guter Zeitpunkt, um aufzuhören. Auch wird meine Frau pensioniert und wir freuen uns auf die gemeinsame Zeit.

Und der Grund ist nicht, dass im Zuge der Verwaltungsreform beispielsweise der öffentliche Verkehr, der Ihnen immer sehr wichtig war, nicht mehr bei der Volkswirtschaftsdirektion angesiedelt ist?

Das stimmt, es sind verschiedene spannende Bereiche weggefallen. Wäre ich noch jünger, hätte ich mich wohl nach einem anderen Job umgesehen, aber ich bin über 60.

Seit 1995 Generalsekretär

Nach dem Studium stieg Gianni Bomio 1985 als juristischer Mitarbeiter bei der Volkswirtschaftsdirektion ein, arbeitete nebenbei im Anwaltsbüro und wechselte ein Jahr später ganz zum Kanton. Ab 1991 amtete er vier Jahre als stellvertretender Direktionssekretär, 1995 dann wurde er selbst Generalsekretär. Bomio ist «zahlendes CVP-Mitglied», ein politisches Amt hatte er aber nie. Sein Nachfolger wird nun Andreas Conne aus Zürich. Der 44-Jährige ist Rechtsanwalt mit Nachdiplomstudium in Europarecht und arbeitet seit fünf Jahren als stellvertretender Leiter des Fach- und Rechtsdienstes im Generalsekretariat der Volkswirtschaftsdirektion des Kantons Zürich. Conne tritt seine neue Aufgabe spätestens im Dezember an. (cg)

Sie haben 1985 bei der Volkswirtschaftsdirektion angefangen, was war damals anders?

Man muss wissen, als ich zur Volkswirtschaftsdirektion kam, gab es nur wenige Ämter und praktisch keine Drittpartner. Das wichtigste Amt war übrigens das Landwirtschaftsamt. Der Wirtschaftsbezug war schwach ausgeprägt. So etwas wie Wirtschaftsförderung gab es nicht, darum kümmerte sich höchstens die Finanzdirektion über die Steuerverwaltung. Englisch zu können, war keine Voraussetzung. Lange war das gut gegangen, doch der Strukturwandel hatte längst eingesetzt, die Landwirtschaft verlor an Bedeutung und der Industriestandort kam unter Druck. Rohstofffirmen und Dienstleistungsunternehmen siedelten sich an, Zug wurde internationaler. Da musste die Direktion Schritt halten.

Inwiefern?

Heute haben wir eine ausgewogene Amtsstruktur mit vielen Drittpartnern, das erfolgreiche Public Private Partnership-Konzept: der Verein für Arbeitsmarktmassnahmen (VAM), das Zuger Bildungsnetz, das Technologie Forum Zug (tfz) und so weiter. In vielen engagieren sich Kaderleute aus der Wirtschaft persönlich, wo gibt’s das sonst schon? Ich habe in meiner Laufbahn rund 20 Partnervereine gegründet, nur einer wurde liquidiert, alle anderen arbeiten erfolgreich. Von unseren Partnern kommen Innovationsprojekte, die wir in der regulierten Verwaltung nie hätten umsetzen könnten. Wir sind heute eine Direktion, die im Bereich Berufsbildung stark ist. Und Bildung ist die einzige Ressource, die die Schweiz hat. Da lohnt es sich, zu investieren.

Was waren Ihre wichtigsten Meilensteine?

Ich habe immer gerne entwickelt, deshalb wollte ich auch nie in die erste Reihe, wo man eher ein Produktverkäufer ist. Mein erster Entwicklungsjob war die Organisation des neuen Busnetzes in den 1980er-Jahren, es folgte der Aufbau der Kontaktstelle Wirtschaft, oder die Realisierung der Stadtbahn. Später habe ich mich für die Öffnung nach Zürich eingesetzt, den Beitritt zur Metropolitankonferenz Zürich, zur Greater Zurich Area und zu Zürich Tourismus.

Wieso das Interesse an Zürich?

Früher war die Zusammenarbeit mit Zürich marginal. Dabei ist Zürich der Wirtschaftsmotor der Schweiz, und der bringt einen vorwärts.

Gibt es ein Lieblingsprojekt?

Die Vinto-Sportlehre: Für mich ist das jenes Projekt, dass die Philosophie unserer Direktion am besten zeigt. Zwei Sportlehrer kamen mit der Idee einer Lehre für Sportler zum Regierungsrat, denn nicht jeder Sportler ist gut genug fürs Gymi. Wir fanden die Idee gut und gründeten einen Verein. Sofort fanden wir 60 Unternehmen und diverse Sportvereine, die mitmachten. Mehrere erfolgreiche Sportler gingen seither daraus hervor und wer keinen sportlichen Erfolg hat, hat einen soliden Lehrabschluss. Indem wir auf ein Netzwerk gesetzt haben, konnten wir auch die Kosten für den Kanton klein halten. Und nun wird die Sportlehre Teil vom neuen OYM-College.

Gab es auch Flops?

Ja, aber die Erfolge überwiegen. Wir haben beispielsweise in den 1990er-Jahren die Sihltalbahn nach Zug verlängert. Wir dachten, das wäre die Massnahme, um das Sihltal anzubinden. Doch kein Mensch brauchte diesen Zug. Einmal sind wir extra mitgefahren, nur fünf weitere Passagiere sassen im Zug, lustigerweise fuhren zwei davon schwarz. Ein richtiger Flop.

Und die schwierigste Phase?

Die letzten Jahre wegen der Sparprogramme. Ich baue lieber auf als ab. Wenigstens konnten wir alle Dienstleistungen erhalten, haben aber weniger Geld zur Verfügung. Darunter leidet die Qualität. Und die hohe Qualität gehört zur Zuger Verwaltung und ist ein Teil der Spitzenposition des Kantons.

Unter welchem Volkswirtschaftsdirektor haben Sie eigentlich am liebsten gearbeitet?

Alle fünf waren top. Der eine hat die Wirtschaft mehr vorangebracht, der andere die Bildung. Meine Aufgabe sah ich immer darin, sie zu ergänzen. Bei Silvia Thalmann beispielsweise beschäftige ich mich hauptsächlich mit juristischen Fragen, da sie von Haus aus keine Juristin ist. Langweilig wurde es mir über all die Jahre nie.

Man sagt, ihre Spezialität seien kurze, griffige Gesetze?

Das stimmt, ein Gesetz muss nicht jedes Detail regeln. Wenn es Unklarheiten gibt, soll ein Gericht nach gesundem Menschenverstand entscheiden. Je umfassender ein Gesetz ist, desto angreifbarer ist es. Mein Paradegesetz ist das Gesetz zur Wirtschaftsförderung, das Wirtschaftspflegegesetz. Der Inhalt wird in drei Paragrafen abgehandelt und es funktioniert einwandfrei.

Sie waren immer ein Gegner von zu viel Regulierung?

Mit Regulierung macht sich eine Gesellschaft kaputt, viele Hochkulturen sind daran gescheitert und auch wir sind auf dem besten Weg dazu. Jedes Detail zu regulieren, killt auch in der Verwaltung Innovation. Früher hatten wir eine Idee, sassen zusammen, entwarfen ein Gesetz und begannen zügig den politischen Prozess. Heute sind alle Abläufe fix geregelt, es braucht unzählige Projektschritte bis zum fertigen Gesetz. Das braucht Zeit und Nerven.

Was geben Sie ihrem Nachfolger mit auf den Weg?

Zug ist wirtschaftlich die Nummer eins in der Schweiz und soll es bleiben. Gerade jetzt kommt eine gute Zeit, denn die Kantonsfinanzen sind wieder im Lot. Jetzt kann man wieder Ideen aufnehmen und umsetzen. Und diese Zeit zu nutzen, ist wichtig. Denn je nachdem wie die Verhandlungen über das Rahmenabkommen mit der EU, der Brexit oder der Handelsstreit zwischen den USA und China verlaufen, drohen neue internationale Gefahren, denen Zug ausgesetzt ist.

Und wie geht es bei Ihnen weiter?

Da gibt es einiges: Ich werde noch ein paar Jahre als ehrenamtlicher Präsident des VAM weitermachen sowie gelegentlich Nutzer des Innovationsparks betreuen. Dann hab ich noch einen Haufen Hobbys, alles was mit Wasser zusammenhängt; ich schwimme täglich und kürzlich habe ich mit meiner Frau noch Stand-up-Paddling gelernt. Und ich arbeite an einem Buchprojekt über die Zuger Wirtschaft der letzten 35 Jahre. Dazu gibt es noch kein Nachschlagewerk und ich glaube, ich kann dazu einiges beitragen.

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