Leserbrief

Ich fühle mich im falschen Boot sitzend

Zur Coronakrise

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Es gibt, und dies zeigt sich besonders momentan, zwei Arten von Menschen: Die einen sind die Überängstlichen und die Überkorrekten, die jede Regel einhalten und sich keine Gedanken darüber hinaus machen, denn das Denken hat ja der übernommen, welcher die Regeln schuf.

Dann gibt es diejenigen, welche völlig verantwortungslos handeln und sich um nichts kümmern. Das Problematische ist, dass es die Ersteren sind, welche dann die Verantwortungslosen retten, wenn sie fallieren. Dies ist die eine Seite der Medaille, und zwar die grundsätzliche.

Die andere Seite ist die praktische. Bevor man jemanden Verantwortungslosigkeit vorwerfen kann, müsste man zuerst überprüfen, ob er tatsächlich verantwortungslos handelt oder ob er einfach weiterdenkt als der Überängstliche und der Überkorrekte und da fängt mein Problem seit März dieses Jahres an: Verantwortungslos ist, wer eine Gefahr ignoriert und andere gefährdet. Es muss also eine Gefahr bestehen. Was mir wirklich Mühe macht, ist, dass die meisten Verantwortungsträger sich strikte weigern, überhaupt zu hinterfragen, ob eine Gefahr besteht und kritiklos ihren Beratern glauben. Seit März versuche ich, mit intelligenten Menschen anhand von offiziellen Quellen zu diskutieren, und stosse an eine Wand der Diskussionsverweigerung. Ich kann es einfach nicht verstehen und fühle mich im falschen Boot sitzend.

Einige Bekannte habe ich schon im realen Leben aus meinem Umfeld entfernt, weil ich sie mir nicht mehr antun möchte, andere, die mir doch sehr wichtig sind, werde ich später nochmals kontaktieren und hoffe, dass sie dann willens und fähig sind, aufgrund von Fakten zu diskutieren. Generell enttäuscht bin ich von Politikern und Medien, welche nichts hinterfragen, offizielle Statistiken ignorieren und nicht im Geringsten in der Lage sind, gesamtheitlich zu denken. Ich befinde mich in einer intellektuellen Quarantäne und dies macht mir echt zu schaffen.

Michel Ebinger, Rotkreuz