«Ich habe das Militär noch nie so menschlich erlebt» – ein Zuger Spitalsoldat erzählt von seinem Einsatz gegen das Coronavirus

Lange Wartezeiten und ein selbst organisiertes Freizeitprogramm – der Zuger Andrin Schauber berichtet von seinem Einsatz gegen das Coronavirus in Basel.

Fabian Gubser
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«Eine Szene berührte mich besonders: Zwei sich nahestehende Patienten, die an Covid-19 erkrankten, befanden sich in unserem Spital in separaten Zimmern. Beide waren ziemlich schwach, weswegen sie gefragt wurden, ob sie sich nochmals sehen möchten. Nach anfänglichem Zögern besuchte der eine den anderen schliesslich doch, was beiden trotz der bedrückenden Umstände sichtlich Freude bereitete. Wie sich später herausstellte, sahen sie sich zum letzten Mal.»

Dies erzählt der 21-jährige Zuger Andrin Schauber. Als Spitalsoldat der Schweizer Armee ist er seit fünf Wochen im Einsatz.

Andrin Schauber unterstützt das Kantonsspital Baselland bei der Grundpflege.

Andrin Schauber unterstützt das Kantonsspital Baselland bei der Grundpflege.

PD (Basel, 17. April 2020)

Seine Truppe, die Spitalkompanie 66/1, unterstützt in Basel-Landschaft zwei Krankenhäuser – einerseits bei der Pflege von Covid-19-Erkrankten, andererseits betreut die Kompanie auch «gewöhnliche» Patientinnen und Patienten, um das Gesundheitssystem zu entlasten. Vor einer Woche konnte der Germanistik-Student nun zum ersten Mal übers Wochenende nach Hause, in die Stadt Zug. Von dort aus erzählt er uns via Videokonferenz nicht nur von berührenden Szenen, sondern auch von – für ihn – langen Wartezeiten.

Mobilmachung per SMS und E-Mail

Ein Tag nachdem Bundesrätin Viola Amherd den grössten Militäreinsatz seit dem zweiten Weltkrieg ausgelöst hat – unter anderem rund 3000 Personen für die gemäss Medienmitteilung «sanitätsdienstliche Unterstützung» –, erhielt Schauber am Dienstag, 17. März, sein Aufgebot per SMS und E-Mail. Am Donnerstag darauf rückte er auf dem Europaplatz vor dem KKL in Luzern ein:

«Ein surreales Gefühl, auch weil wir dort unter den Augen der Öffentlichkeit zum Dienst antraten.»

Busse brachten die Spitalsoldaten am folgenden Montag in eine Basler Kaserne, die Schauber seither als temporäres Zuhause dient. Davor machte die Kompanie in Kriens und Emmen Halt, wo Experten des Roten Kreuzes Auffrischungskurse durchführten. Auch an einem Workshop zum Thema Psychohygiene nahmen die Soldaten teil: «Uns wurde gesagt, wie wichtig es sein wird, uns gegenseitig bei der Verarbeitung schwieriger Erfahrungen zu unterstützen und eine Struktur in den neuen Alltag zu bringen – auch mit einem Ausgleichsprogramm», sagt Schauber, der im Nebenfach Philosophie studiert. Zu diesem Zeitpunkt wusste keiner, wie lange der Einsatz dauern würde.  Man bereitete sich auf eine grössere Welle vor, die bis heute nicht in diesem Ausmass eingetroffen ist.

Struktur im neuen Alltag mit Yogakursen

Während die rund 60 Kameraden am Dienstag im Spital ihren Dienst antraten, musste Schauber in der Kaserne verweilen – er war der Reserve zugeteilt worden. Er sagt:

«Nicht zu wissen, wie und wann es mit meinem Einsatz weitergeht und wie lange ich hierbleiben werde, war nicht einfach zu akzeptieren»

Man hätte dies wahrscheinlich besser planen und kommunizieren können, findet er. Es sei ihm schwergefallen, die dann freie Zeit für sein Studium zu nutzen, ohne mit einem Abschluss des Semesters rechnen zu können. Darauf angesprochen sagt der Pressesprecher seines Bataillons, Richard Sjölund: «Für den Assistenzdienst wurde das komplette Bataillon mobilisiert. Die gebildeten Reserveeinheiten sind ein wichtiger Bestandteil für die Gewährleistung der Einsatzbereitschaft.»

Spitalsoldat Andrin Schauber während seinem Einsatz.

Spitalsoldat Andrin Schauber während seinem Einsatz.

Bild: PD

Später fanden die Verantwortlichen doch noch Arbeit für ihn: Während vier Tagen in der Küche schöpfte Schauber Essen, schnitt Gemüse, und packte gemäss Hygienevorschriften das Zmorgen für Kameraden einzeln in Plastiksäcke. Er, der in seiner Freizeit bei der Pfadi als Leiter aktiv ist, empfand dies zwar als «sinnvoll, denn so hatten die Kameraden in der Küche weniger Stress». Gleichzeitig habe er sich aber auch gefragt, ob er mit seiner Ausbildung als Spitalsoldat dort am richtigen Platz sei. Diese entspricht jener des Pflegehelfers gemäss den Ausbildungsklassen des Roten Kreuzes.

Zweite Tage bei COVID-19-Erkrankten

Endlich war es soweit. Nach zweitätigem Aushelfen im Materiallager und einer Woche Mitarbeit bei der Fahrzeugkoordination konnte Schauber für einen ausgefallenen Kameraden im Spital Bruderholz einspringen. Dieses hatte sich auf die Behandlung von Covid-19-Erkrankten beschränkt. Schauber arbeitete auf einer von mehreren komplett isolierten Stationen, deren Besuchsverbot von einem Sicherheitsdienst kontrolliert wurde.

«Die Patienten, die mehrheitlich alt und eher schwach waren, konnten nicht viel mit mir sprechen – auch, weil mein Aufenthalt im Zimmer aus Hygienegründen auf jeweils eine Viertelstunde begrenzt war», sagt der Pflegehelfer. Zu seinen Aufgaben gehörte das tägliche Wecken, Unterstützung bei der Körperpflege, das Essen-Bringen und das Waschen – auch bei inkontinenten Patienten. «Das mühsamste war das Tragen der Maske, die durch die Atemfeuchtigkeit irgendwann einfach nass ist und im Gesicht klebt.»

Andrin Schauber sagt: «Grundsätzlich macht der Einsatz Sinn, es läuft aber nicht mehr viel.»

Andrin Schauber sagt: «Grundsätzlich macht der Einsatz Sinn, es läuft aber nicht mehr viel.»

Bild: PD

Bei seinem zweitätigen Einsatz bekam Schauber mit, wie gewisse Patienten das Virus nicht überlebten. «Das machte mich betroffen – da ich für mich persönlich den Tod als Teil des Lebens akzeptiert habe, konnte ich mit diesen Eindrücken jedoch vergleichsweise gut umgehen», erklärt der Student.

Entlastung einer gewöhnlichen Station

Nach der Arbeit nimmt Schauber bis heute an einem selbstorganisierten Freizeitprogramm teil, zu dem die Truppe beim anfänglichen Psycho-Hygiene-Workshop animiert wurde. Dazu gehört etwa Yoga, Joggen, Gottesdienste oder ein Philosophie-Seminar, das Schauber organisiere. Seine Vorgesetzen würden die Truppenmitglieder unterstützen. Andrin Schauber präzisiert:

«Unser Kompanie-Kommandant hat von Anfang an verstanden, dass es so etwas braucht. Tatsächlich habe ich das Militär noch nie so menschlich erlebt!»

Mittlerweile benötigt das Bruderholz-Krankenhaus die Unterstützung der Spitalsoldaten nicht mehr. Schauber wechselte in den Kantonsspital Baselland Liestal, wo er nun fest im Schichtplan eingeteilt ist. Er unterstützt eine Orthopädiestation, die zurzeit nur noch Notfälle behandelt, bei der sogenannten Grundpflege, um so die hinterlassenen Lücken der ins Bruderholzspital umgeteilten Fachkräfte zu füllen, die dringend für Covid-19-Fälle benötigt werden. «Grundsätzlich macht der Einsatz Sinn, es läuft aber nicht mehr viel», sagt er zum Schluss der Videokonferenz. Seit vor kurzem zudem 12-Stunden-Schichten eingeführt wurden, sei die Stimmung in der Truppe gekippt.

Auf die Welle von Corona-Patienten vorbereitet sein

Dazu sagt Anita Kuoni, Sprecherin des Kantonsspitals Baselland, dass es darum gehe, auf die zu erwartende Welle von Corona-Patienten vorbereitet zu sein. «Wenn mehr Personal längere Schichten schiebt, ist es unvermeidlich, dass auch andere Abteilungen im gleichen Rhythmus arbeiten müssen.» Und weiter:

«Um sicherzustellen, dass wir bei Bedarf Mitarbeitende aus Liestal sehr schnell im Bruderholz einsetzen können, haben wir auch Teams in Warteposition zum Teil bereits auf die 12-Stunden-Schicht umgestellt.»

Auch jetzt, nachdem der Bundesrat erste Schritte zu einer Normalisierung ankündigte, hilft Andrin Schauber mit rund 25 Kameraden im Basler Spital Liestal bei der Grundpflege. Er sagt: «Ich bin dankbar, dass es bis jetzt zu keiner Überlastung kam und bin sehr froh, dass wir von der Spitalkompanie 66/1 alle bald abgezogen werden. Eine Heimkehr mit Bereitschaftsauflagen ist auf Anfang Mai geplant.» Er rechnet aber mit einem eventuellen weiteren Aufgebot seiner Kompanie. «Eine mögliche zweite Welle sollte man nicht unterschätzen. Wir hoffen natürlich alle, dass es nicht dazu kommt.»