Joachim Eder: «Ich nutze wiedergewonnene Freiräume»

Der ehemalige Zuger FDP-Ständerat Joachim Eder hat 37 Jahre auf verschiedenen Ebenen politisiert.

Interview: Marco Morosoli
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Joachim Eder in seiner Wohngemeinde Unterägeri: «Ich fühle mich als Ägerer», sagt er mit Stolz.

Joachim Eder in seiner Wohngemeinde Unterägeri: «Ich fühle mich als Ägerer», sagt er mit Stolz.

Bild: Matthias Jurt (5. Dezember 2019)

Joachim Eder, Sie haben Ihr Ständeratsmandat drei Jahre über Ihre Pensionierung hinaus ausgeübt. Wieso?

Joachim Eder: Ich wurde am 18. Oktober 2015 für vier Jahre gewählt. Da im Kanton Zug der Ständerat nach dem Majorzwahlrecht bestimmt wird, hätte es bei einem frühzeitigen Rücktritt Nachwahlen gegeben. Das wollte ich nicht. Zudem stellte ich mich für eine ganze Legislatur zur Verfügung. Das Pensionsalter spürte ich übrigens kaum.

Haben Sie sich überlegt, eine dritte Amtszeit anzuhängen?

Ja, ich hatte solche Gedanken. Die Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen. Die Politik ist mir eine lieb gewordene Tätigkeit, die ich seit 37 Jahren ausübe. Ich entschied mich für den Rücktritt, weil man auch jüngeren Kräften Platz machen und loslassen können muss. Zudem will ich mehr Zeit mit der Familie verbringen. Ich habe sechs Enkel, ein siebter ist unterwegs. Ich will jetzt mehr für sie da sein.

Was halten Sie von einer Amtszeitbeschränkung nach Alter oder nach Jahren?

Eine Altersbeschränkung sollte es nicht geben, das ist diskriminierend. Beim Wahltermin haben die Stimmbürger mein Geburtsdatum gesehen. Hingegen kann ich mir vorstellen, dass nach zwölf Jahren im Ständerat Schluss ist.

Seit Anfang Dezember sind Sie alt Ständerat. Ist Ihre Agenda so voll wie vorher?

Ich darf sagen, dass ich mit einem gemächlicheren Rhythmus unterwegs bin. Ich habe ein paar kleinere Mandate behalten. Ab Anfang Januar besuche ich an der Senioren-Universität Luzern Vorträge und Kurse in Philosophie und Theologie. Ich freue mich darauf, werde aber keinem Pfarrer Konkurrenz machen. Das Politikerleben bringt sehr viel Pflichtlektüre mit. Ich habe mich während meiner Politkarriere stark mit Gesundheitsthemen befasst. Das ist ein steiniges Pflaster und ein Knochenjob. Ich schätze nun die wiedergewonnenen Freiräume.

Aber Sie wollten doch mehr Zeit mit der Familie verbringen. Geht das beim vorgenannten Programm überhaupt?

Doch, doch, das geht gut. Ich will mehr Zeit mit meinen Enkeln verbringen. Dazu gehört das Hüten ebenso wie mit dem Nachwuchs meiner Kinder auf Ausflüge zu gehen. Ich hoffe auch, dass wir ab und an zum Skifahren gehen können.

Wenn Sie zurückblicken, was war Ihre härteste Zeit als Politiker?

Das schreckliche Zuger Attentat im September 2001 war einschneidend. In dieser ausserordentlichen Situation war von allen Seiten eine grosse Solidarität spürbar. Früher wurde ich angefragt, ob ich mir in Unterägeri das Amt des Gemeindepräsidenten vorstellen könne. Ich habe dann aber in die kantonale Exekutive gewechselt. Ein sehr interessantes Betätigungsfeld. Man kann in diesem Gremium gestalten, bewegen und etwas verändern.

An welches Ereignis aus Ihrer Zeit im Regierungsrat erinnern Sie sich noch heute?

Ich war in den Jahren 2007 und 2008 Zuger Landammann. Es war meine schönste Zeit als Politiker. Der Ständerat war dann die ideale Abrundung meiner Politkarriere.

Können Sie ein wenig konkreter werden?

Als Landammann konnte ich viele wertvolle Kontakte knüpfen. Alles in allem ist es nicht übertrieben zu sagen, dass es eine schöne, intensive und menschlich bereichernde Zeit gewesen ist. Speziell hervorheben möchte ich die Eröffnung des neuen Kantonsspitals in Baar. In meiner Funktion als Gesundheitsdirektor war dies ein doppelter Freudentag für mich, ging doch damit ein 25-jähriger Leidensweg in der Zuger Spitalplanung zu Ende. Immer erinnern werde ich mich auch an das Sechseläuten in Zürich. Zug ist Gastkanton gewesen und ich, der Landammann aus Zug, durfte den Böögg anzünden.

Was lief nicht so, wie Sie es sich erhofft haben?

Ich habe im Ständerat einen Vorstoss eingebracht, der verlangte, dass die Parlamentarier nur dann eine Übernachtungspauschale geltend machen können, wenn sie auch wirklich auswärts übernachtet haben. Steuergelder beziehen und dann doch im eigenen Bett schlafen, das geht nicht. In der zuständigen Kommission hat eine Mehrheit meinem Vorstoss zugestimmt. Im Ständerat selber hat er leider keine Mehrheit gefunden, womit das Einsparpotenzial von mehr als einer Million Franken verschenkt und auch die Glaubwürdigkeit der Politik aufs Spiel gesetzt wurde.

Sie sind vor allem als Gesundheitspolitiker wahrgenommen worden. Hat es noch andere Themenfelder gegeben, bei denen Sie sich speziell engagiert haben?

Ja, vor allem in der Bildungs- und Sicherheitspolitik. So habe ich mich mit anderen dafür eingesetzt, dass wir in der Schweiz ein Kompetenzzentrum für Cybersicherheit bekommen.

Exekutivpolitiker reisen, und wie steht es mit den Bundesparlamentariern?

Ich war als Präsident unserer Delegation zum Deutschen Bundestag ein paar Mal in Berlin, wo ich unter anderem auch Wolfgang Schäuble treffen durfte. Er ist ein herausragender Mensch und in jeder Hinsicht ein Vorbild.

In der Politik ziehen die Pole immer mehr, darob droht die Mitte zu zerreissen. Teilen Sie diese Ansicht?

Ich war einer, der den Brückenschlag gesucht hat. Die Bereitschaft dazu nimmt leider ab. Kompromisse über die Parteigrenzen hinweg anzustreben, kommt immer seltener vor. Das ist schade.

Sie haben sich in Zug nicht nur einen Namen als Politiker gemacht, sondern auch als Handballer. Hat Ihnen der Sport fürs spätere Leben etwas gebracht?

Handball war meine Welt. Ich war Spieler, Schiedsrichter und Trainer. Klar ist für mich: Das Team ist nur so gut und stark wie das schwächste Glied. Profitiert habe ich vom Sport, da ich in dieser Zeit gelernt habe, mit den Belastungen fertig zu werden. Im Sport lernt jeder auch zu verlieren. Klar ist, dass es keine Strategie ist, in solchen Fällen den Kopf in den Sand zu stecken. So hart es klingen mag, auch mit Niederlagen komme ich weiter, wenn ich die richtigen Schlüsse ziehe. Zudem weiss der Sportler, dass immer gewinnen gar nicht geht. Hinzu kommt, dass der Sportler auch eine gewisse Demut hat und seinen Widerpart respektvoll achten muss.

Haben Sie Ihrem Nachfolger Matthias Michel, der wie Sie in der FDP politisiert, noch ein paar Tipps auf den Weg gegeben?

Matthias Michel ist auf mich zugekommen und wollte ein Treffen mit mir. Ich würde mich hüten, ohne Anfrage aktiv zu werden; gewisse freundschaftliche Empfehlungen helfen beim Start ins Berner Politikerleben aber sicher.

Es ist ja eine wiederholt diskutierte Frage: Ist der Ständerat noch Milizparlament?

Ich schätze, dass Ständerat sein alles in allem mindestens ein 70-Prozent-Job ist. Nebenher noch einen Beruf auszuüben, geht meiner Meinung nach nicht. Ich selber hatte noch ein paar Beratungsmandate.

Der Klimawandel ist nicht mehr zu leugnen. Es geht ja derzeit nur noch darum, in welchem Umfang dies geschieht, und was dagegen unternommen werden soll. Was ist Ihre Haltung in dieser Diskussion?

Ich unterstütze in dieser Frage den von der Parteipräsidentin Petra Gössi vorgezeichneten und parteiintern basisdemokratisch beschlossenen Weg. Dazu gehört zum Beispiel eine Flugzeugticket-Abgabe. Ich erinnere aber gerne daran, dass bei allen Massnahmen die Verhältnismässigkeit zu wahren ist. Den Klimawandel gibt es, aber nun in Hysterie auszubrechen, ist auch nicht die Lösung.

Welchen Film würden Sie sich gerne einmal oder immer wieder anschauen?

Der Stoff von Johanna Spyris «Heidi und Peter» hat mich immer wieder fasziniert. Mittlerweile gibt es ja zahlreiche Fassungen. Ich gebe gerne zu, dass für mich die Heimat etwas Wichtiges ist. Schwinger imponieren mir, weil bei ihnen ein Wort noch ein Wort ist. Aber auch Jodler mag ich. Zum Arbeiten höre ich mir oft Ländlermusik auf Radio Eviva an. Zudem inspirieren mich Jodlerklänge.

Wie halten Sie es mit den verschiedenen Social-Media-Plattformen?

Ich bin ein Facebook- und Twitter-Verweigerer, habe aber seit Jahrzehnten meine Website www.jeder.ch. Das Smartphone ist für mich ein Arbeitsinstrument. Gleiches gilt für das Tablet.

Ihr Heimatort ist Fischingen im südlichsten Zipfel des Kantons Thurgau und in Münsterlingen sind Sie geboren. Fühlen Sie sich als Thurgauer?

Die Klosterkirche von Fischingen ist sehr schön. Ich habe aber keinen Bezug mehr zu dieser Gemeinde. Das Gleiche gilt für Münsterlingen. Meine Heimat ist Unterägeri, wo ich schon lange wohne. Ich sage deshalb voller Stolz: Ich fühle mich als Ägerer.

Hinweis
Joachim Eder ist 68 Jahre alt und wohnt mit seiner Frau in Unterägeri. Er hat für die FDP im Regierungs- wie auch im Kantonsrat politisiert. Bis Anfang Dezember war Eder Ständerat. Er wird als Pensionär noch einige Mandate ausüben, konzentriert sich fortan aber vermehrt auf die Familie.