«Im Himmel gibt es Luftballons» – Zuger Autorin schreibt Kinderbuch über verstorbene Geschwister

Melanie Gerber aus Zug thematisiert in ihrem ersten Kinderbuch die Gefühlswelt eines Mädchens, das seine ältere Schwester verloren hat und nun versucht, das zu verstehen.

Tijana Nikolic
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Die Kinderbuchautorin Melanie Gerber lebt und arbeitet in Zug.

Die Kinderbuchautorin Melanie Gerber lebt und arbeitet in Zug.

Bild: Maria Schmid (Zug, 17.August 2020)

Wer eine Leseratte in der Kindheit war, kann sich bestimmt noch lebhaft an die spannenden Abenteuer-, Fantasie- und Detektivgeschichten der Kinderbücher erinnern, die man damals verschlungen hat. Der Tod oder der Verlust eines Geschwisterteils sind nicht unbedingt Themen, die man mit Kinderbüchern in Verbindung bringt. Doch warum eigentlich nicht? Um die Kinder so lange wie möglich vor schwierigen Themen zu bewahren? Die Neuautorin Melanie Gerber will genau dieses Tabu mit ihrem neuen Buch «Im Himmel gibt es Luftballons» brechen.

Das 80-seitige Buch handelt von der achtjährigen Nora, deren ältere Schwester an Krebs gestorben ist. Gefühlvoll, aber ohne Sentimentalität gibt Gerber Einblick in das Leben und die Gefühlswelt von Nora, die irgendwie versucht, der Krankheit und dem Tod ihrer Schwester einen Sinn zu geben. Während ihre Eltern sich in dieser Zeit trennen und nur selten über das Geschehene reden, findet Nora Unterstützung bei ihrem Nachbarn, der ebenfalls mit einem Verlust kämpft. «Die meisten Kinder kommen sowieso in Berührung mit schwierigen Themen», sagt die zweifache Mutter. Solche Geschehnisse einfach totzuschweigen, würde die Situation noch viel schwieriger für das Kind gestalten. «Das Thema wird viel schwerer, wenn man es als schwer anschaut», ist sich die 35-Jährige sicher.

Die Figur der kleinen Nora sei, bevor die Geschichte überhaupt stand, schon da gewesen. «Ich habe zuerst begonnen, in der Ich-Form zu schreiben, doch Nora hat dann übernommen und die Geschichte nahm ihren Lauf», schildert Gerber die Entstehung. Die geschaffene Figur Nora habe ihr von ihrer verstorbenen Schwester erzählt, und so sei es ungeplant zu der Thematik gekommen. «Ich selber habe keine solchen Erlebnisse gehabt», erläutert Gerber, die im Zürcher Oberland aufgewachsen ist, mittlerweile seit zwei Jahren in Zug lebt und bei einem Verlag arbeitet.

Vier Monate habe sie am Buch geschrieben. Abschliessen konnte sie es während eines Wochenendes im Kloster Wurmsbach in Rapperswil-Jona. «Es fällt mir leichter, für Kinder zu schreiben als für Erwachsene. Ich kann mich in die Kindersprache und in das Denken der Kinder leichter hineinversetzen.» Die Kinderwelt sei eine noch limitierte Welt, in der es vieles zu entdecken gibt. Schon oft habe sie versucht, über unbeschwertere Themen zu schreiben, würde aber immer wieder, fast unbemerkt, in die ernsten Themen zurückrutschen, die sie selber bereits als Kind beschäftigt haben. «Momentan arbeite ich an einem Buch, das sich mit der Flucht aus dem eigenen Land beschäftigt», erklärt die Autorin, die fünf Jahre lang Literatur in Paris studiert hat. Mit ihrer Geschichte ist sie beim Baeschlin Kinderbuchverlag aus dem Glarnerland an der richtigen Adresse. Denn Tabu-Themen gibt es bei dem Verlag keine. «Wir möchten breitfächerig weiterhin auch andere schwierige Themen besprechen oder verschreiben», sagt Verlegerin Gaby Ferndriger.

Schöne Rückmeldungen von betroffenen Familien

Aber auch ganz viele Erwachsene würden «Im Himmel gibt es Luftballons» lesen. «Ich habe sehr schöne Rückmeldungen von betroffenen Familien bekommen, die sogar dachten, dass ich die Mutter aus dem Buch bin», sagt Gerber. Das zeige ihr die Authentizität der Geschichte. Negative Feedbacks habe sie keine bekommen, auch wenn das Thema keine leichte Lektüre sei. Für weitere Bücher habe sie noch sehr viele Ideen. «Ich kann mir auch gut vorstellen, Erwachsenenbücher zu schreiben. Allerdings werden auch in denen Themen wie Verlust, Trauer und Gewalt im Vordergrund stehen», verrät Gerber.