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In den 1970er-Jahren entbrannte ein erbitterter Kampf um Motorboote auf den Zuger Seen

Im Sommer 1971 wurde im Kantonsrat eine Motion eingereicht, an der sich ein politischer «Seekrieg» entlud. Die Wasserskifahrer kämpften gar über Jahrzehnte mit Gegenströmungen.

Raphael Biermayr
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Motorboote, wie hier im Zuger Hafen, sind ein vertrauter Anblick auf den Seen im Kanton.

Motorboote, wie hier im Zuger Hafen, sind ein vertrauter Anblick auf den Seen im Kanton.

Bild: Matthias Jurt (5. August 2020)

«Bei der weltweiten Diskussion, die um die Fragen eines wirksamen Umweltschutzes entbrannt ist, spielt der Kampf gegen den Lärm eine hervorragende Rolle.» Dieser Satz würde in die aktuelle Zeit passen, stammt aber aus dem Jahr 1971. Grüne Anliegen waren damals noch nicht massentauglich. Es war mit dem Zuger Wilhelm Fraefel ein CVP-Kantonsrat, der den Schutz der Umwelt und von Erholungssuchenden im Sinne hatte.

Mit vier Unterzeichnern reichte er eine Motion ein, die die Einschränkung des Motorbootverkehrs auf dem Zuger- und dem Ägerisee forderte. Dies vor dem Hintergrund, dass der Zugersee nach jahrzehntelanger Einleitung von Abwässern alles andere als ein erfrischender Badesee war und der Kanton millionenteure Massnahmen zur Sanierung beschlossen hatte.

Die Forderung des Vorstosses: Die Höchstgeschwindigkeit der Boote sollte auf 20 Stundenkilometer festgelegt werden. Darüber hinaus sollten Abklärungen erfolgen, inwieweit die Ausscheidungen von Verbrennungsmotoren eine ernste Gefahr für die Lebewesen im See darstellten.

Ein generelles Verbot

Noch während diese Abklärungen im Gang waren, reichten drei Jungpolitiker im Sommer 1972 eine Volksinitiative ein, die das generelle Verbot von Schiffen mit Explosionsmotoren auf öffentlichen Gewässern im Kanton forderte. Schliesslich wurde ein Gegenvorschlag mit Abmilderungen ausgearbeitet. Das letzte Wort hatte das Volk – und es entschied nichts: Am 4. März 1973 lehnte es sowohl die Initiative als auch den Gegenvorschlag mit rund 53 Prozent ab.

Die «Zuger Nachrichten» titelten: «Zuger Seekrieg unentschieden.»

Folglich waren Motorboote auf den Zuger Seen weiterhin zugelassen. Doch mittels einer Verordnung des Regierungsrats über die Inbetriebnahme und die Stationierung von Booten wurde den vielen Ja-Stimmen gleichwohl Rechnung getragen.

Die Wasserskianlage hatte nur kurz Bestand

Mit abschlägigen Bescheiden hatte auch der Wasserski-Club Cham (WSC) seine Erfahrungen gemacht. Seine Gesuche für eine Slalomanlage und eine Sprungschanze im Zugersee wurden 1962 und 1972 abgelehnt. 1982 folgte der dritte Anlauf. Noch immer hatte der Regierungsrat etwas dagegen: Die Natur in der Chamer Seebucht sei im Sinne des öffentlichen Interesses zu schützen. Der WSC focht diesen Entscheid beim Verwaltungsgericht an – mit Erfolg. Daraufhin bewilligte der Regierungsrat einen Probebetrieb während dreier Monate im Jahr 1984.

Die Auswirkungen auf die Natur hielten sich Überprüfungen zufolge in Grenzen, weshalb der WSC 1985 die Konzession für den Dauerbetrieb erhielt. Doch der Klub freute sich zu früh: Zwei Umweltorganisationen bekämpften die Anlage bis vor Bundesgericht. Dieses entschied, dass eine solche Anlage nicht nur eine Konzession, sondern auch eine Ausnahmebewilligung verlangt. Dies wegen ihrer Dimensionen: «Die Slalomanlage ist in ihrer Ausdehnung – 23 x 260 m – beachtlich, und die Sprungschanze von 4 x 8 m und einer Höhe bis zu 1,8 m wird deutlich sichtbar sein», heisst es im Urteil.

Und im Allgemeinen dürfe einer Landschaft von nationaler Bedeutung – das Ufergebiet im Choller befindet sich im entsprechenden Bundesinventar – «von der ungeschmälerten Erhaltung nur abgewichen werden, wenn ihr bestimmte, gleich- oder höherwertige Interessen von ebenfalls nationaler Bedeutung entgegenstehen.»

Im Kanton Zug darf nur trainiert werden

Der WSC stellte ein Gesuch für eine Ausnahmebewilligung – der Regierungsrat lehnte dieses im Jahr 1990 ab. Nach der darauffolgenden Niederlage vor dem Verwaltungsgericht gaben die Wasserskifahrer ihr Anliegen auf. Sie dürfen somit im Kanton Zug keine Wettkämpfe bestreiten, aber wenigstens trainieren. Mit einer Geschwindigkeitsbeschränkung auf 20 Stundenkilometer, wie sie in den 1970er-Jahren gefordert worden war, wäre auch das nicht mehr möglich gewesen.

Die elfteilige Serie «Mensch vs. Natur» beleuchtet Projekte, deren geplante Eingriffe in die Landschaft die Emotionen hochkochen liessen. Im 6. Teil lesen Sie heute über die Konfliktzone See. Quelle: «Zug, natürlich», Peter F.X. Hegglin, 2008.

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