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In Zug sollte im heutigen Naturschutzgebiet ein grosser Hafen gebaut werden

Wäre ein ambitiöses Bauprojekt Ende der 1960er-Jahre zwischen der Stadt Zug und Cham zur Ausführung gekommen, so würde der Bevölkerung heute eines ihrer liebsten Naherholungsgebiete fehlen.

Andreas Faessler
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An diesem schönen Flecken hätten Bootshafen und Werft angelegt werden sollen.

An diesem schönen Flecken hätten Bootshafen und Werft angelegt werden sollen.

Bild: Christian H. Hildebrand (Zug, 11. März 2020)

Am Lorzendelta im Choller zwischen den Siedlungsgebieten von Zug West und Cham hat die Natur das Sagen. Die Flachmoore hier und das Ufergebiet sind im Verlauf der Jahrhunderte von der Lorze geprägt worden und stehen unter Naturschutz.

Von dieser einzigartigen Landschaft wäre heute wenig mehr zu sehen, wären die ambitiösen Pläne der Zugersee-Schifffahrtsgesellschaft Ende der 1960er-Jahre umgesetzt worden. Aufgrund respektive als Folge deren Expansionsabsichten war das Lorzendelta als Standort einer Hafenanlage für bis zu 600 Boote sowie eine Werft mit Stegen für die Zugerseeschifffahrt ausgesucht worden. Das Ganze hätte im Bereich der Bucht hinter dem Schiessstand-Kugelfang zu liegen kommen sollen. Die Korporation Zug als Grundeigentümerin war bereit, für das Grossprojekt das notwendige Land abzutreten.

Zu viele Gründe sprechen dagegen

Nachdem das Stadtbauamt im Frühjahr 1969 einen ersten Plan vorgelegt hatte, prüfte die Zuger Baudirektion die Umsetzung und kam zu einem ablehnenden Entschluss. Landschaftlich zu exponiert sei die Lage, und die Natur würde zu stark beeinträchtigt. Auch wäre der Standort zu abgelegen und eine einwandfreie Erschlies­sung sei nur mit unverhältnismässigem Aufwand möglich. Die Stadt erteilte dem Vorhaben schliesslich eine Absage zu Gunsten der Erhaltung der schützenswerten Landschaft.

Einem Bundesratsbeschluss zum Landschaftsschutz von 1972 folgend, erarbeitete der Zuger Regierungsrat einen provisorischen Schutzplan, der auch – und vor allem – das Gebiet Choller betraf. Der Stadtrat schloss sich an. Damit erhielt das Gezerre um die Baupläne neuen Wind: Die Korporation als Grundeigentümerin erhob Beschwerde gegen den provisorischen Schutzplan, weil sie die Wege für den Bau einer Hafen- und Werftanlage weiterhin offenhalten wollte. Vier Jahre hielten die Diskussionen um das Bauprojekt an, bis die Schifffahrtsgesellschaft im Herbst 1976 schliesslich den Verzicht auf ihre Pläne erklärte.

Naturnahe Ufergestaltung

Das Naturgebiet im Choller war gerettet. Jetzt stand die Frage im Raum, wie der in schlechtem Zustand sich befindende Uferbereich am Lorzendelta saniert werden soll. 1983 lag ein ausgereiftes Projekt auf dem Tisch, das schliesslich umgesetzt wurde: Das Seeufer sollte auf landschaftverträgliche Weise saniert und stabilisiert werden. Die Flachwasserzone wurde mit Aushubmaterial aufgeschüttet, welches durch den Bau des Metalli-Zentrums und der Verwaltung am Aabach anfiel, das Ufer wurde mit Bepflanzung gesichert, und geschützte Flächen für Flora und Fauna wurden angelegt.

Nach diesen umfassenden Massnahmen hat sich das Gebiet im Bereich des Lorzendeltas zum heutigen Naherholungsgebiet entwickelt und gilt als Landschaft von nationaler Bedeutung. Spaziergänger, Natur- und Ruhesuchende wie auch Freunde der Freikörperkultur finden hier einen Rückzugsort in unmittelbarer Nähe des Stadtgebietes.

Dass die Pläne für einen Hafen mit Werft seinerzeit abgelehnt worden sind, ist aus heutiger Sicht zweifelsohne als wahrer Glücksfall zu werten.

Die elfteilige Serie «Mensch vs. Natur» beleuchtet Projekte, deren geplante Eingriffe in die Landschaft die Emotionen hochkochen liessen. Im 1. Teil lesen Sie heute über einen Bootshafen mit Werft im Choller. Quelle: «Zug, natürlich», Peter F. X. Hegglin, 2008.