Inkasso
Ein Zuger Unternehmer stand während 51 Jahren im Dienst der Geprellten

Firmengründer Kurt Odermatt führte das Unternehmen Dieinkasso AG zum Erfolg und übergibt es nun seinen Kindern. Von einem Zweimannbetrieb hat es sich zu einer florierenden Aktiengesellschaft mit 50 Angestellten und weltweiten Beziehungen entwickelt.

Cornelia Bisch
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Kurt Odermatt in seinem Büro: Mit der alten Schreibmaschine (links) begann seine Geschäftstätigkeit.

Kurt Odermatt in seinem Büro: Mit der alten Schreibmaschine (links) begann seine Geschäftstätigkeit.

Bild: Maria Schmid (Zug, 1. Juni 2021)

Es gibt kaum etwas, das Kurt Odermatt in dem halben Jahrhundert seiner Geschäftstätigkeit nicht gesehen hat. Privatpersonen, die sich über mehrere Millionen Franken verschuldet hatten, Unternehmen, die an der schlechten Zahlungsmoral ihrer Schuldner zugrunde gingen. Hinter den rund 60000 laufenden Inkassomandaten der Firma Dieinkasso AG verbergen sich Tragödien, Unvermögen, aber auch sehr viel kriminelle Energie.

Nach 51 Jahren Geschäftstätigkeit im 1970 gegründeten Unternehmen übergibt der 73-Jährige das Zepter nun seiner Tochter Miranda, dem Sohn Patrick und der Schwiegertochter Anine Odermatt. Seine Frau Ida, die ihn seit Anbeginn tatkräftig unterstützte, zog sich bereits vor drei Jahren aus dem Geschäftsleben zurück.

Diplomatie und Durchsetzungsvermögen

Beim Dialog mit den Schuldnern stehe der Mensch immer im Zentrum, erklärt Kurt Odermatt.

«Es geht darum, auch in schwierigen Situationen eine gute Lösung zu finden.»

Ein ruhiges, besonnenes Auftreten sei deshalb für alle seine Mitarbeiter Pflicht. «Wir müssen aber auch Härte und Durchsetzungsvermögen zeigen.» Die meisten Schuldner seien an einer gütlichen Einigung interessiert. «Sie wollen im Grunde keine Schwierigkeiten und sind froh über unsere Lösungsvorschläge.»

Aber es gebe auch andere, die gewissenlos unzählige Firmen um Summen in Millionenhöhe prellen würden. Odermatt erklärt:

«Das Strafrecht kommt erst dann zum Zug, wenn eine arglistige Täuschung vorliegt. Das heisst, wenn jemand in Betrugsabsicht handelt.»

Wer aber Waren und Dienstleistungen beziehe, ohne sie bezahlen zu können, werde zwar gepfändet, strafrechtlich jedoch nicht verfolgt. «Hier entstehen der Volkswirtschaft jedes Jahr Verluste in Milliardenhöhe.» (siehe Kasten)

Die Verluste übersteigen die Militärausgaben der Schweiz

Inkassobüros vertreten Gläubiger, welche selbst ihre Schuldner nicht zur Zahlung der ausstehenden Guthaben bewegen können und sorgen dafür, dass abgeschlossene Verträge eingehalten werden. Dies kann einerseits gütlich durch Stundungen beziehungsweise Zahlungsvereinbarungen erreicht werden, andererseits mittels rechtlicher oder gerichtlicher Massnahmen. Wie aus der Betreibungs- und Konkursstatistik der Schweiz hervorgeht, wurden im Jahr 2020 über 2,6 Millionen Zahlungsbefehle registriert. Die Verluste aus Konkursen beliefen sich auf über 8 Milliarden Franken. Ein Schuldner allein zeichnete jedoch für eine Summe von gut 6 Milliarden verantwortlich. Ohne diesen Sonderfall würden sich die finanziellen Verluste lediglich auf über 2 Milliarden belaufen. Weitere 3 bis 4 Milliarden Franken kommen jedoch aufgrund von Pfändungsverlustscheinen hinzu. Im Vergleich dazu: Die Militärausgaben der Schweiz betrugen für das Jahr 2020 5,27 Milliarden Franken. (cb)

Er wurde mehrfach angezeigt

Manchmal richte sich die Wut der hoffnungslos Verschuldeten in Form von Strafanzeigen gegen ihn selbst und seine Mitarbeiter.

«Ich wurde persönlich mehrfach angezeigt wegen übler Nachrede, Bedrohung, Nötigung, Urkundenfälschung und so weiter. Natürlich wurden sämtliche Klagen abgewiesen.»

In einem Fall sei der Schuldner sogar so weit gegangen, die «Zuger Zeitung» zu instrumentalisieren. «Als ich davon erfuhr, nahm ich sofort Kontakt auf mit den Redaktoren und legte sämtliche Fakten auf den Tisch.» Obschon solche Vorwürfe völlig aus der Luft gegriffen seien, müsse er sich ihnen stellen und jeweils hohe Summen für Rechtsbeistände aufwenden.

An Leib und Leben sei er nur einmal bedroht worden, als ein Schuldner plötzlich abends mit einem muskulösen Schlägertypen in seinem Büro aufgetaucht sei. «Glücklicherweise war ich nicht allein. Mein sehr kräftiger Kollege und ich konnten die Situation entschärfen.»

Er beherrscht das Gesetz aus dem Effeff

Obwohl er ursprünglich eine kaufmännische Ausbildung und kein Jurastudium absolviert hat, kennt Kurt Odermatt das Schuldbetreibungs- und Konkursgesetz (SchKG) mittlerweile besser als mancher Anwalt. «Das gehört zum Rüstzeug eines guten Inkassomitarbeiters», stellt er klar. Als junger Mann erfuhr er die Folgen eines Konkurses am eigenen Leib, nachdem ihm sein Lehrbetrieb – auch eine Inkassofirma – den Lehrlingslohn schuldig geblieben war.

«Als ich mich selbstständig machte, hatte ich nichts ausser der Schreibmaschine meines Vaters.»

Sechs Jahre später erwarb Odermatt das Gebäude an der Baarerstrasse 99, wo die Firma heute noch – nun in einem modernen Geschäftshaus – ihr Domizil hat.

Der Unternehmer und seine rund 50 Mitarbeiter an den Standorten Zug und Regensdorf bewirtschaften zirka 60000 Inkassomandate. «Unsere Kundenkartei umfasst 15000 Adressen.» Sie stammen aus allen Segmenten. «Von A wie Ärzte bis Z wie Ziegeleien», so Odermatt. Darunter sind grosse, börsenkotierte Unternehmen, Betriebe des Gesundheitswesens, Transport- und Dienstleistungsunternehmen, das Fahrzeuggewerbe, Produktionsbetriebe, Schulen, Handwerker und Privatpersonen.

Der 73-jährige Kurt Odermatt gründete die Dieinkasso AG an der Baarerstrasse 99 in Zug führte sie während 51 Jahren. Nun gibt er das Geschäft an die nächste Generation weiter.

Der 73-jährige Kurt Odermatt gründete die Dieinkasso AG an der Baarerstrasse 99 in Zug führte sie während 51 Jahren. Nun gibt er das Geschäft an die nächste Generation weiter.

Bild: Maria Schmid (Zug, 1. Juni 2021)

Manchmal reicht nur schon der Briefkopf

Der Erfolg der Dieinkasso AG lässt sich sehen: «45 Prozent aller Mandate lassen sich gütlich beilegen, der Rest muss rechtlich oder gerichtlich geltend gemacht werden.» Oft mache nur schon der Briefkopf der Dieinkasso AG einem säumigen Zahler ordentlich Beine. «Viele begleichen eine lange unbezahlte Schuld unmittelbar nach Erhalt unseres ersten Schreibens», berichtet Odermatt.

In anderen Fällen sei es klug, das Umfeld des Schuldners abzutasten. Der Geschäftsmann erinnert sich an einen Inkassofall mit einer Forderung von über 20000 Franken, bei dem bereits unzählige Betreibungen in sechsstelliger Höhe liefen.

«Bei meinen Recherchen fand ich heraus, dass der Schuldner eine Yacht besass.»

Als er gedroht habe, die Yacht pfänden zu lassen, sei die Zahlung unverzüglich kommentarlos erfolgt.

Gratis Spitalpflege gibt es nicht

Ein weiteres Beispiel betraf einen Mann aus Südafrika, der sich in der Schweiz teure Operationen leistete, am Ende sang- und klanglos verschwand und die Rechnungen und Mahnungen des Spitals als unzustellbar zurückgehen liess. «Wir beauftragten einen Vertrauensanwalt vor Ort, den Mann aufzuspüren.» Dies gelang, die Forderung wurde eingeklagt und der Mann bezahlte die Behandlung.

Dieinkasso AG ist dem Verband Schweizerischer Inkassotreuhandinstitute (VSI) angeschlossen und unterhält Geschäftsbeziehungen zu Treuhand- und Inkassofirmen sowie Rechtsanwälten in 145 Ländern der Welt. «Das Land zu verlassen, gewährt einem Schuldner also noch lange nicht Schutz vor Verfolgung. Wir sind hartnäckig und haben die verschiedensten Möglichkeiten, Leute aufzuspüren.» Dies ist nicht zuletzt dank des Internets wesentlich leichter geworden.

Manchmal lohnt sich der Aufwand nicht

Neben seinen Führungs- und Ausbildungsaufgaben im Betrieb überprüfte Odermatt jede einzelne Kundenrechnung.

«Vor allem bei Konkursen und abgeschriebenen Verlustscheinen verrechnete ich den Kunden nicht den vollen Aufwand.»

Hier müsse man unbedingt vor- und nachgeben, ist er überzeugt. «Ich teile einem Kunden zudem sofort mit, wenn ich die Sache für aussichtslos halte.» Dies sei eine Frage der Seriosität und des Vertrauens.

Kurt Odermatt freut sich auf mehr freie Zeit und weniger Druck im Alltag, bleibt jedoch Präsident des Verwaltungsrats. «Wir haben zwei Grosskinder, denen wir uns gerne widmen werden», verrät er. Ausserdem wird er die im Familienbesitz befindlichen Immobilien verwalten und einige Reisen unternehmen. «Dafür war früher wenig Zeit.»