INTEGRATION: 65 Prozent machen eine Lehre

Asylsuchende im Kanton Zug haben diverse Möglichkeiten, einer Arbeit nachgehen zu können. Das lohnt sich, nicht nur für die Asylsuchenden.

Interview Harry Ziegler
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Vom Bund betreute Asylsuchende vom Gubel ob Menzingen arbeiten im Wald, wie hier im Februar in Walchwil. (Bild Maria Schmid)

Vom Bund betreute Asylsuchende vom Gubel ob Menzingen arbeiten im Wald, wie hier im Februar in Walchwil. (Bild Maria Schmid)

Interview Harry Ziegler

Im Kanton Zug trifft man immer wieder auf Asylsuchende, die Arbeiten verrichten. Wie beispielsweise Aufräumen in Wäldern. Die Beschäftigung ist für beide Seiten lohnend. Jris Bischof, Leiterin des Kantonalen Sozialamtes erklärt, was es mit gemeinnützigen Beschäftigungsprogrammen oder Arbeitsintegration auf sich hat (siehe Box).

Jris Bischof*, wie viele Asylsuchende waren im letzten Jahr in Beschäftigungsprogrammen im Kanton tätig?

Jris Bischof: Im Jahre 2015 waren total 446 Personen aus dem Asyl- und Flüchtlingsbereich, die vom Kanton Zug betreut werden, in Beschäftigungsprogrammen oder arbeitsorientierten Integrationsmassnahmen tätig.

Was waren oder sind das für Programme?

Bischof: Es handelt sich hierbei entweder um interne Programme der Abteilung Soziale Dienste Asyl oder um Programme, die von der Gemeinnützigen Gesellschaft des Kantons Zug (GGZ) angeboten werden.

Um was geht es in diesen Programmen?

Bischof: Bei den internen Programmen geht es um Reinigungs- und Aufräumarbeiten, die innerhalb der Asylunterkunft anfallen. Bei der GGZ geht es um diverse einfache Arbeiten, die keine speziellen Kenntnisse erfordern. Der Kanton Zug hat mit der Gemeinnützigen Gesellschaft Zug (GGZ) eine Leistungsvereinbarung betreffend berufliche Integrationsmassnahmen und Beschäftigungsprogramme abgeschlossen. Das Ziel besteht darin, dass die Personen aus dem Asyl- und Flüchtlingsbereich eine Arbeitsstelle finden.

Was ist unter Beschäftigungsprogrammen und Integrationsmassnahmen zu verstehen?

Bischof: Das sind etwa GGZ-Beschäftigungsprogramme oder Berufsintegrationsmassnahmen, Arbeitstrainings und Praktika etwa im Gastro- oder Reinigungsbereich, Arbeitseinsätze via Jobbörse GGZ, Integrations-Brückenangebot IBA, das Angebot «Einstieg in die Berufswelt EIB» oder SAH-Reinigungskurse. Es gibt noch zahlreiche weitere Angebote.

Wie viele Tage leisteten die eingesetzten Personen 2015 insgesamt?

Bischof: In der internen Beschäftigung leisteten 295 Personen im Jahre 2015 insgesamt 29 014 Stunden Arbeit. Dies entspricht einem durchschnittlichen Einsatz von rund 103 Stunden pro Person.

In welchen Bereichen wurden die Asylsuchenden eingesetzt?

Bischof: Es muss unterschieden werden zwischen den Flüchtlingen, die vom Bund betreut werden, wie auf dem Gubel Menzingen und jenen die vom Kanton Zug betreut werden. Die Gubelflüchtlinge können sich an gemeinnützigen Programmen (GEP) beteiligen. Die Flüchtlinge, die vom Kanton Zug betreut werden, nehmen hingegeben nur an internen Beschäftigungsprogrammen teil oder an den Programmen der GGZ. Sobald das temporäre Bundesasylzentrum auf dem Gubel geschlossen wird, sollen die gemeinnützigen Programme für kantonal betreute Flüchtlinge zur Verfügung stehen. Denn die Erfahrungen damit sind gut. Die Leitung der Programme geht dann an die Abteilung Soziale Dienste Asyl des kantonalen Sozialamts über.

Wie sind die Reaktionen der Institutionen, die vom Einsatz profitieren und der Asylsuchenden?

Bischof: Die Reaktionen bezüglich der gemeinnützigen Beschäftigung im temporären Bundesasylzentrum Gubel sind sowohl von den Institutionen, die vom Einsatz profitieren, als auch von den Asylsuchenden selbst sehr positiv.

Wie ist der Geldwert dieser Leistungen zu beziffern?

Bischof: Diese Rechnung können wir auf die Schnelle nicht machen. Das wäre unseriös. Sagen lässt sich aber, dass die Personen aus dem Asyl- und Flüchtlingsbereich pro geleistete Arbeitsstunde 5 Franken erhalten. Mit diesem Betrag orientiert sich der Kanton Zug an der Regelung des Staatssekretariats für Migration.

Arbeitsintegration oder Beschäftigungsprogramm, was ist die Rolle des Kantons?

Bischof: Der Kanton Zug unternimmt diverse Anstrengungen, um die Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Sie beginnen beim Angebot von Sprachkursen, gehen weiter über diverse Beschäftigungsprogramme, die Unterstützung bei der Lehrstellensuche, den Besuch von beruflichen Brückenangeboten bis hin zur direkten Integration in den Arbeitsmarkt.

Mit welchem Resultat?

Bischof: Rund 40 Prozent der Flüchtlinge und vorläufig aufgenommenen Personen im Kanton Zug sind im Arbeitsmarkt integriert, Stand 31. Januar dieses Jahres. Dies insbesondere wegen der Praxis des Amts für Migration bei der Erteilung von Arbeitsbewilligungen. Mit dieser Erwerbsquote liegt der Kanton Zug schweizweit auf dem vierten Platz. Die Menschen erzielen so ein Einkommen, welches aber nicht in jedem Falle reicht, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Zurzeit überarbeitet das Kantonale Sozialamt in Zusammenarbeit mit dem Amt für Wirtschaft und Arbeit, dem Amt für Berufsbildung und dem Amt für Migration unter Einbezug aller relevanten Partnerinnen und Partnern aus Wirtschaft, Gewerbe und Bildung ein Konzept zur Arbeitsmarktintegration.

Und was ist das Ziel?

Bischof: Angestrebt wird zu Beginn eine Potenzialabklärung, um dann die nächsten Schritte hin zur Arbeitsmarktbefähigung bis zur hoffentlich langfristigen Integration in den ersten Arbeitsmarkt einzuleiten. Im Vergleich zu den anderen Kantonen hat Zug die berufliche Ausbildung dieser Personengruppe schon seit Anfang 2000 gefördert. Er hat damals die Zulassungshürden weitestgehend beseitigt. Ausser der individuellen Voraussetzung wie Sprachkenntnis und schulische Standards, sowie der Wahrscheinlichkeit, die nächsten zwei Jahre in der Schweiz bleiben zu dürfen, verzichtete der Kanton Zug schon damals auf weitere Zulassungsbedingungen.

Verzicht auf weitere Zulassungsbedingungen? Was sollte damit erreicht werden?

Bischof: Dies hat die Integration der Jugendlichen in die Berufswelt vergleichsweise stark gefördert. Auch bei ordentlichen Arbeitsbewilligungen hat der Kanton schon damals, das heisst, ab 2000, keine weiteren Einschränkungen wie Branchenzwang oder das Unterbinden eines Stellenwechsels usw. auferlegt, sofern der Inländervorrang und die Orts- und Branchenüblichkeit des Arbeitsverhältnis geprüft waren und sich die Asyl suchende Person über ein Jahr wohl verhalten hat. Alle diese Aspekte mögen wohl die überdurchschnittliche Beschäftigungsrate erklären.

Hat das «Zuger System» Erfolg?

Bischof: Per 31. Januar dieses Jahres befanden sich 1285 Personen aus dem Asyl- und Flüchtlingsbereich im Kanton Zug. Total leben rund 295 Kinder und Jugendliche zwischen 0 und 18 Jahren im Kanton Zug, davon sind 163 Kinder und Jugendliche im schulpflichtigen Alter, also im Kindergarten und in der Unter- und Oberstufe. Rund 50 Kinder sind im Vorschulalter. Aktuell befinden sich 31 Jugendliche aus dem Asyl- und Flüchtlingsbereich im Kanton Zug in einer Lehre, was unter Ausklammerung der 35 unbegleiteten minderjährigen Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 18 Jahren bedeutet, dass rund 65 Prozent der Jugendlichen aus dem Asyl- und Flüchtlingsbereich im Kanton Zug im Anschluss an die Volksschule eine Lehre absolvieren. Dies ist sehr erfreulich und ermutigend.

Gemeinnützige Beschäftigung

Gemeinnützige Arbeit (auch gemeinnützige Beschäftigung) und Arbeitsintegration sind nicht dasselbe. Diese beiden Begriffe werden wie folgt unterschieden, erklärt Jris Bischof, Leiterin des Kantonalen Sozialamts. Bei der Arbeitsintegration respektive der beruflichen Integration geht es um die Integration der Personen aus dem Asyl- und Flüchtlingsbereich in den Arbeitsmarkt. Ziel ist die Erwerbstätigkeit oder das Absolvieren einer Lehre. Je nach Tätigkeit findet eine Absprache mit dem betroffenen Gewerbe/Branchenverband statt, insbesondere dort, wo ein Gesamtarbeitsvertrag vorliegt.

Gemeinnützige Programme (GEP) dienen dazu, den Asylsuchenden eine Tagesstruktur zu geben und die Asylsuchenden durch eine sinnvolle Beschäftigung bei der lokalen Bevölkerung positiv wahrnehmbar zu machen. Gemäss Art. 6a V-EJPD handelt es sich um Tätigkeiten, welche einem allgemeinen lokalen oder regionalen Interesse des Kantons oder der Gemeinde entsprechen oder ein besseres Zusammenleben mit der ansässigen Wohnbevölkerung fördern. Voraussetzungen dafür sind:

  • Die Beschäftigungen müssen der Gemeinde beziehungsweise dem Kanton einen Nutzen bringen oder ein besseres Zusammenleben mit der Wohnbevölkerung fördern.
  • Sie dürfen keine kommerziellen Interessen verfolgen und dürfen die Privatwirtschaft nicht konkurrenzieren. 
  • Die Beschäftigungen sind in der Regel für eine Gruppe von 8 Personen konzipiert. 
  • Ausgeschlossen sind Arbeiten mit erhöhter Unfallgefahr.
  • Asylsuchende, die über 16 Jahre alt sind.

Gemeinnützige Tätigkeiten sind etwa Unterhaltsarbeiten wie beispielsweise Reinigung öffentlicher Anlagen/Plätze/im Wald oder Schneeschaufeln, Auf- und Abbau bei öffentlichen Anlässen.

Wie läuft ein Programm ab?

Der Kanton Zug als Standortkanton gibt sein Einverständnis zur Durchführung von gemeinnützigen Aktivitäten auf seinem Gebiet und schlägt Aktivitäten für gemeinnützige Programme (GEP) im temporären Bundesasylzentrum Gubel vor. Dazu hat der Kanton Zug eine Leistungsvereinbarung über die GEP mit dem Staatssekretariat für Migration abgeschlossen. Das Staatssekretariat für Migration (SEM) ist verantwortlich für die Führung der Bundesunterkünfte und beauftragt Dritte mit der Betreuung und Beschäftigung der Asylsuchenden. Für Schäden, die von Asylsuchende während der Beschäftigungsaktivitäten verursacht werden, kommt das SEM auf. Krankheits- oder Unfallkosten der Asylsuchenden trägt ebenfalls das SEM.

red

 

*Jris Bischof ist seit 2014 Leiterin des kantonalen Sozialamtes in Zug