INTEGRATION: Das Zuger «Flüchtlings-Mami»

Mitarbeiter des Mandatszentrums übernehmen die Beistandschaft für unbegleitete minderjährige Asylsuchende. Eine davon ist Esther Opoku. Die Jugendlichen vertrauen ihr, nicht zuletzt wegen ihrer Hautfarbe.

Christopher Gilb
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Esther Opoku (rechts) im Gespräch mit einer jungen Afghanin, die vor einigen Jahren gemeinsam mit ihrem Freund in die Schweiz geflohen ist. (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 29. März 2018))

Esther Opoku (rechts) im Gespräch mit einer jungen Afghanin, die vor einigen Jahren gemeinsam mit ihrem Freund in die Schweiz geflohen ist. (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 29. März 2018))

Christopher Gilb

christopher.gilb@zugereitung.ch.ch

Die 27-jährige Esther Opoku sitzt in einem Besprechungsraum im IBA, dem Integrationsbrückenangebot, in Zug. Durch eine Scheibe sieht man den Schulbetrieb. Immer wieder zeigt sie in Richtung der Schüler, die hier unter anderem die notwendigen Kenntnisse in Deutsch für den Einstieg in eine Schweizer Berufsausbildung erhalten. «Ihn habe ich schon betreut, ihn auch, auch ihre Beiständin war ich mal, bevor sie volljährig wurde.» Sie lächelt, während sie das sagt, es ist ein stolzes, mütterliches Lächeln. «Das stimmt, für viele UMA bin ich eine Art Ersatzmutter geworden», sagt die Mitarbeiterin des Mandatszentrums des Amtes für Kindes- und Erwachsenenschutz des Kantons Zug.

17 unbegleitete jugendliche Asylsuchende (UMA) leben derzeit im Kanton Zug. Einst waren es über 50, doch viele von ihnen sind nun volljährig, zudem kommen durch den Rückgang der Flüchtlingszahlen wenige neue dazu. Von Gesetzes wegen wird den UMA, da ihre Eltern nicht mitgekommen oder verstorben sind, ein Beistand zur Seite gestellt. Diese Aufgabe übernehmen im Kanton Zug zwei Mitarbeiterinnen des Mandatszentrums. Eine davon ist Esther Opoku. Rund 20 Prozent ihrer Arbeitszeit kümmert sie sich um die UMA, unterstützt sie, berät sie in Schul- und Ausbildungsfragen, im Bereich Gesundheit und Finanzen und steht bei alltäglichen Problemen oder Sorgen mit Rat und Tat zur Seite. Die restlichen 70 Prozent ist sie für andere Klienten zuständig.

Bachelorarbeit über Genitalverstümmelungen

Die junge Frau wirkt aber nicht, wie man sich die Mitarbeiter einer Behörde vorstellt. Ihr Umgang ist eher ungezwungen, sie könnte auch auf der anderen Seite der Scheibe sitzen, was mit ihrem Alter, aber auch mit ihrer Hautfarbe zu tun hat. «Ich wusste, dass diese Frage kommt», sagt sie. «Ich denke schon, dass meine Hautfarbe ein Vorteil ist. Die UMA sehen mich als einen von ihnen an, und es fällt ihnen leicht, Vertrauen zu mir zu fassen.» Ausserdem fülle sie eine Art Vorbildrolle aus. Im Sinne von: Was sie geschafft habe, schaffe man auch.

Selbst geflüchtet ist Esther Opoku jedoch nicht. Sie hat ghanaische Wurzeln, wuchs aber in Zürich auf, «in Schwamendingen, ein bisschen Ghetto ist es dort schon», sagt sie. Nach der Schule absolvierte sie eine KV-Lehre beim Sozialdepartement der Stadt Zürich. Durch die Themen dort sei ihr Interesse an der sozialen Arbeit geweckt worden. Sie begann daraufhin ein entsprechendes Studium an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Mit Flüchtlingen kam sie zum ersten Mal während eines Praktikums in einem Durchgangszentrum in Kontakt. Dort stiess sie auch auf das Thema für ihre Bachelorarbeit, die sogar publiziert wurde. Sie hat sich darin mit der weiblichen Genitalverstümmelung auseinandergesetzt. «Wir mussten damals den Flüchtlingen erst einmal erklären, dass sich hierzulande niemand einer solchen Tortur unterziehen muss», erinnert sie sich. Nach der Ausbildung fand sie eine Anstellung in Zug, wo sie bereits seit drei Jahren arbeitet. Seit Sommer 2017 auch als Beiständin für UMA fürs Mandatszentrum. 12 UMA betreut sie derzeit. Ihre Klienten kommen grösstenteils aus Eritrea, aber auch aus Afghanistan oder Somalia. «Zwei sind erst 14 Jahre alt», sagt sie. Bisher wohnten die UMA im Kanton Zug im ehemaligen Altersheim Waldheim. Da diese Unterkunft jedoch gerade schliesst, ziehen sie nun gestaffelt ins Kinder- und Jugendheim Lutisbach respektive die Älteren in die Wohngruppe «Room 4U» nach Oberägeri um.

Zu viel Geld fürs Handy ausgegeben

Von ihren Schützlingen werde ein hohes Mass an Selbstständigkeit verlangt, sagt Opoku. «Sie erhalten einen fixen Betrag, das sind, wenn sie noch im Asylverfahren sind, beispielsweise 449 Franken pro Monat. Mit diesem Betrag müssen sie – abgesehen von Wohnung und Krankenkasse, ihren ganzen Lebensunterhalt bestreiten. Als ich so alt war, trug ich nicht eine so grosse Verantwortung.» Viele der UMA seien aber zwei Jahre auf der Flucht gewesen, hätten dabei teils mit wenigen Euro am Tag leben müssen und seien es sich entsprechend eher gewöhnt. Trotzdem bräuchten sie Hilfe. «Wir besprechen beispielsweise, wie viel sie fürs Essen einsetzen wollen – einige Kulturen essen gerne zusammen, was es günstiger macht. Oder für die Freizeitaktivitäten – die Afghanen machen gerne Fitness, die Eritreer spielen begeistert Fussball.» Und auch was die beste Lösung sei, um günstig mit der Familie zu telefonieren. «Fürs Handy wird relativ viel Geld ausgegeben. Meine Aufgabe ist es, klarzumachen, dass dies nicht zu Lasten anderer Dinge gehen darf.» Trotzdem sei es auch schon vorgekommen, dass einer der UMA von einem Mitbewohner Essen geklaut habe, um sein Geld für Telefonate mit der Familie zu sparen.

Insgesamt sei sie aber sehr zufrieden mit ihren UMA, sagt Opoku. «Es handelt sich um ganz normale Jugendliche», sagt sie. Deren Ziel es sei, eine Ausbildung zu machen, einen Job zu finden und dann Geld zu verdienen. «Meine Aufgabe besteht darin, Hilfe zur Selbsthilfe zu geben und ihre Anliegen weiterzuleiten.» Es gebe keine Woche, in der sie nicht in Sachen UMA zu tun habe. Auch jetzt: Immer wieder läuft ein junger Mann nervös am Zimmer vorbei. «Frau Opoku, Frau Opoku», sagt er, als die Tür sich einmal öffnet. Er will sich beschweren, wegen des Umzugs wohnt er übergangsweise in der Durchgangsstation Steinhausen. Ob er nicht stattdessen bei seiner Freundin wohnen dürfe. Esther Opoku schaut ihn leicht skeptisch an: «Da reden wir noch drüber», sagt sie und verspricht einen baldigen Gesprächstermin.