INTEGRATION: Den Berufsalltag kennen lernen

Zwei junge Flüchtlinge aus Eritrea sammeln derzeit in einer Tankstelle in Cham Arbeitserfahrungen. Sowohl beim Team wie bei ihrem Chef hinterlassen sie einen guten Eindruck. Geht es nach den Verantwortlichen, soll so etwas häufiger möglich sein.

Christopher Gilb
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Meren Lebreyesus (links) und Biniam Mesturi füllen in der Tankstelle beim Alpenblick in Cham das Kühlregal auf. (Bild: Werner Schelbert (Cham, 14. Dezember 2016))

Meren Lebreyesus (links) und Biniam Mesturi füllen in der Tankstelle beim Alpenblick in Cham das Kühlregal auf. (Bild: Werner Schelbert (Cham, 14. Dezember 2016))

Christopher Gilb

christopher.gilb@zugerzeitung.ch

Eigentlich dachte der 18-jährige Meren Lebreyesus, er würde bei der Shell-Tankstelle beim Alpenblick in Cham als Tankwart arbeiten. Er hat dies in seiner Heimat Eritrea schon einmal gemacht. «In der Tankstelle, in der er gearbeitet hat, haben sie das Benzin noch von Hand hochgepumpt», erklärt sein derzeitiger Chef Clemens Sidler. Dass in eine Tankstelle hierzulande meist auch ein kleiner Supermarkt integriert ist, daran hatte Lebreyesus gar nicht gedacht. Doch genau in diesem kann er jetzt seit August dieses Jahres arbeiten. Er füllt Regale auf, ordnet die Waren und nimmt Lieferungen entgegen. Auch Biniam Mesturi macht seit Anfang August eine sogenannte Arbeitserprobung in der Shell-Tankstelle in Cham. Auch er stammt aus dem ostafrikanischen Land Eritrea und ist gleich alt wie Lebreyesus. Die beiden haben sich im Jugendwohnheim Waldheim in Zug kennen gelernt, wo der Kanton die unbegleiteten minderjährigen Asyl­suchenden (UMA) unterbringt.

Dass sie derzeit die Möglichkeit haben, einen Einblick ins Schweizer Berufsleben zu erhalten, geht auf die gemeinsame Initiative der Shell Switzerland AG und des Sozialamts des Kantons Zug zurück. «Noch nie waren so viele Menschen auf der Flucht wie heute. Wir dachten, es wäre einen Versuch wert, über dieses Angebot etwas zur Arbeitsintegration von Flüchtlingen beizutragen», sagt die Presseverantwortliche von Shell Karin Lodewick. Sie hoffe, dass die erfolgreiche Durchführung des Pilotprojektes Signalwirkung für andere Unternehmen habe.

Schon einmal Asylsuchenden beschäftigt

Eine wichtige Rolle bei der Realisierung hat Clemens Sidler gespielt, der mehrere Shell-Tankstellen in der Schweiz, unter anderem jene in Cham und in Rotkreuz, betreibt. «Vor einiger Zeit, als ich noch einen Werkstattbetrieb hatte, habe ich schon einmal während zwei Jahren einen Asylsuchenden beschäftigt und dabei nur gute Erfahrungen gemacht. Deshalb war ich bereit, es mit den zwei UMA zu probieren», sagt Sidler. Er habe dann sein Team vor Ort gefragt, und auch dieses habe keine Vorbehalte gehabt. «Der einzige Unterschied zwischen den beiden und anderen Schnupperstiften sind die Deutschkenntnisse», sagt Sonja Burri, die Betriebsleiterin in Cham und direkte Vorgesetzte der beiden. «Die zwei sind ganz normale junge engagierte Leute.» Weder habe es bisher schlechte Rückmeldungen von den Kunden noch von den Mitarbeiterinnen gegeben, vom Umgang mit Frauen bis zur Pünktlichkeit habe alles gut geklappt, sagt Burri.

Die beiden Eritreer sind seit Anfang 2014 in der Schweiz. Auf die Frage, wieso sie in die Schweiz kamen, antworten beide: «Aus Angst vor dem Militärdienst.» Laut UNO-Berichten ist Eritrea ein totalitärer Staat, junge Frauen und Männer werden zum Militärdienst zwangsverpflichtet – wie lange sie diesen leisten müssen, liegt nicht in ihrer Entscheidungsgewalt. Anfang 2016 wurden Lebreyesus und Mesturi vom Bund dem Kanton Zug zugewiesen. Bis zu ihrem 18. Geburtstag lebten sie im ehemaligen Alterszentrum Waldheim in Zug, jetzt wohnen sie in einer kleinen Wohngemeinschaft in der Liegenschaft Salesianum zwischen Oberwil und Zug. Tagsüber besuchen sie das vom Kanton finanzierte Integrations-Brücken-Angebot (IBA) und erhalten Unterricht in Deutsch, Mathematik, Englisch, Gesellschaft und Berufskunde.

Das Haltbarkeitsdatum war etwas Neues für ihn

Einer der Betreuer der zwei im Brückenangebot war der Sozialpädagoge Severin Märki. Er zählt auf, wieso solche Arbeitserprobungen so wichtig sind: «Die jungen Menschen lernen, Hemmungen abzulegen, lernen den Schweizer Berufsalltag kennen, im Team zu arbeiten, und vor allem fühlen sie sich nützlich.» Die grössten Schwierigkeiten, erzählt Lebreyesus, der wie sein Kollege alle Fragen auf Deutsch beantwortet, habe ihm das Haltbarkeitsdatum bereitet. Seine Vorgesetzte Sonja Burri nickt. In der Tankstelle werden die Waren jeweils in der Reihenfolge ihres Haltbarkeitsdatums präsentiert. Lebreyesus musste also immer die Daten durchsehen und die Verpackungen dementsprechend organisieren. «So ein System kenne ich aus Eritrea nicht», sagt Lebreyesus. Am meisten Spass hingegen habe es ihm gemacht, die Kühl- und Gefrierschränke aufzufüllen. Dahinter liegt ein begehbarer Kühlraum. «Dort war es im Sommer immer schön frisch», erinnert sich der junge Mann. Für die Arbeitserprobung ausgesucht wurde die beiden laut Märki, weil sie schon über gute Deutschkenntnisse verfügen und durch gute Leistung auf sich aufmerksam gemacht haben. Trotzdem sei dies ein problematischer Punkt. «Wenn es so ein Angebot in Zukunft fest geben soll, sollten auch alle UMA die Möglichkeit haben, solch eine Erfahrung machen zu können.» Seine Freunde hätten ihm öfter gesagt, dass sie auch gerne arbeiten würden, bestätigt Biniam Mesturi.

Eigentlich sollten die beiden nur für zwei Monate in der Tankstelle in Cham arbeiten, doch nach einer Auslegeordnung mit allen Beteiligten konnte die Erprobung verlängert werden. Gemeinsam habe man verschiedene Punkte definiert, die noch verbessert werden könnten. «Sie waren beispielsweise im Kundenkontakt noch etwas gehemmt und wollten probieren, sich noch mehr zu öffnen», erklärt Severin Märki. Bis Ende Dezember können die beiden Eritreer jetzt weiterhin zweimal in der Woche für vier Stunden in der Tankstelle arbeiten. Entlöhnt werden sie für ihre Arbeitszeit dort jedoch nicht, da es sich bei ihrer Arbeitserprobung im Grunde um eine Schnupperlehre handelt, für die kein Lohn bezahlt werden darf. Damit die beiden trotzdem nicht das Gefühl haben, umsonst zu arbeiten, hatte Tankstellenleiter Sidler eine Idee. «Sie gingen mit Frau Burri auf unsere Kosten Winterkleider einkaufen», sagt Sidler. Dadurch, dass sie keine Entlöhnung erhalten, sei es auch schwierig gewesen, eine Unfallversicherung für sie abzuschliessen. «Ich habe die Suva angerufen und wurde als Erstes gefragt, wie viel sie denn verdienen», erinnert sich Siedler. Nach etlichen Telefonaten habe man dann doch eine Lösung gefunden. Die beiden konnten über ihre normale Krankenversicherung mitversichert werden.

Praktische Integrationsschwierigkeiten

Beide würden gerne in Zukunft eine Lehre beginnen. Biniam Mesturi ist schon im zweiten Jahr des IBA und kann nächstes Jahr eine Ausbildung starten. Möglicherweise sogar bei Clemens Sidler. «Es ist nicht so, dass ich ihn bevorzugen würde, aber dadurch, dass er schon hier geschnuppert hat, hätte er intakte Chancen», sagt Sidler. Eine Voraussetzung für ihn sei aber, dass Mesturi während seiner Lehre von einer Institution wie dem Bildungsnetz Zug betreut würde. «Wir haben keine Kapazitäten, die Lehrlinge auch in Schulfragen zu betreuen, deshalb wäre diese Entlastung wichtig für uns.» Auch Biniam Mesturi zeigt Interesse an einer Lehre in der Tankstelle in Cham. «Mir macht es Freude, hier zu arbeiten.» Und wie sind ihre Integrationserfah­rungen ausserhalb der Tankstelle? Bi­niam Mesturi hat schon Fussball gespielt. Er kickte für den FC Baar, und Meren Lebreyesus hat hier schon bei einer Tanzgruppe mitgemacht. Doch insgesamt sei es nicht so einfach. «Wenn wir auf der Strasse eine Frage haben, laufen viele sofort weg. Ich glaube, das liegt daran, dass wir schwarz sind», resümiert Meren Lebreyesus.

Nachgefragt

«Zug steht im Vergleich gut da»

Für die Betreuung der UMA in Zug ist das Sozialamt zuständig. Amtsleiterin Jris Bischof gibt Auskunft über die Möglichkeiten zur Arbeitsintegration im Kanton.

Wie viele UMA betreut Zug?

Bischof: Aktuell betreut der Kanton Zug 49 unbegleitete minderjährige Asylsuchende, davon leben 45 im UMA-Jugendwohnheim Waldheim.

Wie steht Zug bezüglich Arbeitsmarktintegration von UMA da?

Der Kanton Zug steht im schweizweiten Vergleich gut da. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass im Kanton Zug die berufliche Ausbildung von vorläufig Aufgenommenen schon seit Anfang 2000 gefördert wird. Auch bei ordentlichen Arbeitsbewilligungen hat der Kanton schon damals die meisten Zulassungshürden beseitigt, wie beispielsweise den Branchenzwang oder das Verbot von Stellenwechseln.

Welche konkreten Arbeitsintegrationsprogramme bietet der Kanton für UMA an?

Wir bieten verschiedene Sprachkurse, Beschäftigungsprogramme, Brückenangebote, das Passagenpraktikum in der Landwirtschaft, Schnuppereinsätze sowie Unterstützung bei der Stellensuche oder der Suche nach einem Praktikumsplatz an. Die Zusammenarbeit mit Shell bei dem Angebot in Cham hat uns sehr gefreut, und wir hoffen, dass sich in Zukunft noch weitere Firmen für solch eine Kooperation bei uns melden.

(cg)