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INTEGRATION: Lehrstelle für Syrer: Eine Lösung mit Beigeschmack

Fast wäre es so weit gekommen und der 21-jährige Syrer Abdulmalik Baker, der im Kanton Zug lebt, hätte seine Lehrstelle nicht antreten können. Doch sein Lehrmeister stellte sich der Bürokratie.
Christopher Gilb
Abdulmalik Baker kann jetzt zwar eine Lehre starten, jedoch nicht diejenige, für die er eine Zusage erhalten hatte. (Bild: Maria Schmid (13. Juni 2017))

Abdulmalik Baker kann jetzt zwar eine Lehre starten, jedoch nicht diejenige, für die er eine Zusage erhalten hatte. (Bild: Maria Schmid (13. Juni 2017))

Christopher Gilb

christopher.gilb@zugerzeitung.ch

In der Ausgabe vom 19. Juni berichteten wir über Abdulmalik Baker aus Syrien. Er besuchte damals dank viel Einsatz einer befreundeten Schweizer Familie und der Lehrkräfte der Kantonsschule Zug als Gastschüler den Unterricht dort, um seine Deutschkenntnisse zu vertiefen und Teil eines sozialen Gefüges zu sein. Damals sprach der 21-Jährige, der vor etwa drei Jahre Jahren vor dem syrischen Bürgerkrieg in die Schweiz floh, schon fliessend Deutsch und auch schon passabel Schweizerdeutsch. Für den Sommer hatte Abdulmalik zudem die Zusage für die Lehrstelle seines Wunsches als Informatiker bei der GWF Messsysteme AG in Luzern.

Doch Abdulmalik war nervös, trotz Intervention seines zukünftigen Lehrmeisters und des Betreuers für Gastschüler an der Kantonsschule Zug hatte das Staatssekretariat für Migration in Bern noch nicht über seinen Antrag auf eine Aufenthaltsbewilligung entschieden. Er machte sich Sorgen, dass er deshalb seine Lehre nicht würde antreten können. Am 21. August kann er dies nun, trotz weiterhin fehlender Aufenthaltsbewilligung; welchen Aufwand sein Lehrmeister dafür aber betreiben musste, kann dieser selbst bis heute kaum fassen.

Luzern zog Bewilligung zurück

Doch von Anfang an: Ende 2016 übernahm Jürgen Schmitt, der zuvor jahrelang bei einem Grosskonzern gearbeitet hatte, die Leitung der Informatik der GWF Messsysteme AG. «Mir war es ein grosses Anliegen, wieder Lehrlinge ausbilden zu können, auch um meine Erfahrung weitergeben zu können», sagt der 51-Jährige. Er schrieb also eine Lehrstelle aus. «Die Bewerbungen, die ich erhielt, liessen teilweise wirklich zu wünschen übrig, auch was die Rechtschreibung betrifft.» Doch dann habe er die Bewerbung von Abdulmalik gesehen. «Sie war fehlerfrei», sagt Schmitt. Er habe diese interessant gefunden, jedoch vorerst noch auf die Seite gelegt. Doch irgendwann habe er ihn dann einfach einmal angerufen. «Ich werde nie vergessen, wie das Gespräch begann. Abdulmalik hat sich auf Deutsch ausführlich dafür bedankt, dass ich ihn nur schon angerufen habe.» Und so kam es, dass Jürgen Schmitt sich für Abdulmalik entschied. Hier könnte die Geschichte mit einem Happy End enden, tut sie aber nicht. «Ich bin drei Monate lang herumgerannt», erinnert sich Jürgen Schmitt heute. Denn es wurde ihm nicht einfach gemacht, Abdulmalik anzustellen. «Wir hatten den Lehrvertrag für Abdulmalik schon beim Amt für Berufsbildung bewilligen gelassen, als sich das Amt für Migration des Kantons Luzern einschaltete.» Bei diesem gelte derzeit die Praxis, dass Lehrstellen an Personen im Asylverfahren ob mit innerkantonalem oder ausserkantonalem Wohnort nicht bewilligt werden. Deshalb sei die Bewilligung wieder zurückgezogen worden. Obligatorisch ist diese Praxis hingegen nicht, denn grundsätzlich gilt die Regel, dass Asylsuchende nur die ersten drei Monate nach der Einreichung ihres Antrags keiner Erwerbstätigkeit nach­gehen dürfen.

Lösung über Nidwalden klappte nicht

Schmitt kämpfte aber weiter um seinen Wunschlehrling: «Als wir dann feststellten, dass es mit Abdulmaliks Aufenthaltsbewilligung zum Lehrstart wahrscheinlich nichts wird, haben wir uns in der Firma allesamt zusammengesetzt und nach anderen Lösungen gesucht.» Schmitt wollte daraufhin Abdulmalik über einen Zulieferer in Nidwalden anstellen lassen, in der Hoffnung, dass das dortige Migrationsamt toleranter als das Luzerner sei. «Die Stelle wurde aber von Nidwalden nicht bewilligt.» Als Begründung sei ihm gesagt worden, dass der Kanton erst mal die eigenen Flüchtlinge in Arbeit und aus den Sozialkosten raus bringen wolle. Schmitt ging also auf die Suche nach Partnern im Wohnkanton von Abdulmalik, dem Kanton Zug. «Eine Möglichkeit wäre gewesen, ihn über den Berufsbildungsverbund Bildxzug anzustellen», so Schmitt. Bildxzug wird normalerweise von Unternehmen genutzt, die sonst aufgrund ihrer Grösse oder fehlender Voraussetzungen nicht in der Lage wären, Lehrlinge auszubilden. Einer der angebotenen Lehren ist die Informatikerlehre, die Abdulmalik gerne gemacht hätte. Im Normalfall findet der praktische Teil dann im Betrieb und der theoretische bei Bildxzug statt. Bildxzug stellt dem Betrieb dann die geleisteten Arbeitstage, Schultage, Ferientage, Abwesenheiten infolge Krankheit oder Unfall und Seminare in Rechnung, die überbetrieblichen Kurse werden nicht verrechnet.

Zuger Lösung gefunden

Im Fall von Abdulmalik wäre dies jedoch anders gewesen. «Es ­wurde verlangt, dass, falls ihm die Aufenthaltsbewilligung versagt wird, wir das Geld für die Kurse, die im Kanton Zug bei ­Roche Diagnostics in Rotkreuz durchgeführt werden und dort insgesamt 25000 Franken kosten, an den Verbund zurückerstatten und dementsprechend eine Garantie leisten müssen», so Schmitt. Dazu sei er bereit gewesen und hätte dies auch aus eigener Tasche gemacht. Doch dann zeichnete sich eine andere Lösung ab, und zwar über das Bildungsnetz Zug. Das ebenfalls Verbundlehren anbietet, mit dem Ziel, Jugendlichen, die eher praktisch begabt sind, jedoch Lernschwierigkeiten haben, trotzdem zu einer Grundausbildung zu verhelfen. Das Bildungsnetz bietet zwar nur die zweijährige Informatikpraktiker-Lehre an, die Kurse für diese finden jedoch ­ im ICT-Berufsbildungszentrum Zentralschweiz in Adligenswil bei Luzern und nicht in Rotkreuz statt. «Das hat mehrere Vorteile für uns», so Schmitt. Einerseits sei dies die räumliche Nähe zum Betrieb und andererseits die Kosten. «Im Kanton Luzern kosten die Kurse nur halb so viel wie im Kanton Zug», so Schmitt. Und falls Abdulmalik die Bewilligung erhalte, habe er immer noch die Möglichkeit, in die klassische Informatikerlehre zu wechseln.

Kritik am Kantönligeist

Für Abdulmalik wurde die GWF Messsysteme AG in Luzern also zum Partnerbetrieb des Bildungsnetzes Zug. Explizit lobt Schmitt den Kanton Zug, der die Anstellung sehr speditiv ermöglicht habe, aber auch die Wirtschaftsförderung Luzern, die sich sehr engagiert habe, doch noch eine innerkantonale Lösung in Luzern zu finden, was dann aber an der geltenden Praxis gescheitert sei. Verwundert zeigt er sich auch deshalb über das Integrationssystem generell. «Erstens schauen die Kantone im aktuellen System nur für sich selber, sodass Anstellungen über die Kantonsgrenzen hinweg extrem schwierig sind, obwohl der Flüchtling sich ja nicht aussuchen kann, welchem Kanton er zugewiesen wird.» Und zweitens sei es wünschenswert, wenn bei Flüchtlingen wie Abdulmalik, die sich vorbildlich integrieren, auch eine Ausnahme möglich sei und das Asylverfahren beschleunigt werden könnte. Nächste Woche beginnt Abdulmalik jetzt seine Lehre. Er sei überglücklich, sagt er auf Nachfrage. Noch glücklicher wäre er aber, wenn er endlich seine Aufenthaltsbewilligung bekommen würde.

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