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INTEGRATION: Nacherziehung auf dem Bauernhof für jungen Afrikaner

Ein junger Afrikaner, der auf die schiefe Bahn geraten war, blüht bei einer Zuger Bauernfamilie richtig auf. Inzwischen kann er sogar Schulden abbauen – doch die Herausforderungen bleiben.
Flüchtling Abdil Iatah Mohamed bei der Arbeit in der Landwirtschaft auf dem Hofgut von Eschbach in Fluellinsdorf im Kanton Basel-Land. (Bild: Keystone / Patrick Staub)

Flüchtling Abdil Iatah Mohamed bei der Arbeit in der Landwirtschaft auf dem Hofgut von Eschbach in Fluellinsdorf im Kanton Basel-Land. (Bild: Keystone / Patrick Staub)

Rahel Hug

rahel.hug@zugerzeitung.ch

Verschiedene Arbeitgeber, die GGZ und auch eine Zuger Betreuungseinrichtung: Sie alle hatten sich an Aron* die Zähne ausgebissen. Diverse Integrationsangebote waren beim jungen Ostafrikaner gescheitert. Der Mann, Mitte 20, war immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt geraten, unter anderem wegen Cannabis und Schlägereien. Kurz: Er war richtig auf der schiefen Bahn – und ihn von dieser wieder wegzubringen, schien fast ein Ding der Unmöglichkeit.

Doch seit einigen Monaten gibt es Hoffnung für Aron. Er hat auf einem Bauernhof im Kanton Zug ein neues Zuhause gefunden. Dort packt er seit dem vergangenen Herbst mit an. Die Bauernfamilie bietet ihm im Gegenzug Kost und Logis – und unterstützt Aron mit viel Geduld dabei, sein Leben sinnvoller und zuverlässiger zu gestalten.

Pünktlichkeit ist bei der Arbeit das A und O

Sowohl Aron als auch das Ehepaar Karin und Rolf Müller* möchten nicht namentlich erwähnt werden. Aus gutem Grund: «Ehemalige Kollegen von mir gönnen es mir nicht, dass ich hier einen geregelten Alltag habe und etwas Geld sparen kann. Sie möchten dann Geld oder anderes von mir, was wiederum Streit auslösen kann», erzählt Aron. Und der Bauer, Vater von fünf Kindern, ergänzt: «Er muss lernen, zuerst einmal seine eigenen Probleme in den Griff zu bekommen.»

Auf dem Bauernhof arbeitet der frühere Flüchtling, der als Teenager in die Schweiz kam, im Stall, hilft beim Füttern der Rinder, beim Putzen und kontrolliert die Hühner. Für den Landwirt Rolf ist Pünktlichkeit das A und O. «Einmal ist er zu spät zur Arbeit erschienen. Er hat noch eine zweite Chance bekommen, doch es war die letzte. Wenn er nicht erscheint, dann muss er sich abmelden.» Ausserdem seien Drogen auf seinem Hof tabu. Trotz oder vielleicht gerade wegen der klaren Regeln gefällt die landwirtschaftliche Arbeit dem jungen Mann. «Es lässt mich die alten Geschichten vergessen, und es lenkt mich ab.»

Doch die Vergangenheit hat ihre Spuren hinterlassen – und holt den jungen Mann immer wieder ein. In der Nacht plagen ihn bisweilen Albträume, manchmal entgeht er nur knapp Konflikten, die er früher mit Gewalt zu lösen versucht hat. Und da ist noch der Schuldenberg, den Aron abzubauen hat. Handyrechnungen, Bussen, Betreibungen – in den vergangenen Jahren haben sich viele Einzahlungsscheine angesammelt. Mit Hilfe von Bäuerin Karin, die mit ihm ein Budget aufgestellt hat, konnte er inzwischen einen Teil davon begleichen. «Es war viel Überzeugungsarbeit nötig», erzählt sie. «Doch inzwischen hat er es gut im Griff. Er lebt sehr bescheiden und weiss, dass er sorgfältig mit seinem Geld umgehen muss.»

Aron ist bei einem Sozialdienst einer Zuger Gemeinde angemeldet und erhält monatlich Sozialhilfe plus den Beitrag der Integrationshilfe. Das Geld verwaltet die Bauernfamilie für ihn. Den Kontakt zur Bauernfamilie hat der Sozialdienst gemeinsam mit einem Coach hergestellt.

«Ich bin allen Beteiligten sehr dankbar, dass sie mir das alles ermöglichen», sagt Aron, der sich dessen bewusst ist, dass er diese Chance nicht verspielen darf. Doch weshalb hat es gerade hier geklappt? Wie hat es die Familie Müller geschafft, seine Motivation zu wecken? «Sie sind ehrlich und direkt zu mir, und sie wollen mich nicht verbiegen», erklärt er.

Ein Mitglied der Familie geworden

Als «Gangster» sei seine neue Arbeitskraft am ersten Tag auf dem Hof erschienen, blickt Bauer Rolf zurück. «Die Grosskinder haben zuerst schon grosse Augen gemacht.» Inzwischen habe sein Sohn Aron neue Hosen gekauft, berichtet er, und sein Gegenüber lacht laut. Der «Problemjugendliche» ist ein Teil der Familie geworden. Mit den Kindern, die noch daheim leben, spielt er abends beispielsweise fleissig Schach, dabei verbessert er auch seine Deutschkenntnisse.

Was motiviert die Bauernfamilie, mit Aron zu arbeiten, im Wissen, dass das Risiko eines Rückfalls stets besteht? «Unsere Kinder könnten selber in dieser Situation sein», antwortet Rolf Müller bescheiden. Und fügt an: «Wir begegnen uns auf Augenhöhe. Mit seinem Lachen und seiner aufgestellten Art gibt er uns viel zurück.» Der grösste Wunsch von Aron ist es, einmal mit Menschen zu arbeiten. «Ich würde gerne eine Lehre in einem Altersheim machen.» Bis dieser Traum wahr werden kann, muss sich noch einiges tun. Doch der junge Mann ist sich sicher: Es wird vorwärtsgehen, wenn auch in kleinen Schritten. Der Bauer, der für ihn mittlerweile sowohl Vaterfigur wie Vorgesetzter ist, sagt: «Wir glauben an ihn, denn er ist ein kluges Köpfchen. Aber er muss das auch wirklich selber wollen.»

Hinweis:
* Namen von der Redaktion geändert.

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