INTERNET: «Privatsphäre ist eine eher neue Sache»

Kritik an der Plattform Facebook ist nichts Neues. Alexander Bernold hinterfragt die Kritiker – mit erstaunlichem Ergebnis.

Valeria Wieser
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Droht Gefahr? Alexander Bernold hat sich mit den Warnungen vor den Social-Network-Plattformen im Internet auseinandergesetzt. (Bild Stefan Kaiser)

Droht Gefahr? Alexander Bernold hat sich mit den Warnungen vor den Social-Network-Plattformen im Internet auseinandergesetzt. (Bild Stefan Kaiser)

Dass bei Social-Network-Plattformen wie Facebook Vorsicht geboten ist und dass derartige Websites Gefahren für die Privatsphäre bergen, ist mittlerweile Allgemeingut. Es gibt zahlreiche warnende Broschüren, Bücher und Zeitungsartikel zum Thema, regelmässig informieren sich Facebook-Nutzer gegenseitig über Bedrohungen – meist aufgrund von Gerüchten. Alexander Bernold hat sich in seiner Maturaarbeit nicht mit den tatsächlichen Gefahren auseinandergesetzt: Vielmehr hat er sich als Kritiker der Kritiker positioniert und so versucht herauszufinden, mit welchen sprachlichen Mitteln solche Warnungen geäussert werden und was sie beim Nutzer bewirken. Der 19-Jährige erklärt: «Die Quintessenz aus meiner Arbeit ist, dass die oft zugespitzten, reisserisch formulierten Warnungen bei Facebook-Nutzern vor allem Ängste wecken. Dieses Unbehagen führt zu einer Veränderung des User-Verhaltens.»

Durch solche Bedrohungsszenarien würden wir beispielsweise plötzlich zweimal überlegen, bevor wir Fotos auf Facebook stellen. «Und das aufgrund von sehr fragwürdigen Geschichten, die von diffusen Mächten und Angst einflössenden Beispielen erzählen.»

Appell an die Eigenverantwortung

Dennoch betont Alexander Bernold, dass er selber sehr kritisch eingestellt sei gegenüber Social-Network-Sites: «Die Menschen sollen jedoch selber die Verantwortung für ihr Handeln tragen und sich klar bewusst werden, was man mit der Öffentlichkeit teilen will und was nicht.» Die Sensibilisierung für dieses Thema soll ohne schrille Warnungen und vor allem mit Medienunterricht an Schulen geschehen. In einem zweiten Ansatz hat Bernold in die Vergangenheit geblickt und sich der Frage gewidmet, wie die Idee einer Privatsphäre denn überhaupt entstanden ist. «Die Privatsphäre ist, entgegen einigen Aussagen in den von mir behandelten Büchern, eine eher neue Sache. Erst Ende des 18. Jahrhunderts entstand bei der bürgerlichen Schicht eine Art brüchige, graduelle Privatsphäre.»

Ein Ausgleich zur Biochemie

In vielschichtiger, aufwendiger Vorgehensweise ist eine Arbeit entstanden, die einerseits sehr informativ ist und andererseits spannende Gedanken und gar philosophische Ansätze beinhaltet. «Vielleicht kann man meine Maturaarbeit mit einem Baum vergleichen, dessen zahlreiche Äste in verschiedene Richtungen wachsen», erklärt der 19-Jährige, der für sein Alter überlegt und entschlossen wirkt. Tatsächlich hat sich Bernold mit einer grossen Palette an Büchern über Schiller und Foucault bis hin zu sozialkritischer Fachliteratur vorbereitet. Es wird schnell klar, dass für Bernold die Maturaarbeit kein zwingendes Übel war. Vielmehr hat er sich sehr bewusst und mit grosser Motivation an die Arbeit gewagt. «Das Thema Privatsphäre und Facebook ist mir per Zufall eingefallen», sagt er. Den geisteswissenschaftlichen Ansatz hat Bernold mit seinem Thema jedoch bewusst eingeschlagen. Sein Schwerpunktfach in der Schule ist Biochemie, dieses Jahr kam Physik als Ergänzungsfach dazu. «Ich konnte mit meiner Arbeit einen Ausgleich zu den naturwissenschaftlichen Fächern schaffen und mich auf diese Weise intensiv mit Geschichte, Soziologie und Medienwissenschaften befassen.»

Stress habe er während des Erarbeitens nie empfunden, erklärt der Zuger, der die Maturaarbeit fast drei Monate vor Abgabedatum eingereicht hat. Bereits in den Sommerferien zwischen dem vierten und fünften Schuljahr, also eineinhalb Jahre vor Abgabe, hat der Schüler Ideen gesammelt und Bücher gesucht. «Während eines Jahres habe ich mich primär ins Thema eingelesen», erklärt der 19-Jährige. «Dabei standen mir hauptsächlich zwei Menschen zur Seite. Zum einen hat mir mein Lehrer und Betreuer Philippe Weber viel geholfen, zum anderen habe ich viel mit meinem Vater diskutiert. Das half mir dabei, über Themen zu reflektieren und eigene Ideen zu entwickeln.»

Eine nominierte Maturaarbeit

Die lange Vorbereitungszeit hat sich für den Kantonsschüler ausgezahlt. In der Bewertung des Maturanden wimmelt es von Wörtern wie «herausragend», «exzellent» und «brillant». «Meine Arbeit wurde auch für die Prämierung besonders guter Maturaarbeiten nominiert», erklärt der Zuger. «Aber ich glaube nicht, dass ich ihn gewinne», meint er bescheiden. Eine der Nebenwirkungen von Bernolds Arbeit ist, dass er nun Facebook ganz anders wahrnimmt. «Oft frage ich mich, ob jemand sich seines Verhaltens bewusst ist, oder ich merke, dass sich jemand sehr geschickt in Szene setzt und Facebook dazu benutzt, um sich eine konkrete Rolle zu verschaffen.» Die Quintessenz, die der Kantonsschüler aus seiner Maturaarbeit ziehen konnte, ist jedoch eine nachhaltigere. «Ich bin mir darüber bewusst geworden, wie oft im Alltag mit Bedrohungsszenarien gearbeitet wird. Die Politik ist dafür ein gutes Beispiel. Aber auch Medien verschaffen sich Macht, indem sie den Leser durch bewusst eingesetzte sprachliche Mittel mit realen oder fiktiven Bedrohungen konfrontieren.»

Nach der Matura legt der 19-Jährige ein Zwischenjahr ein, um den Militärdienst zu absolvieren. «Ich werde in der RS als Sappeur, also Brückenbauer, tätig sein.» Das passt, denn Bernold will nach dem Militär an der ETH Bauingenieur studieren.