IRRTUM: Ein geheimnisvolles Häufchen

Zuerst hielt man den Fund für ein jungsteinzeitliches Brot, dann für Kot aus der Mittelsteinzeit. Tatsächlich aber handelt es sich um ein Stück Torf aus der späten Eiszeit.

Julian Feldmann
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Bilder Museum für Urgeschichte(n), PD

Bilder Museum für Urgeschichte(n), PD

Irren ist menschlich. Vor allem wenn es um die Bestimmung eines Stücks Irgendwas aus grauer Vorzeit geht.

Das Zuger Amt für Denkmalpflege und Archäologie (ADA) lancierte in Zusammenarbeit mit dem Zuger Bäcker- und Confiseurmeister-Verein im Frühjahr 2014 zur Eröffnung der Sonderausstellung «Einfach tun» das «Zuger Pfahlbaubrot». Die Archäologen sind fast geplatzt vor Stolz, als ihr im Museum für Urgeschichte(n) seit längerem als «jungsteinzeitliches Brötchen» präsentierter Fund von mehreren Bäckereien in ihr Sortiment aufgenommen wurde. Das Gebäck bekam den Titel «Brot des Jahrtausends» zugesprochen, in einem pfahlbauerzeitlichen Ofen sollte es nachgebacken werden.

Eine Erleichterung ist spürbar

Der Freude wurde allerdings ein abruptes Ende gesetzt: Ein Spezialist für prähistorisches Gebäck vom Vienna Institute of Archaeological Science (Vias) analysierte das Objekt und hielt fest, dass es sich nicht um ein Brötchen, sondern eher um ein Kötchen handeln muss. Die C-14-Datierungen zweier verschiedener Labors stellten zudem klar, dass der Dung ein Alter von ungefähr 11 000 Jahren zählt und somit der Mittelsteinzeit zuzuordnen ist. «Wir waren schon ein wenig enttäuscht», nimmt Dorothea Hintermann, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Museums für Urgeschichte(n), Stellung, «fanden den Fall aber auch interessant.»

Um mehr über das Objekt und dessen «Bäcker» zu erfahren, wurden im Sommer 2014 weitere Untersuchungen am Departement für Umweltwissenschaften der Universität Basel in Auftrag gegeben. Tatsächlich nahm die Geschichte eine neuerliche Kehrtwendung: Fachfrauen für Sedimentologie, Archäobotanik und Pollenanalyse stellten verwundert ein vollständiges Fehlen von Kot-typischen Parasiteneiern und Pilzen fest. Hauptsächlich besteht der untersuchte Klumpen aus kleinen, stark zersetzten Pflanzenresten, die für Torfablagerungen der Späteiszeit – also vor rund 13 000 Jahren – typisch sind. Später wurde diese Ablagerung von Gräsern durchwurzelt, was die mittelsteinzeitliche Datierung erklärt. Das durchwurzelte Stück Torf hat sich im Laufe der Jahre aus seinem Verband gelöst und wurde – wie Kieselsteine – durch Wasser in seine rundliche Form gebracht. Per Zufall, wie das Museum für Urgeschichte(n) vermutet, wurde es in einer Kulturschicht der Jungsteinzeit einsedimentiert.

Die revidierte Bestimmung des Fundes sorgt für eine gewisse Erleichterung: «Torf ist etwas weniger unappetitlich als Kot», freut sich Dorothea Hintermann, «und für den Verkauf des ‹Zuger Pfahlbaubrots› wohl auch besser.» Das Gebäck findet sich nämlich immer noch in den Regalen von einigen hiesigen Bäckereien, wie zum Beispiel bei Hotz Rust. «Ich bin schon froh, dass es kein Kot ist», sagt Marketingleiterin Evelyn Rust. Der Verkauf habe aber nie gelitten – «weil die Brötchen sehr fein sind».

hinweis:

Das Objekt ist weiterhin in der Sonderausstellung «Einfach tun» zu sehen. Die nächste öffentliche Führung findet am Sonntag, 9. September, statt.