Leserbrief

Ist es nun ein Notfall – oder doch nicht?

Wie das Coronavirus meinen Arbeitsalltag auf der Notfallstation positiv verändert

Drucken
Teilen

Die negativen Schlagzeilen zu Corona überwiegen derzeit zwar. Dennoch möchte ich hier erwähnen, dass eine solche Krise durchaus auch eine positive Seite an meinem Arbeitsplatz hat.

Als diplomierte Expertin Notfallpflege mit langjähriger Berufserfahrung arbeite ich auf einer grossen Notfallstation. Seit Jahren beobachten wir zunehmende Patientenzahlen. Sehr viele Bagatellfälle beanspruchen (und blockieren) die Notaufnahme. Mit den personellen sowie mit den räumlichen Kapazitäten stossen wir regelmässig an unsere Grenzen.

Seit dem Ausbruch von COVID-19 in der Schweiz und der entsprechenden Medienberichterstattung bleiben erstaunlicherweise viele Bagatellfälle weg. Ohne die Bevölkerung aktiv zu belehren, haben die Leute verstanden, was ein dringender Notfall ist und was eben nicht. Patienten mit Symptomen wie Schürfwunden, zweimaligem Durchfall, Mückenstichen, Magenschmerzen, Heuschnupfen, Kater oder Erkältungen – um nur einige davon zu erwähnen  – bleiben plötzlich fern.

Wir können unsere Zeit und Energie voll und ganz den echten, teils lebensbedrohlichen Notfällen sowie den schweren Coronafällen widmen. Demzufolge beobachte ich, dass mein Team und ich deutlich motivierter sind. Aus pflegerischer Sicht ist es ein gutes Gefühl, wenn man sich mit voller Energie und dem Fachwissen den dringenden Notfällen hingeben kann und sich nebenbei nicht ständig bei den «Bagatellpatienten» und deren Angehörigen rechtfertigen muss, weshalb die Behandlungs- und Wartezeit nun so lange dauert.

Unabhängig von der Coronazeit muntere ich die Leute auf, sich zu überlegen, mit welchen Symptomen man eine Notfallstation aufsucht. Macht es wirklich Sinn, sich als junger, gesunder Mensch mit einer Magendarmgrippe oder einer Erkältung ins Spital zu «schleppen» und dabei (bei bekannten langen Wartezeiten) zu riskieren, dass man Schwererkrankte und ältere Menschen im Warteraum oder das Spitalpersonal infiziert? Ist es nicht vielleicht sinnvoller, bei leichten Symptomen primär in einer Apotheke oder beim Hausarzt Hilfe zu suchen, anstatt die Notaufnahme zu beanspruchen, sich über die langen Wartezeiten zu ärgern und den damit verbundenen Frust noch bei der Pflege am Schalter zu platzieren?

Wir sind alle daran interessiert, dass die Krankenkassenprämien nicht weiter ansteigen. Ich wünsche mir von Herzen, dass dieses momentan vernünftige Verhalten der Bevölkerung in Bezug auf Notfallbesuche auch in Zukunft anhält. Bleiben Sie alle gesund.

Julia Landolt, Baar