Debatte

Jeden Tag ein Türli, bis das Christkind kommt

Adventskalender mit süssem, alkoholhaltigem oder amourösem Inhalt boomen. Unsere Redaktoren debattieren über dessen Sinn und Unsinn.

Cornelia Bisch
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Cornelia Bisch.

Cornelia Bisch.

In unserer Familie haben Adventskalender Tradition. Mit viel Liebe füllte unsere Mutter für meine Schwester und mich jedes Jahr die 24 selbst genähten kleinen Säckchen mit Leckereien und kleinen Spielfiguren und versüsste uns damit die Wartezeit aufs Christkind.

Fortsetzung fand und findet dieser Brauch bei meinen eigenen Kindern. Ich beschränke mich jedoch nicht auf kleine Säckchen, sondern produziere seit 25 Jahren für die mittlerweile erwachsene Nachkommenschaft bunt verpackte Geschenke-Ketten mit kleinen Aufmerksamkeiten, die ich durchs Jahr hindurch sammle.

Ich muss jedoch gestehen, dass auch ich mich hin und wieder von Fertigprodukten hinreissen lasse, wenn mir denn partout nichts Neues mehr einfallen will. Puppenzubehör-, Playmobil- oder später Pflegeproduktekalender waren zudem zeitweise beliebter als die eigens zusammengestellten. Solche für süsse Aktivitäten im Schlafgemach oder mit bierseligem Inhalt nahm ich bisher nur schmunzelnd zur Kenntnis. Aber wer weiss, vielleicht weite ich meinen Adventskalender-Kundenkreis demnächst auf Ehemann und Bierfreunde aus.

Heuer kommt jedoch nochmals ausschliesslich der zu Hause studierende Nachwuchs zum Zug, verbunden mit der Hoffnung, das lustige Sammelsurium möge etwas Licht in die Coronatristesse tragen.


Marco Morosoli.

Marco Morosoli.

Ich bin mit Adventskalendern aufgewachsen. Das Geheimnis hinter dem 24. Tor beschäftigte mich schon zu Beginn dieses feiertagsreichen Monats. Meinen Frevel versuchte ich zu verstecken. In dieser Disziplin bin ich schlecht.

Gerade jetzt, wo viele Gewohnheiten den Bach hinuntergegangen sind, finde ich es passend, die Tage bis zu Heiligabend anders anzugehen. Statt Naschereien in Behältnisse zu stecken, wäre es doch viel besser, jeden Tag irgendeine Kerze zu anzuzünden. Für mich als Single ist das eine Herausforderung. Solche gehören derzeit ja zum Programm, solange es immer weitergeht.

Diese Kerzenkette hat den Vorteil, dass das Licht von Tag zu Tag heller scheint. Mit Vorteil platziert ein jeder diese Lichtquelle auf dem Balkon. Mag derzeit ein wenig kalt sein, aber ein Glühwein oder ein Hinkelstein hilft über jedes Schlottern hinweg. In Gesellschaft ist das Kerzenanzünden natürlich noch schöner. Unbewusst befolgen wir dadurch auch noch gleich eine Vorgabe des Bundes im Kampf wider die Ausbreitung des Coronavirus. Das Schöne mit dem Geforderten verbinden ist ja eine gute Sache.

Wir haben es immer so gemacht. Das muss nicht sein. Also auf mit grosser Freude zur Grenzüberschreitung. Es nicht versucht zu haben, ist eine Niederlage. Eine Lichterkette statt eines Adventskalenders ist schon mal ein erster Schritt.