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Zuger Kirchenratspräsident Rolf Berweger: «Jeder Austritt ist ein Austritt zu viel»

Während in einigen Kantonen die Kirchen über viele Abgänge klagen, sind die katholische und reformierte Kirche im Kanton Zug nicht so stark von diesem Phänomen betroffen. Amtsträger erklären weshalb.
Vanessa Varisco
Die Kirche St. Michael in Zug empfängt auch heutzutage viele Katholiken. (Bild: Stefan Kaiser (8. Februar 2019))

Die Kirche St. Michael in Zug empfängt auch heutzutage viele Katholiken. (Bild: Stefan Kaiser (8. Februar 2019))

Rund die Hälfte ist katholisch: Laut der Fachstelle für Statistik des Kantons gehören 49,9 Prozent der ständigen Wohnbevölkerung in Zug der katholischen Kirche an. Damit ist sie nach wie vor die Konfession, die am stärksten vertreten ist. «Wir verzeichnen keine dramatische Anzahl Austritte», bestätigt Diakon Markus Burri. Die Abgänge würden je nach Gemeinde variieren, in städtischen Gebieten gäbe es tendenziell mehr. Im Schnitt liegen die Jahreswerte der Abgänge bei 0,5 bis 0,7 Prozent der Mitglieder. Burri selber hat in jüngeren Jahren auch einmal über einen Austritt nachgedacht, doch schliesslich hat es ihm den Ärmel reingezogen. «Weil ich als Sozialarbeiter sah, dass die Kirche vielen Menschen Halt gibt», begründet er. In Luzern wurde die 50-Prozent-Marke 2017 unterschritten. Dass die Anzahl der Katholiken in Zug nicht drastisch abfalle wie in anderen Kantonen, liege zudem daran, dass Immigranten oftmals aus katholischen Ländern wie Spanien oder Portugal kämen.

«Von einem 
Massen-Exodus
kann nicht
die Rede sein», Rolf Berweger, Kirchenratspräsident

Auch die reformierte Kirche des Kantons hat Abgänge zu verzeichnen. Aktuell sind 13,6 Prozent reformiert. Wie Kirchenratspräsident Rolf Berweger weiss, sind in den letzten zehn Jahren durchschnittlich 164 Personen pro Jahr ausgetreten. Lediglich 2017 war die Zahl mit 191 Austritten ausserordentlich hoch. «Von einem Massen-Exodus kann aber nicht die Rede sein. Unsere Mitgliederzahlen sind ziemlich stabil während der letzten Jahrzehnte», führt Berweger aus und ergänzt: «Aber: Jeder Austritt ist für uns ein Austritt zu viel und schmerzt – keine Frage.» Dennoch sehe er die reformierte Kirche nicht gefährdet.

Über Gründe kann nur spekuliert werden

Weshalb jemand aus der Kirche austritt, ist nicht immer bekannt. Denn in den meisten Fällen wünschen die Austretenden keine Nachfrage. «Bei Leuten, die ohnehin nicht mehr stark in der Kirche verwurzelt sind, reicht ein Fehler der Amtsträger für den definitiven Austritt», so der Diakon Burri. Regional sei die katholische Kirche aber gut verankert, was viele in einem solchen Fall vergessen würden. «Die Gemeinde lebt von Menschen, die sich lokal engagieren», betont er. Ähnlich sieht es bei der reformierten Kirche aus. «Über die Ursache der Kirchenaustritte können wir meist nur spekulieren. Viele treten wohl aus, weil sie von der Kirche nichts mehr erwarten und sie ganz einfach nicht mehr brauchen», erklärt Berweger. Von Vereinen wie «Kirchenaustritt Schweiz», welche ebensolche Austritte erleichtern sollen, hält er wenig. «Wie von jedem Geschäftsmodell, mit dem Schindluder getrieben wird. Für einen Kirchenaustritt braucht es keine Bauernfänger. Das kann jeder selber.» Aus finanziellen Gründen würden die wenigsten austreten. Die ökonomischen Einbussen durch Austritte lassen sich nicht beziffern, weil die Steuerkraft einzelner Mitglieder nicht bekannt ist. Doch man sei dankbar für die Steuereinnahmen, auf die man zählen könne. «Würden diese wegfallen oder stark reduziert, müssten wir uns neu erfinden.»

Pro Jahr verzeichnet die reformierte Kirche ungefähr 30 Wiedereintritte. Für die katholische Kirche kann keine genaue Zahl genannt werden. Dafür sind die Gründe hier oftmals bekannt. «Wir führen in diesem Fall jeweils ein Gespräch», erzählt Burri. Eltern kämen vor allem durch ihren Nachwuchs wieder mit der Kirche in Kontakt. Sehr erfreulich findet Burri, dass Kinder oftmals auch dann getauft würden, wenn sich die Eltern nicht mehr stark mit der Kirche verbunden fühlen. «Die christliche Erziehung ist noch immer ein Anliegen der Eltern», weiss er. Geändert hat sich allerdings, dass die Kirche nicht mehr von gleich grosser Bedeutung sei auf diesem Weg. «Eltern entscheiden selber, was christlich für sie bedeutet.» Im Gegensatz zur Taufe sei die Anzahl kirchlicher Trauungen rückläufig, oftmals entspreche dies keinem Bedürfnis mehr.

Nicht jede Strömung mitmachen

Für viele überraschend: Im Gottesdienst sind die Jugendlichen oft regelmässiger als Erwachsene. «Das liegt vor allem an den Ministranten», so Burri. «Die Jungen sind durchaus begeisterungsfähig fürs Religiöse und Mystische.» Nicht immer gelinge es, diese Faszination ins Erwachsenenalter zu übertragen, weil ein Umdenken stattfände. «Das merken wir als Kirche. Oft gelangen Jugendliche mit unzähligen Fragen an uns, wenn sie ihren Kindheitsglauben ablegen», berichtet der Diakon.

Dass die Bedürfnisse der Gläubigen sich verändert haben, wird auch in der reformierten Kirche deutlich. Auf die Frage, ob die reformierte Kirche es verpasst habe, sich der heutigen, schnelllebigen Zeit anzupassen, entgegnet Berweger: «Als Kirche sollten wir gewissen Entwicklungen Einhalt gebieten und ein Ort sein, an dem man Entschleunigung erfahren kann.» Nicht immer treffe man damit den Nerv der Leute oder jenen der Mitglieder. Deshalb wird investiert in Projekte wie eine geplante umfangreiche Befragung der Mitglieder. «Wir können nicht alle Mitglieder halten und müssen nicht jede neue Strömung mitmachen.» In erster Linie gelte es, die Glaubwürdigkeit zu wahren. «Was wir sagen, muss mit den Taten übereinstimmen. Da sind die Leute zu Recht sehr wachsam.»

Der Nachwuchs an Seelsorgern und Priestern ist bescheidener als in früheren Jahren, was an ständig rückläufigen Zahlen von Studienabgängern des Fachs Theologie liegt. Darauf hat die evangelische Kirche in der Schweiz reagiert. «Mit einem leicht verkürzten Studiengang für Pfarrerinnen und Pfarrer beispielsweise», bemerkt der Kirchenschreiber der reformierten Kirche Zug Klaus Hengstler. Der Studiengang nennt sich «Quest» und richtet sich vor allen Dingen an Menschen, die bereits eine andere Ausbildung absolviert haben. «Auch die Situation bei Sozialdiakonen ist nicht viel besser. Es fehlt auch dort an Nachwuchs», bedauert Hengstler weiter. Dies, obwohl die Ausbildung breit gefächert sei.

Die Herausforderungen der Personalsuche

Sozialdiakone haben in der Kirche die Aufgabe, die Bevölkerung zur Teilhabe an der Gemeinschaft und Gesellschaft zu motivieren. «Die Kirchengemeinden finden nicht mehr so einfach Personal», resümiert Hengstler. «Das liegt nicht zuletzt am Image der Kirchen allgemein.»

Anders sieht die Situation bei der katholischen Kirche aus. «Der Kanton Zug hat bei Seelsorgenden und Pfarrern kein Nachwuchsproblem», freut sich Diakon Markus Burri. Doch auch bei der katholischen Kirche Zug macht sich der Rückgang an Theologiestudenten laut dem Amtsträger bemerkbar. Alternativ werden deshalb andere katechetische Ausbildungen anboten. «Vor allem Frauen sind sehr aktiv und lassen sich ausbilden.» Und was die Zukunft der katholischen Kirche betrifft, so findet Diakon Markus Burri: «Als katholische Kirche müssen wir nicht krampfhaft an Strukturen und Traditionen festhalten. Sondern den Glauben im Vordergrund halten.»

Kaum Klosternachwuchs

In den Klöstern ist der Ansturm gering, was auch Diakon Markus Burri weiss. «Nichtsdestotrotz gibt es immer wieder junge Frauen, die sich berufen fühlen, in ein Kloster einzutreten.» Schwester Simone Buchs vom Kloster Heiligkreuz in Cham führt aber aus: «In unserem Kloster haben wir seit Jahren keinen Nachwuchs mehr.» Im Mutterhaus in Menzingen verhält sich die Situation ähnlich, wie Schwester Ursula Maria Niedermann erklärt: «2005 ist die jüngste Schwester eingetreten und hat ihre Profess abgelegt.» Die mangelnden Eintritte haben laut der Einschätzung von Schwester Simone Buchs mit gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu tun. «Jungen Frauen steht die Welt offen und das gemeinschaftliche, religiöse Leben wird nicht mehr so gepflegt.» Schwester Ursula Maria Niedermann pflichtet dem bei. «Kirche und Religion haben in unseren Breitengraden an Bedeutung verloren. Es fehlen die Bezüge zum Ordensleben», sagt sie. Dennoch gehe aus Untersuchungen hervor, dass Jugendliche sich nach wie vor zum Gebet und der Gemeinschaft hingezogen fühlen. Im Zentrum stehen aber nicht mehr die Arbeitsfelder des Glaubens. «Ausserdem gibt es heute sehr viele Möglichkeiten sich als Laie zu engagieren», weiss sie. Die lebenslange Bindung im Orden sei der Idealfall, aber heute nicht mehr üblich. (vv)

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