JUBILÄUM: Bibliothek belebt alte Zeit(ung)en

Vor 200 Jahren ist die erste Zuger Zeitung erschienen. Seither hat sich die Medienlandschaft immer wieder gewandelt. Die Bibliothek macht sich pünktlich zum Anlass an die Arbeit: Bald kann man online in der Zuger Geschichte stöbern.

Julian Feldmann
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Heinz Morf blättert in der ersten «Zuger Zeitung», dem «Wochenblatt der vier löblichen Kantone». (Bild Stefan Kaiser)

Heinz Morf blättert in der ersten «Zuger Zeitung», dem «Wochenblatt der vier löblichen Kantone». (Bild Stefan Kaiser)

«Man wird eisern diese Weltbegebenheiten, und besonders die unsers theuren Vaterlandes laut Plan ohne Glossen und ohne politische Kannegiesserey als historische Wahrheit zum Prüfen und Nachdenken vorlegen.» So stand es am 12. November 1814 in der Erstausgabe des «Wochenblatts der vier löblichen Kantone Ury, Schwytz, Unterwalden und Zug» geschrieben. Es war die erste in Zug erschienene Zeitung überhaupt.

Alle Ausgaben physisch vorhanden

200 Jahre Zuger Zeitung: Bibliotheksleiter Heinz Morf ist dies nicht entgangen. Schliesslich stapeln sich im Archiv der Stadt- und Kantonsbibliothek sämtliche Ausgaben der in Zug erschienenen Zeitungen in physischer Form. «Die Sammlung ist vermutlich vollständig», bestätigt Morf. Es handelt sich nicht um vergilbte Papierfetzen – die Zeitungen sind gut erhalten: «Die Qualität des Papiers war früher hochstehender», erklärt Heinz Morf.

Pünktlich zum 200. Geburtstag hat die Stadt- und Kantonsbibliothek beschlossen, die älteren Jahrgänge im Internet aufzuschalten. Schon 1983 hat sie begonnen, alle Ausgaben auf Mikrofilm zu übertragen. Das ist von grossem Vorteil, da diese nun digitalisiert werden können, was wesentlich einfacher ist, als die Papierausgaben einzulesen. Das grösste Problem bildet dabei die alte Frakturschrift, die für das Einlesegerät schwierig zu entschlüsseln ist. Digital zugänglich gemacht werden die Originale – man muss also auch im Web die verschnörkelten Buchstaben entziffern.

Liberal-konservativer Klassenkampf

Was aber haben diese Buchstaben zu erzählen? Am besten weiss das der Historiker Renato Morosoli. Sein Wissen hat er 1999 in «Zug – ein Heimatbuch» im Artikel «Das Hickhack in den Zeitungen: Eine kurze Geschichte der politischen Presse» niedergeschrieben, an welchem wir uns für den Rückblick bedienen durften.

1822 benannte sich das «Wochenblatt der vier löblichen Kantone» in «Neue Zuger Zeitung» um. Wohl, weil das Blatt in den drei anderen löblichen Kantonen kaum gelesen wurde. Ein Jahr später fiel das Adjektiv «Neue» weg. Mit dem politischen Aufbruch Ende der 1820er-Jahre fand die Politisierung Einzug in die Zeitungen. Die «Zuger Zeitung» war zunehmend liberal ausgerichtet, was sich denn auch 1832 mit der neuen Bezeichnung «Der freie Schweizer» manifestierte.

Die katholisch-konservative Mehrheit im Kanton erhielt 1846 mit der «Neuen Zuger Zeitung» eine eigene Wochenzeitung, die sich sogleich in den Meinungskampf gegen den «freien Schweizer» stürzte. Nach dem Sonderbundskrieg 1847 erhielten die Liberalen ab 1849 mit dem «Zuger Kantonsblatt» eine weitere Wochenzeitung. Der «Freie Schweizer» (1849) und das «Zuger Kantonsblatt» (1858) gingen unter dieser parteiinternen Konkurrenz indessen ein. Ab 1861 erschien das «Zuger Volksblatt» als neues liberales Sprachrohr.

Die Konservativen erhielten ebenfalls Zuwachs: 1865 den «Zugerbieter» und 1867 das «Zuger Wochenblatt». Die Leserschaft hatte 1868 also eine Auswahl von vier Zeitungen. Dafür war der Kanton Zug jedoch zu klein, 1868 verschwand der «Zugerbieter», 1869 das «Zuger Wochenblatt» von der Bildfläche. Erste Fotografie zeigt Unterschied In den 1880er-Jahren sahen sich die Konservativen von der «Neuen Zuger Zeitung» nicht mehr ausreichend vertreten und gründeten 1886 die «Zuger Nachrichten», in der 1891 die bereits alte «Neue Zuger Zeitung» aufging. Es gab also nur noch zwei politisch klar positionierte Parteiblätter. Deutlich werden die unterschiedlichen weltanschaulichen Positionen im Sujet der jeweils ersten Fotografie, welche in der Zeitung erschien: Die «Zuger Nachrichten» nahmen dafür die Einweihung der neuen Zuger Pfarrkirche St. Michael 1902 zum Anlass, das «Zuger Volksblatt» jene des Neustadt-Schulhauses 1909.

Trotz des tiefen Gegensatzes liessen sich die Parteiblätter nur noch selten auf Konflikte ein und pflegten meist den Konsens. Auch weil zu dieser Zeit immer wieder Konkurrenzblätter entstanden, die sich jedoch meist nicht lange halten konnten. Eine Ausnahme bildet der 1906 gegründete «Baarer Anzeiger», der sich 1911 in «Zuger Wochen-Zeitung» und 1932 in «Zugerbieter» umbenannte und unter diesem Namen noch heute gedruckt wird.

In den 1960er-Jahren kam Bewegung in die lange Jahrzehnte stabile Presselandschaft, die ab Ende der 1980er-Jahre total umgestaltet wurde und zu Verbindungen führte, die man nicht hätte erahnen können. Grund dafür waren wirtschaftliche Belange, wie die sich vermehrende Konkurrenz im Anzeigemarkt – allen voran Gratisanzeiger.

Geburt der Tageszeitung

Das «Zuger Volksblatt», das ab 1966 täglich erschien und sich deshalb zu «Zuger Tagblatt» umtaufte, verlor 1968 seine Eigenständigkeit und wurde zum Kopfblatt des liberalen «Luzerner Tagblatts». Im Gegenzug lancierte dessen ehemals konservative Luzerner Konkurrenz, das «Vaterland», 1989 mit der «Zuger Zeitung» ein täglich erscheinendes, zugerisches Kopfblatt. Da auch die «Zuger Nachrichten» ab 1991 täglich erschienen, trugen nun drei Tageszeitungen das Wort «Zug» im Titel. Dies blieb aber nicht lange so, denn wenige Wochen später verschmolzen das «Zuger Tagblatt» und die «Zuger Zeitung», die ihren Namen weitergab, zu einem Blatt. Fünf Jahre später war aus dieser kurzfristigen Vielfalt eine Einheit geworden, da 1996 aus den «Zuger Nachrichten» und der «Zuger Zeitung» die heutige «Neue Zuger Zeitung» entstand. Ironischerweise trägt unsere Zeitung den Namen jenes Blattes, das 105 Jahre zuvor von den «Zuger Nachrichten» übernommen worden war.

Aus einer zwischen Konflikt und Konsens pendelnden Parteipresse entstand also eine einzige Zeitung. Allerdings nur für kurze Zeit: Denn ebenfalls 1996 wurde die «Zuger Presse» erstmals gepresst.

«Widerspiegelt tagtägliches Leben»

In all diese Geschehnisse kann man bald reinschnuppern. Anfang nächsten Jahres sollen die ersten Jahrgänge von 1814 bis 1871 im Internet aufgeschaltet sein. Einer, der sich jetzt schon gerne durch alte Zeiten blättert, ist Heinz Morf. «Ich habe immer wieder ein wenig gestöbert. Ich finde das spannend und sehr unterhaltsam», schwärmt der Bibliotheksleiter, «denn man kann von verschiedenen Epochen einen Eindruck gewinnen. Das tagtägliche Leben widerspiegelt sich in den Zeitungsartikeln. Sie sprechen die Sprache ihrer Zeit.»

Archivar Renato Morosoli, der jede einzelne Zuger Zeitung Seite für Seite durchgeblättert hat, teilt diese Meinung: «Es war wirklich spannend, die historischen Ereignisse Schritt für Schritt nachzuerleben. Das ist Weltgeschichte im Zeitraffer aus der Optik jener, die es miterlebt haben, aber mit dem Wissen, wie es herausgekommen ist.»

Bald online

jf. Die Bibliothek Zug macht ihre alten Zeitungsbestände online verfügbar. Dazu werden die bereits vorhandenen Mikrofilme gescannt. Über die so entstandenen Dateien lässt man anschliessend ein Schrifterkennungsprogramm laufen, welches die Volltextsuche ermöglicht. Die digitalisierten Zeitungen werden auf die Plattform «Schweizer Presse online» gestellt, die von der Nationalbibliothek und den Kantonsbibliotheken betrieben wird und für alle zugänglich ist. Der entsprechende Link wird Anfang 2015 auf der Website der Bibliothek ( www.bibliothekzug.ch ) angegeben.