Jubiläum
Kalender zum Frauenstimmrecht: «Erinnern muss auch immer wieder stören»

Anlässlich 50 Jahre Frauenstimmrecht hat das Stadtarchiv Zug einen besonderen Kalender herausgegeben. Er beleuchtet den Kanton Zug im Spiegel der wegweisenden Abstimmung vom 7. Februar 1971.

Andreas Faessler
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Für die Schweizer Frauen ist 2021 ein besonders bedeutendes Jahr, was ihre eigene Geschichte innerhalb des Landes angeht: 50 Jahre ist es her, seit per eidgenössischer Abstimmung das Stimm- und Wahlrecht für Frauen – endlich – eingeführt worden ist. Dieser aus heutiger Sicht längst überfällige, zukunftsweisende Entscheid ist in der Geschichte der einzelnen Schweizer Kantone zu einem prägenden Moment geworden.

Im Zuger Stadtarchiv hat man sich bereits im vergangenen Jahr mit dem Gedanken beschäftigt, wie man die Zuger Geschichte im Spiegel der Einführung des landesweiten Stimm- und Wahlrechts für Frauen beleuchten könnte. Diverse Optionen standen zur Auswahl, darunter auch eine thematische Ausstellung. Schliesslich aber hat man nach etwas Nachhaltigerem gesucht, und Archivarin Iris Blum brachte die Idee eines thematischen Jahreskalenders ein, was schliesslich umgesetzt worden ist.

Von Februar bis Januar

Nun ist der Kalender bereits fertig und erhältlich, rechtzeitig zum eigentlichen Jubiläum am kommenden Sonntag, 7. Februar. Eine von mehreren Besonderheiten an diesem Kalender: Er reicht von Februar 2021 bis und mit Januar 2022. Der grosse Tag der Schweizer Frauen markiert so also den ersten Sonntag dieses Kalenderjahres, welches im Zeichen des Frauenstimmrechts steht. «Das Stadtarchiv Zug nimmt sich für einmal die Freiheit, Geschichte im Jahr 2021 umzuschreiben: Wir feiern 50 Jahre allgemeines Stimm- und Wahlrecht und erklären den 7. Februar ab dem Jahr 2021 zu einem nationalen Feiertag», schreibt Stadtarchivar Thomas Glauser in seinem Vorwort. Damit sei die «Inkonsequenz des Liberalismus» von 1848, so die Formulierung von Beatrix Messmer (1931–2015), Professorin für Schweizer Geschichte, nach 172 Jahren etwas wettgemacht. «Und konsequenterweise beginnt unser Kalender im Februar. Erinnern muss auch immer wieder stören», notiert Glauser weiter.

Zeitgenössische Fotos zeugen von der Aufbruchstimmung.

Zeitgenössische Fotos zeugen von der Aufbruchstimmung.

Bild: Stefan Kaiser (Zug, 2. Februar 2021)

Der Jahreskalender thematisiert in Wort und Bild dieses auch für die Zuger Geschichte wichtige Ereignis. Historische und zeitgenössische Fotografien sowie Propagandaplakate beider Lager von einst illustrieren den Kalender. Letztere muten für die emanzipierte Gesellschaft von heute zuweilen verstörend an. «Die Mutter treibt Politik! – Frauenstimm- & Wahlrecht NEIN», steht da auf einem Transparent. Ja, wie kann denn die Frau, deren Aufgabe es ist, den Haushalt zu schmeissen, die Kinder grosszuziehen und dem Ehemann zu dienen, mitreden wollen? Ein erstaunlich grosser Zuger Bevölkerungsanteil war 1971 noch immer dieser Gesinnung: Der Zuger Ja-Stimmen-Anteil lag bei gerade mal 59 Prozent.

Auch die Gegner kommen im Kalender vor.

Auch die Gegner kommen im Kalender vor.

Bild: Stefan Kaiser (Zug, 2. Februar 2021)

Monat für Monat wird im Kalender eine bestimmte Episode zum Thema aufgegriffen und erzählt. Zeitzeuginnen und -zeugen werden zitiert, auch politische Stimmen des Heute finden Eingang, Ereignisse im Zuge der politischen Entwicklung bis hin zum historischen Entscheid werden aufgegriffen und rekapituliert. Dabei gebührt dem Zuger Katholischen Frauenbund oder auch der Zuger Frauenzentrale und ihren wichtigen Rollen besondere Aufmerksamkeit.

Und was wären gewisse Zuger Gemeinden heute ohne ihre Gemeindepräsidentinnen als Leuchttürme? Was hier auch zu denken geben mag: Erst 1994 hatte mit Menzingen die erste Zuger Gemeinde eine weibliche Vorsteherin. Und es ist nicht etwa so, dass damit etwas ins Rollen gekommen wäre: Neben Menzingen hatte nur Hünenberg seither mehr als einmal eine Gemeindepräsidentin. Es scheint also, als wäre das politische Gleichgewicht hinsichtlich Geschlechter noch immer in der Entwicklungsphase. Auch diesen Aspekt greift der Kalender auf.

Integrierte Postkarten

Eine weitere Spezialität des Kalenders mit faltbarer Stellstütze ist seine Machart. Die Seiten sind mittig perforiert, sodass die illustrierenden Elemente sauber herausgetrennt werden können – im Postkartenformat. Wer mag, kann sie als «politischen» Gruss zum Jubiläum verschicken. Vielleicht an den Grosspapi, der damals ein Nein in die Urne gelegt hat?

Der Zuger Kalender «Frauenstimmen – Frauen stimmen» ist ein Geschenk zum Jubiläumsjahr an die Zugerinnen, und natürlich an die Zuger. Er ist beim Stadtarchiv kostenlos zu beziehen. Er liegt auch auf im Eingangsbereich der Bibliothek zur freien Mitnahme und ist ebenso im Stadthaus erhältlich.