JUGENDARBEIT: Experiment in Cham: Container für Jugendliche

Wo können sich Jugendliche möglichst unbeobachtet zurückziehen? Mit dieser Frage sind die Gemeinden konfrontiert, zumal vor dem Hintergrund der grossen Bautätigkeit. In Cham wagt man nun ein Experiment.

Raphael Biermayr
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Werkhofmitarbeiter (rechts: Kari Zimmermann) stellen einen der beiden Container für Jugendliche auf. (Bild: Werner Schelbert (Cham, 1. September 2017))

Werkhofmitarbeiter (rechts: Kari Zimmermann) stellen einen der beiden Container für Jugendliche auf. (Bild: Werner Schelbert (Cham, 1. September 2017))

Raphael Biermayr

raphael.biermayr@zugerzeitung.ch

Das Wort «Clique» klingt wie der – fast immer misslingende – Versuch eines Erwachsenen, in Jugendsprache zu kommunizieren. Voll 70er halt. Falsch! Eine Google-Suche zeigt: Auch im Jahr 2017 ist von Cliquen die Rede. Als Quelle dafür dient das Leitmedium für Jugendliche schlechthin – die «Bravo».

Der Begriff «Cliquenräume» aus dem soziokulturellen Bereich bezeichnet Räume, in denen Jugendliche ungestört verweilen und Teile das Erwachsenenlebens simulieren können. In der Regel ist die Benützung solcher Räume klaren Vorschriften unterworfen. Die Jugendarbeit Cham stellt seit längerem zwei klassische Cliquenräume zur Verfügung – nun geht sie einen neuen Weg. Seit dem vergangenen Freitag stehen beim Schulhaus Enikon sowie in der Furenmatt beim Ökihof Container, die jederzeit frei zugänglich sind. Diese standen früher auf dem Papieri-Areal, im Rahmen des Kulturtreffs P3. Es handelt sich um einen auf drei Monate befristeten Versuch, weshalb keine Baubewilligung nötig sei, sagt Christian Plüss, Chams Leiter der Jugend- und Gemeinwesenarbeit. Ganz frei werden diese Freiräume freilich nicht sein: «Während dieser Zeit beobachten wir, wie sich die Jugendlichen verhalten, wer die Räume wie nutzt, und wie allfällige Konflikte gelöst werden.» Zudem biete sich die Chance, dass dank den Containern «etwas Erfreuliches entsteht, an das wir nicht gedacht haben.»

Man habe Standorte in Quartieren gesucht, also sozusagen im natürlichen Lebensraum. Das trifft auf Enikon zu, nicht aber auf die Furenmatt. Plüss deutet an, dass er während der Suche nach geeigneten Orten auf Skepsis seitens Anwohnern traf. Die Vorurteile sind schnell gemacht – Abfall, Lärm, Drogen. Der Sozialarbeiter sagt: «Natürlich gehört die Pizzaschachtel in den Abfall. Sollte es nötig sein, würden wir Massnahmen ergreifen.» Seiner Erfahrung nach verhielten sich die Jugendlichen untereinander «wie Erwachsene auch». Mit den Containern komme die Gemeinde einem Bedürfnis nach autonomen Rückzugsmöglichkeiten im öffentlichen Raum nach. «Für 15- und 16-Jährige sind solche Orte wegen der grossen Bautätigkeit rar geworden», ist Plüss überzeugt.

In Baar kennt man die traditionelle Form der Cliquenräume. Die zweitgrösste Gemeinde im Kanton stellt den Jugendlichen im ehemaligen Schwesternhaus deren fünf zur Verfügung. Diese sind bis vor kurzem ausgeschrieben gewesen, nachdem das historische Gebäude saniert worden war. Derzeit laufen Gespräche mit Interessenten für die Räume im Schwesternhaus, sagt Philipp Huber, der neue Leiter der gemeindlichen Fachstelle Kind und Jugend. Je nach Raumgrösse richtet sich das Angebot an Gruppen von drei bis zehn Jugendlichen. Bei hoher Nachfrage müssten sich zwei Gruppen die Räume teilen.

Anders präsentiert sich die Situation im Ägerital. Dort gibt es keine eigentlichen Cliquenräume. Die vier Räume in Unterägeri und der eine in Oberägeri sind zweckgebunden: Vier seien von Bands belegt, einer diene als Bastelraum, sagt Andreas Kaufmann, der Bereichsleiter der Jugendarbeit der beiden Gemeinden. Er und seine Mitarbeiter machten «Kontrollgänge in An- und Abwesenheit der Jugendlichen». Das Modell von autonom geführten Räumen, wie es in Baar und Cham existiert, komme für das Ägerital nicht in Frage. «Es ist unter den gegebenen Umständen nicht denkbar, Räume ohne Kontrolle anzubieten», sagt Kaufmann. Mit den Umständen meint er zum Beispiel die Tatsache, dass gemäss einer Verordnung gemeindliche Liegenschaften in beiden Ägeri von 3 Uhr bis 7 Uhr nicht benutzt werden dürften. Darüber hinaus gebe es keine programmierbaren Schlösser, die den Jugendlichen den Zutritt zu den Räumen verunmöglichen würden.

Eine Miete ist fällig

Im Gegensatz zu den genannten Talgemeinden, wo immaterielle Gegenleistungen für die Raumnutzung verlangt werden, müssen Jugendliche im Ägerital für die Räume eine Miete entrichten. Diese richtet sich nach der Grösse, ist aber im Vergleich zum offenen Mietmarkt moderat: Für einen Raum in einem Neubau sind gemäss Kaufmann 150 Franken im Monat fällig. Kann eine Gruppe diesen Betrag einmal nicht aufbringen, schiesst die Jugendarbeit ihn vor, und die Jugendlichen müssen ihn abarbeiten. Wie bei den Erwachsenen eben.