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Streit um Denkmalschutz in Baar: Ist dieses Gebäude ein Juwel oder eine Bauruine?

Die Unterschutzstellung des Gebäudes an der Leihgasse 15a ist zum Fall für die Gerichte geworden. Weil es sich um ein Ensemble handelt, sind mehrere Parteien involviert – was den Streit umso komplexer macht.
Andrea Muff
Denkmalschutz oder nicht? Die Beteiligten sind sich uneinig. (Bild: Stefan Kaiser, Baar, 16. Mai 2019)

Denkmalschutz oder nicht? Die Beteiligten sind sich uneinig. (Bild: Stefan Kaiser, Baar, 16. Mai 2019)

Von aussen ist das Haus an der Leihgasse 15a kein Schmuckstück: Das Grundstück macht eher einen verwahrlosten Eindruck. Doch bekanntlich soll man sich von Äusserlichkeiten nicht täuschen lassen. So haben die Eidgenössische Kommission für Denkmalpflege EKD (siehe Box) und die kantonale Denkmalkommission empfohlen, das Haus unter Denkmalschutz zu stellen. Der Regierungsrat hat sich im Januar aber gegen die Unterschutzstellung ausgesprochen, woraufhin der Zuger Heimatschutz zusammen mit dem Archäologischen Verein Zug Beschwerde beim Verwaltungsgericht eingereicht hat. Dort ist das Verfahren nun hängig.

Die Geschichte zieht sich schon seit fast vier Jahren hin. Das Verfahren um eine mögliche Unterschutzstellung dreht sich aber nicht nur um die Leihgasse 15a, sondern um das ganze sogenannte Dreifachhaus, zu dem auch die Gebäude an der Rigistrasse 16 und 18 zählen. Der Kernbau ist die Leihgasse 15a, und er stammt aus den Jahren 1676/77. Bis ins 19. Jahrhundert wurde er stetig erweitert, dadurch sind die Häuser noch heute baulich eng miteinander verbunden. Deshalb sind auch drei Parteien im Verfahren involviert.

Eigentümerin des leerstehenden Hauses an der Leihgasse 15a ist die Gemeinde Baar. Diese wehrt sich zusammen mit der Eigentümerin der Rigistrasse 18, der HLP Development AG, gegen die Unterschutzstellung. Denn die Direktion des Innern nahm das Dreifachhaus 2015 als Baudenkmal von lokaler Bedeutung ins Inventar der schützenswerten Bauten auf. Daraufhin stellten die beiden Eigentümer den Antrag, ihre Liegenschaften aus dem Inventar zu entlassen.

Eine «Schenke» soll wieder einziehen

Die dritte Eigentümerin, Barbara Ulrich, die ihren Hausteil von 1795 auf jeden Fall erhalten möchte, setzt sich für die Schutzwürdigkeit des gesamten Dreifachhauses ein. Ihr sei es ein Anliegen, dass die Baarer Bevölkerung Notiz von dem historischen Haus nehme. Sie sagt:

«Die Sache liegt mir sehr am Herzen und ich möchte, dass in Baar darüber gesprochen wird.»

Denn im «Juwel Leihgasse 15a», wie sie das historische Gebäude mit den schräg hängenden Läden und den kaputten Scheiben nennt, befand sich laut dem Gutachten der EKD einmal eine «Schenke». Diese Idee bringt Barbara Ulrich nun wieder aufs Tapet: «Wir hätten hier die Chance, dem Haus die ursprüngliche Funktion einer Dorfbeiz zurückzugeben.» Auch gäbe es die Möglichkeit einer Gartenwirtschaft.

Eine weitere Idee von Barbara Ulrich ist der «Bürgerkeller», denn die drei Häuser waren früher durch einen Keller miteinander verbunden. Die Renovierung ihres Kellerteils möchte Barbara Ulrich als nächstes angehen. Zudem sei es der richtige Zeitpunkt, «frühere Entscheidungen, die sich im Hinblick auf das Dreifachhaus als Fehler herausgestellt haben, zu korrigieren». Dies betreffend der Ortsbildschutzzone, welche auf das Ensemble hätte ausgeweitet werden können.

Oberste Denkmalkommission ist für Unterschutzstellung

Die Eidgenössische Kommission für Denkmalpflege (EDK) befürwortet die integrale Unterschutzstellung des Dreifachhauses. Im Gutachten vom November 2016 wird der Ständerbau von 1676 in der Leihgasse 15a als von «hohem wissenschaftlichem Wert» bezeichnet. Die historische Baustruktur mit dreiraumtiefer Grundrissdisposition sei nahezu vollständig erhalten, heisst es weiter. Von «sehr hohem wissenschaftlichem Wert» für die lokale Hausforschung geht die Kommission aufgrund der Grundrisstypologie und der baulichen Entwicklung des Gebäudes bis hin zum heutigen Aussehen aus. Dabei spricht sie von einer «Fassadenfassung, wie sie sonst in Baar kaum noch zu finden sein dürfte». Weiter wird dem historischen Hausteil ein «sehr hoher» kultureller und heimatkundlicher Wert attestiert. «Es dürfte in Baar kaum weitere profane Wohngebäude geben, in welchen sich der Gesamtbestand der Ausstattung derart flächendeckend und ohne schwerwiegende Veränderungen und Eingriffe der Neuzeit erhalten hat», ist dem Gutachten zu entnehmen. Das Gebäude sei in einem «hohen Grade in seiner Substanz überliefert und als geschichtlicher Zeuge erkennbar». Der hohe heimatkundliche Wert werde auch dadurch bestätigt, «dass sich in dem Gebäude seit mindestens 1800 eine im Innern immer noch ablesbare einfach Schenke befunden hat.» Das Dreifachhaus habe neben dem Eigenwert auch eine ortsbildprägende und identitätsstiftende Bedeutung, heisst es weiter. Der Erhalt der Baute könne nur über den eigentlichen Objektschutz gewährleistet werden.

Für Ulrich, den Zuger Heimatschutz sowie den Archäologischen Verein Zug steht also fest: Das Dreifachhaus gehört unter Denkmalschutz gestellt. Darum haben die beiden Institutionen Beschwerde gegen den Beschluss des Regierungsrates eingereicht. «Das oberste Gremium von Fachleuten in solchen Fragen, die EDK, kommt zum eindeutigen und klaren Befund, dass das Haus integral unter Schutz zu stellen sei. Ich wüsste nicht, mit welcher Begründung sich ein Richter gegen diese Fachmeinung entscheiden könnte», ist sich Felix Koch, Architekt und Vorstandsmitglied des Zuger Heimatschutzes, sicher.

Die Gebäudeteile Rigistrasse 16 und 18 würden als unmittelbare Anbauten aus bautypologischer Sicht zum Kernbau gehören und seien daher genauso unter Schutz zu stellen, erklärt Felix Koch weiter. Auch ihm sei wichtig, dass die Baarer Bevölkerung Kenntnis vom historischen Wert der Leihgasse 15a bekomme. Es habe sich bereits eine Gruppe von interessierten Baarern gebildet, weiss Felix Koch. Damit die Kosten bei einer denkmalpflegerischen Sanierung der Leihgasse 15a aber nicht ins unermessliche ausufern würden, schlägt Felix Koch vor, dem Gebäude eine ihm adäquate Nutzung zuzuführen, eine, die die Struktur des Hauses respektiere:

«Das Haus würde sich beispielsweise gut als Wohngemeinschaft für Lehrlinge und Studierende eignen – mit gemeinsamer Küche und Wohnzimmer im Parterre und Zimmern in den oberen Stockwerken. Aber auch die Idee einer Beiz oder eines Cafés fände ich prüfenswert.»

Und genau diese Renovationen, Sanierungen und Anpassungen an die heutigen Brandschutzbestimmungen bezeichnet die Gegenseite als unverhältnismässig. Stephan Häusler von der HLP Development AG, Eigentümer der Rigistrasse 18, erklärt: «Die Wohnungen würden unheimlich teuer werden, wenn wir das Haus denkmalpflegerisch nach heutigen Standards sanieren.» Eine qualitätsvolle Herrichtung der Wohnungen mache wirtschaftlich gesehen wenig Sinn. Stephan Häusler, dessen Beruf es ist, Immobilienprojekte zu entwickeln und zu realisieren, erklärt:

«Wenn wir sehen, dass es Sinn macht, alte Liegenschaften zu erhalten und entsprechend zu renovieren, dann machen wir das auch.»

Solche Liegenschaften hätten sie schliesslich auch in ihrem Portfolio. «Bei der Rigistrasse 18 sehen wir den architektonischen und historischen Wert nicht. Unsere Liegenschaft ist gemäss Denkmalpflege auch nicht schützenswert, sie wird aber wegen der Nachbarliegenschaften ins Verfahren hineingezogen», stellt Stephan Häusler klar. Das Haus habe man vor ungefähr fünf Jahren gekauft, um einen Neubau mit Wohnungen an einer zentralen Lage in einem attraktiven Preissegment zu realisieren. «Diese Absicht besteht immer noch», bestätigt Stephan Häusler. Die Neubaupläne wären auch ohne das Mitmachen von Barbara Ulrich realisierbar, so Häusler weiter.

«Unverhältnismässig und unzumutbar»

Kurze Zeit vor der HLP Development AG hat die Gemeinde Baar 2012 das anliegende Objekt an der Leihgasse 15a erworben: «Der Kauf erfolgte aus strategischen Gründen. In nächster Nähe befinden sich gemeindliche Liegenschaften», erklärt Gemeindepräsident Walter Lipp. «Wie der Regierungsrat zu recht feststellt, ist die Unterschutzstellung des Gebäudes Leihgasse 15a unverhältnismässig.» Weiter spricht Lipp das öffentliche Interesse an, das die privaten Interessen nicht überwiegen könne. Auf die Frage nach allfälligen künftigen Abrissplänen wiederholt Lipp, dass das Grundstück aufgrund strategischer Überlegungen gekauft worden sei, und er fügt hinzu: «Zuerst wollen wir jedoch den Entscheid des Verwaltungsgerichts abwarten. Zudem haben wir keinen Zeitdruck.»

Unterstützt werden die beiden Eigentümer vom Entscheid des Regierungsrates, in dem festgehalten wird, dass mit einer Unterschutzstellung der Leihgasse 15a auch die direkt angrenzenden Nachbarliegenschaften von einer Nutzungseinschränkung betroffen wären. «Eine Unterschutzstellung des Hauses Leihgasse 15a erscheint deshalb für die betroffenen Eigentümerschaften als unzumutbar und wäre unverhältnismässig.»

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