KÄLTEWELLE: Auf mancher Baustelle herrscht jetzt winterliche Stille

Des einen Freud, des andern Leid – während Schnee und Eis vielen Menschen Freizeitfreuden bereiten, machen sie gewissen Gewerbebranchen im Kanton zu schaffen.

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Auf dieser Baustelle im Gebiet Kreuzegg wird nicht gebaut, sondern Schnee weggeräumt. (Bild: Christian H. Hildebrand (Menzingen, 20. Januar 2017).)

Auf dieser Baustelle im Gebiet Kreuzegg wird nicht gebaut, sondern Schnee weggeräumt. (Bild: Christian H. Hildebrand (Menzingen, 20. Januar 2017).)

«Brr, isch das chalt dusse!», hört man derzeit ringsum besonders häufig, und die meisten sind froh, wenn sie irgendwo drin am «Schärme» bleiben können. Die derzeitige Kälte mag viele Menschen etwas überrumpelt haben, da es zuvor lange zu warm war. Aber was wir derzeit erleben, ist für Januar und Februar normal, wie Urs Brandenberg, der «Wetterfrosch» der «Zuger Zeitung», erklärt. «Solche ‹kleinen Kältewellen› können uns im Winter immer wieder überraschen», fährt er fort, gibt aber zu bedenken, dass sie in Folge der allgemeinen Klimaerwärmung immer seltener werden. Grund für die aktuelle Kälteperiode sei eine spezielle Druckverteilung. Brandenberg präzisiert: «Ein lang gestrecktes Hoch zieht sich von den Britischen Inseln bis gegen Russland, während über Süditalien ein Tiefdruckgebiet liegt. Diese beiden Systeme transportieren eiskalte, aber trockene arktische Luft aus Sibirien gegen Mitteleuropa.» Er prognostiziert, dass dieser Luftstrom bald wieder abreissen werde und es hernach bei uns langsam wieder wärmer wird.

Da macht der Beton nicht mehr mit

Gute Aussichten also für Frostgeplagte. Und auch gewisse Gewerbebranchen dürften den baldigen wärmeren Temperaturen mit Erleichterung entgegensehen. Das Baugewerbe etwa. Da nämlich gibt es Arbeiten, welche bei so tiefen Temperaturen nur erschwert ausgeführt werden können oder gar ganz flachfallen. Das betrifft unter anderem den Belags- und Strassenbau. «Da sind Arbeiten bei Frost und Schnee in den meisten Fällen nicht möglich», sagt Alexander Eigensatz, diplomierter Baumeister und Geschäftsführer der Büwe Tiefbau AG in Rotkreuz. Prekär wird es auch, wenn Beton im Spiel ist. Da würden Arbeiten bei Temperaturen um den Gefrierpunkt oder drunter sehr aufwendig und kostenintensiv. Eigensatz: «In solchen Fällen werden die Baustellen meistens eingestellt – in Absprache mit dem Bauherrn. Das führt zwangsläufig zu Bauverzögerungen.» Besonders schwierig werde die Arbeit mit Beton ab –5 Grad Celsius, sagt Adrian Risi, Geschäftsführer der Risi AG mit Sitz in Baar. «Die hydraulische Reaktion bleibt aus, der Beton trocknet nicht mehr richtig. Dann müssen wir die entsprechenden Arbeiten vertagen.» Risi sieht das einigermassen pragmatisch. «Wir nutzen dann diese Zeit möglichst für anderes. Beispielsweise für Revisionen an den Maschinen.»

Doch nicht immer können kältehalber ausfallende Bauarbeiten so «kompensiert» werden. Auch die Baarer Baufirma Hodel AG musste wegen der Kälte bereits Baustellen einstellen. «Als Folge dessen können viele unserer Mitarbeiter nicht arbeiten kommen», sagt André Mettler, Mitglied der Geschäftsleitung. Das führe zu massiven Mehrbelastungen, beziehungsweise zu Ertragsausfällen. Das System der Schlechtwetterentschädigung sei kompliziert und bringe auch für die Mitarbeiter Nachteile mit sich, weil dann nur 80 Prozent des Lohnes versichert seien. «Daher müssen sich die Betriebe gut überlegen, ab wann es Sinn macht, diese zu beanspruchen», fährt Mettler fort. «Falls die Temperaturen noch länger so bleiben, haben wir keine andere Wahl.» Als Vorbeugung hiergegen könnten beispielsweise Überstunden dienen, die in den wärmeren Monaten generiert werden, so dass die Mitarbeiter im Winter länger ohne Lohneinbussen zu Hause bleiben könnten. «Unsere Mitarbeiter würden diese Möglichkeiten sehr begrüssen», sagt Alexander Eigensatz von der Büwe AG. «Aber leider ist das beim aktuellen, äusserst unflexiblen Gesamtarbeitsvertrag nicht möglich.» Tätigkeiten auf den Baustellen bei so frostigen Verhältnissen seien für die Arbeiter überdies körperlich sehr belastend, so Eigensatz.

Füsse weg vom Eis!

Freizeitfreuden hingegen ist die aktuell klirrende Kälte in mancherlei Hinsicht zuträglich, dürfen sich doch beispielsweise auch die kleinen Skigebiete für einmal über länger liegen bleibenden Schnee freuen. Von den verlockenden zugefrorenen Teichen und Tümpeln im Kanton Zug muss sich die Bevölkerung jedoch weiterhin fernhalten, denn der Schein trügt, wie einer Mitteilung der Zuger Polizei zu entnehmen ist. Die neusten Messungen hätten ergeben, dass es sich bei den Eisflächen um eine gefährliche Schicht von Schneeeis handle, was rein optisch irrtümlicherweise als tragende Eisschicht interpretiert werden könne. Kurz: Sämtliche Gewässer dürfen auf keinen Fall betreten werden. «Die Freigabe erfolgt nach Kontrolle durch die Zuger Polizei in enger Absprache mit den Gemeindebehörden. Allfällige Absperrungen sind strikte zu beachten.»

Dass gefrorene Gewässer gefahrlos betreten werden können, dafür reichen die paar ausgeprägten Kältetage noch lange nicht. Es bräuchte eine grössere Kältewelle. «So wie letztmals 2012, als es hier etwa während zweier Wochen minus 11 Grad Celsius kalt war», sagt Urs Brandenberg. «Kleinere Seen wie zum Beispiel der Pfäffikersee waren zugefroren, und das Eis war genug dick, um es zu begehen.» Wer angesichts der aktuellen Eiseskälte sogar schon an eine nächste Seegfrörni denkt, der wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit enttäuscht werden. «Das gesamte Seewasser müsste sich umwälzen und auf 4 Grad Celsius abkühlen. Bei dieser Temperatur hat es die grösste Dichte. In Anbetracht dessen wären etwa 170 Kältetage nötig, damit der Zugersee wie anno 1963 zufriert.» Und diesen Winter waren es bisher gerade mal 20 Kältetage, schliesst Brandenberg.

Andreas Faessler

andreas.faessler@zugerzeitung.ch