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Kolumne

Kakteen und Schwestern

Seitenblick
Vanessa Varisco

Bob lebt am Limit. Wenn ich von Bob rede, dann meine ich den Kaktus, welcher bei mir in der Küche steht. Die kleine, aber robuste Pflanze hat ein hartes Leben mit jemandem wie mir, der oft vergisst, sie zu wässern. Nicht, dass es Absicht wäre. Aber er steht so geduldig und still auf dem Fenstersims, dass ich ihn manchmal kaum wahrnehme. Und auch wenn er durstet, macht er keinen Mucks. Wenn mir dann plötzlich wieder einfällt, dass ihm etwas fehlt, überwässere ich ihn eifrig. Ich gebe zu, in der Hektik musste er schon mit Orangensaft vorliebnehmen. Und bis jetzt funktioniert dieses System. Bob lebt noch. Zumindest vorerst.

Autorin Vanessa Varisco

Autorin Vanessa Varisco

Selbst wenn es nicht so scheint, der Kaktus bedeutet mir etwas. War er doch ein Geschenk von meiner Schwester. Die Beziehung zu ihr ist glücklicherweise nicht so prekär wie zu der Pflanze. Schliesslich steht meine Schwester auch nicht apathisch in einem Topf auf meinem Fenstersims. Und ist alles andere als still. Sie ist ein regelrechter Wirbelwind mit feurigem Temperament. Und würde sie dursten oder hungern – das würde man zweifellos zu hören bekommen.

Früher lagen wir uns wohl oft in den Haaren. Sticheleien gehörten in Jugendjahren zur Tagesordnung. Inzwischen sind wir älter geworden und vermeintlich reifer. Wir streiten uns kaum noch – sind inzwischen wohl beste Freunde. Auf sie ist Verlass; anders als auf Bob, der in einem ungesunden Abhängigkeitsverhältnis zu mir steht, sich an mich klammert. Solch eine geschwisterliche Beziehung erfordert aber sicherlich mehr Pflege als ein Kaktus. Wir bemühen uns vermutlich mehr um sie als früher, obwohl wir nicht mehr unter einem Dach wohnen.

Meine kleine Schwester ist in den letzten Jahren zu einer wunderhübschen, jungen Frau herangewachsen und trägt mehr Blüten als Stacheln. Uns trennen knapp zwei Jahre, doch kann sie mir mit Sicherheit das Wasser reichen. Gleichwohl könnten wir unterschiedlicher nicht sein. Sie ist von schillernder Lebhaftigkeit, mischt sich gerne unter Leute und ist eine gute Tänzerin. Während ich eher gesetzt bin, die Ruhe auch einmal geniesse und vor allen Dingen die Tanzfläche meide. Dennoch scheinen sich in diesem besonderen Fall Gegensätze anzuziehen.

Und eben gerade deshalb, weil sie mir am Herzen liegt und der stille Bob ein Geschenk von ihr war, werde ich mein Möglichstes tun, ihn am Leben zu erhalten.

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