KANTON: Sie retten, was sonst in der Tonne landet

Drei Freiwillige holen bei einem Grossverteiler Lebensmittel und verschenken diese an Bedürftige. Das Projekt wäre ausbaufähig, sind die drei Frauen überzeugt.

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Melissa Eva Sommerhalder (links), Rosa Kolm und Hermine Schuler sammeln Lebensmittel für bedürftige Zuger. (Bild Werner Schelbert)

Melissa Eva Sommerhalder (links), Rosa Kolm und Hermine Schuler sammeln Lebensmittel für bedürftige Zuger. (Bild Werner Schelbert)

«Ich war nicht sicher, ob es für so etwas in Zug auch Abnehmer gibt. Als ich dann aber die Umfrage gestartet habe, wusste ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin», sagt Rosa Kolm. Die 49-Jährige ist Gründerin der Facebook-Gruppe «Zuger helfen Zugern» (siehe Box). Innerhalb der Gruppe hat Rosa Kolm diverse Unterprojekte gestartet. Bei einem davon stehen die Lebensmittel im Zentrum. «Ich habe früher selbst in dieser Branche gearbeitet, im Coop City in Zug», erzählt Kolm. Dabei hätte sie gesehen, wie viele Lebensmittel täglich im Abfall landen würden. «Produkte, die einwandfrei sind.» Das habe sie veranlasst, aktiv zu werden. «Ich habe meinen damaligen Chef gefragt, ob es nicht eine Möglichkeit gäbe, diese Produkte an Personen zu verteilen, die knapp bei Kasse sind. Er war von der Idee gleich angetan und hat angeboten, dass wir Früchte und Gemüse mitnehmen können», sagt Kolm. Und so hat die 49-Jährige, die heute im Pflegebereich tätig ist, kurzerhand ein neues Projekt ins Leben gerufen.

Fester Kreis von Abnehmern

Seit etwas mehr als einem Jahr verteilt Rosa Kolm gemeinsam mit Melissa Eva Sommerhalder und Hermine Schuler Lebensmittel, die bei Coop City sonst in der Tonne landen würden. Kolm selbst hat sich weitgehend aus der Organisation zurückgezogen. Die Verantwortung trägt Melissa Eva Sommerhalder. Sie ist es, die einmal pro Woche bei Coop die Harassen abholt und aussortiert. «Je nach Saison sind es manchmal bis zu 30 Kisten», sagt Sommerhalder. «Ich kontrolliere die Ware dann und schaue mir jedes Stück einzeln an.» Sie müsse immer noch etwas aussortieren. Je nach Angebot nehme das etwas Zeit in Anspruch. «Im Sommer beispielsweise musste ich zahlreiche Beerenkörbchen durchsehen», erzählt sie. Ab und an könne sie ausserdem noch Milchprodukte, Pasta oder Konserven mitnehmen.

Geliefert wird die Ware dann von Sommerhalder an die Baarer Mühlegasse in den Schuppen von Hermine Schuler. Auf einem gedeckten Tisch stehen die Lebensmittel zum Abholen bereit. «Es gibt einen festen Kreis von rund 30 Personen, die ich benachrichtige, wenn ich wieder eine Lieferung erhalten habe. Die kommen vorbei und holen sich, was sie brauchen können», erzählt Schuler. Es seien viele Leute dabei, die keine Sozialhilfe beziehen, aber trotzdem auf Hilfe angewiesen sind. Mittlerweile würden sich die Benachrichtigten auch kennen. «Es ist schön zu sehen, dass jeder auf den anderen Rücksicht nimmt und Dinge übrig lässt. Es wird nie ‹gehamstert›. Alle sind sehr dankbar, für das, was sie bekommen», so Schuler.

Kühlschränke in der Stadt

Grosse Dankbarkeit erlebt auch Melissa Eva Sommerhalder. «Ich kann mich noch erinnern, als wir das letzte Mal Spargeln hatten. Da gab es Leute, die sich so unglaublich gefreut haben, weil sie sich das einfach seit langem nicht mehr leisten konnten», erzählt die Oberägererin.

Überhaupt haben die drei Frauen festgestellt, dass es im Kanton ein grosses Bedürfnis nach einem solchen Angebot gibt. «Zu Beginn habe ich drei Mal pro Woche Lebensmittel abgeholt. Und wir hatten immer Abnehmer. Leider lässt sich dies mit meinem Alltag nicht mehr vereinbaren», sagt Sommerhalder. Die 28-Jährige ist als Künstlerin im Atelier «Kubeis» in Cham tätig und versucht selbst nach einer schwierigen Zeit, den Wiedereinstieg ins Berufsleben zu finden. Sowohl Rosa Kolm wie auch Hermine Schuler und Melissa Eva Sommerhalder würden es begrüssen, wenn das Angebot ausgedehnt werden könnte. «Es wäre toll, wenn wir noch weitere Lebensmittelgeschäfte ins Boot holen könnten», sagt Rosa Kolm. Allerdings brauche es dazu auch mehr Freiwillige, die sich engagieren würden. Oder ein neues System. Kolm könnte sich etwa vorstellen, dass Gemeinschaftskühlschränke, wie es sie unter anderem in Luzern, Bern, Frauenfeld oder Winterthur gibt, eine Möglichkeit wären. Das System ist einfach: An einigen zentralen Orten stehen Kühlschränke, die von Freiwilligen bewirtschaftet werden. Diese holen die Lebensmittel bei den Geschäften ab und füllen die Kühlschränke damit auf. Wer Bedarf hat, kann sich etwas aus dem Kühlschrank holen, der sich mittels eines Codes öffnen lässt. Ziel ist, dass möglichst wenig produzierte Lebensmittel verschwendet werden. Kolm: «Es wäre toll, wenn wir so etwas in Zug etablieren könnten. Wir sind darum auch sehr offen, wenn sich jemand dem annehmen möchte.»

Samantha Taylor