KANTON: Vor allem der «Brotfisch» fehlt

Die Berufsfischer vom Zugersee klagen über Netze, die vermehrt leer bleiben. Auch ein Amt beobachtet die Entwicklung mit Sorge.

Samantha Taylor
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Vor knapp zwei Jahren wurden die Fischbestände im Zugersee untersucht. (Archivbild Christof Borner-Keller)

Vor knapp zwei Jahren wurden die Fischbestände im Zugersee untersucht. (Archivbild Christof Borner-Keller)

Fast 30 000 Kilogramm Fisch wurden mit der Netzfischerei im vergangenen Jahr im Zugersee gefangen. Wie aus den Fangzahlen des Amts für Wald und Wild hervorgeht, gingen den Zuger Fischern damit insgesamt rund 141 000 Stück ins Netz. Eingang in die Statistik finden elf Fischarten, darunter sind auch Seeforellen, Rötel, Felchen, Hecht und Egli. Stückzahlenmässig am meisten gefangen wurden im vergangenen Jahr Egli – rund 49 000. An zweiter Stelle folgen bei den Netzfischern die Felchen mit rund 27 000 Stück.

50 Kilogramm im Netz

Was nach einer beachtlichen Menge klingt, sorgt bei den Berufsfischern im Kanton jedoch für Sorgenfalten. Denn die Zahlen seien alles andere als erfreulich. «Die Netze bleiben leider immer häufiger leer», bedauert etwa Marcel Wismer. Der 68-jährige Rischer ist seit 40 Jahren auf dem Zugersee als Berufsfischer unterwegs. Vor allem bei einer Art seien die Fangerträge in den letzten Jahren stark zurückgegangen. «In den 1980er- und 1990er-Jahren gab es Tage, da hatte ich bis zu 50 Kilogramm Felchen in meinen Netzen», so Wismer. Heute fange er kaum mehr welche.

Ähnliche Erfahrungen hat auch der Walchwiler Berufsfischer Werner Hürlimann gemacht. Der heute 78-Jährige ist zwar nicht mehr täglich unterwegs, trotzdem kennt er den See seit seiner Kindheit bestens. «Felchen fängt man heute wesentlich weniger.» Das sei vor allem deshalb bitter, weil der Felchen für die Berufsfischer der «Brotfisch» sei. «Der Felchen war eine wichtige Einnahmequelle, weil man ihn das ganze Jahr fischen konnte», führt Hürlimann aus. Zwar seien die Rötel- und Egli- Erträge heute ganz ordentlich. «Die gibt es aber nur saisonal. Davon kann man nicht mehr leben.» Das habe auch sein Sohn feststellen müssen, der eigentlich in seine Fussstapfen habe treten wollen. «Er musste die Berufsfischerei an den Nagel hängen», berichtet Hürlimann.

Massiver Einbruch bei Felchen

Ein Blick in die Statistik bestätigt die Aussagen von Wismer und Hürlimann. Die Fangzahlen der Felchen befinden sich auf einem absoluten Tiefststand. So wurden in den Rekordzeiten Ende der 1970er-Jahre rund 170 000 Kilogramm jährlich gefischt. Nach einem Einbruch Mitte der 1980er-Jahre waren es dann zu Beginn der 1990er-Jahre rund 120 000 Kilogramm jährlich. Heute dümpelt die Fangzahl nur gerade noch bei etwas mehr als 8000 Kilogramm.

Aber woran liegt es, dass die Felchen im Zugersee heute ausbleiben? Diese Frage sei nicht leicht zu beantworten, sagt Peter Ulmann, Co-Leiter des kantonalen Amts für Wald und Wild. «Die Nährstoff­situation – vor allem in Bezug auf Phosphor – hat sich stark verändert: von über 200 Mikrogramm pro Liter im Jahr 1980 auf heute unter 89 Mikrogramm pro Liter», sagt Ulmann. Es liege aber nicht allein daran. Es gebe diverse Einflüsse. «Neben der veränderten Nährstoffsituation hat sich auch die Berufsfischerei verändert, und die Artenzusammensetzung hat sich verschoben», so Ulmann weiter. So gebe es heute mehr Rötel und Seeforellen.

Brutanlagen sind zentral

Ob auch ganz grundsätzlich weniger Fische im Zugersee leben, ist laut Ulmann schwer zu sagen. «Es darf zwar angenommen werden, dass es weniger Fische gibt als etwa in den 1980er-Jahren. Damals gab es noch gigantische Bestände von Rotaugen, die sogar im Behördenauftrag reduziert wurden.» Aber man könne dies nur schwer mit Zahlen untermauern, da von den insgesamt 26 Arten, die im Zugersee vorkommen, nur 5 gezielt befischt würden.

Dennoch ist man daran, den Weiterbestand einzelner Arten wie etwa Felchen, Rötel und Hecht ganz bewusst zu sichern. «Felchen und Rötel können im Zugersee nicht mehr selbstständig reproduzieren», erklärt Ulmann. Die organischen Ablagerungen am Seegrund bewirken, dass sich die Fischeier am Grund wegen Sauerstoffmangel nicht oder nicht vollständig entwickeln könnten. Beim Hecht werde mit der künstlichen Erbrütung kompensiert, dass es am Zugersee kaum jemals mehr Hochwasserstände gebe, die für das natürliche Ablaichen wichtig seien. «Die minimale Sicherung der Nachkommenschaft einzelner Arten erfolgt also in den Brutanlagen», so Ulmann. Dass man diese aber intensiviert, davon sieht er ab. «Grossbestände einzelner für die Fischerei interessanter Arten produzieren zu wollen, ist weder wünsch- noch finanzierbar.»

Wichtige Tradition

Dass die Berufsfischerei unter der aktuellen Entwicklung leidet, beobachtet man auch beim Amt für Wald und Wild mit Sorge. «Wenn die Netzfischerei der Berufsfischer zurückgeht, ist dies bezüglich Tradition und Identität sehr negativ», sagt Ulmann. Das ziehe ausserdem Kreise, denn auch die Gastronomie werde ohne lokale Fischereispezialitäten abgewertet. Darum betont Ulmann: «Um die Biodiversität und das Ökosystem zu erhalten, braucht es den Laichfischfang auf Felchen, Rötel und Hecht durch die Netz- beziehungsweise Berufsfischerei.» Ansonsten könnten diese Arten nicht mehr erbrütet werden, und Felchen und Rötel würden im Zugersee vermutlich aussterben.