KANTON ZUG: Leitartikel: Die Entwicklung verlangt nach solchen Projekten

Die stellvertretende Chefredaktor Samantha Taylor über den neuen Stadtteil im Gebiet Unterfeld/Schleife.

Samantha Taylor, Stv. Chefredaktorin
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Samantha Taylor, stv. Chefredaktorin der Zuger Zeitung (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 6. Februar 2015))

Samantha Taylor, stv. Chefredaktorin der Zuger Zeitung (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 6. Februar 2015))

Es ist für den Kanton eine neue Dimension: Im Gebiet Unterfeld/Schleife entsteht ein neuer Stadtteil mit insgesamt 700 Wohnungen. Durch das Projekt werden die Gemeinden Zug und Baar definitiv verschmelzen, da sich das Grundstück zu zwei Dritteln auf Baarer und zu einem Drittel auf Stadtzuger Boden befindet. Die Zuger und Baarer stimmen am 12. Februar über den jeweiligen Bebauungsplan ab.

Die Zahlen des Projekts beeindrucken. Das Grundstück, das bebaut werden soll, umfasst eine Fläche von 5,5 Hektaren. Das entspricht knapp acht Fussballfeldern. Geplant sind darauf wie eingangs erwähnt 700 Wohnungen, 470 davon werden die Kriterien des preisgünstigen Wohnungsbaus zugrunde gelegt (400 auf Stadtzuger, 70 auf Baarer Boden). Hinzu kommen Büro- und Gewerbeflächen für 1000 bis 1500 Beschäftigte. Untergebracht wird all das in 15 Gebäuden, die verdichtet in einer Art Blockrandbebauung angeordnet werden. Die Grundhöhe der Bauten beträgt 25 Meter. Einige Gebäude überragen diese Masse mit Höhen von 34, 46 oder 50 Metern jedoch deutlich. Direkt vor der Stadtbahnhaltestelle Lindenpark kommt zudem ein Hochhaus von 60 Metern zu stehen. Im Innern der Bebauung gibt es einen Park, der unter anderem über einen künstlichen See verfügt.

Ein Projekt dieser Art gab es im Kanton Zug bisher noch nicht. Zwar sollen dereinst auch in der Rotkreuzer Suur­stoffi rund 1500 Menschen leben und über 2000 Personen arbeiten. Und auch dort ist ein Hochhaus in Planung, das mit seinen zwei Türmen 70 beziehungsweise 52 Meter in die Höhe ragt. Allerdings verteilt sich das Quartier am Rotkreuzer Bahnhof auf eine beinahe doppelt so grosse Fläche von rund 10 Hektaren. Es ist somit weit weniger verdichtet als der neue Stadtteil zwischen Zug und Baar.

Es wundert nicht, dass unter diesen Voraussetzungen Gegner und Kritiker auf den Plan gerufen werden, die durchaus berechtigte Bedenken äussern. Zu massig sind ihnen die Gebäude mit ihren «gigantischen Ausmassen», zu gross die Volumina. Die Hochhäuser würden die Landschaft dominieren und das gewachsene Ortsbild zerstören. Von einem «Klein-Manhattan», das einen Verkehrskollaps produziert, ist die Rede. Es sei der falsche Ort für ein solches Projekt, es fehle das übergeordnete Entwicklungskonzept. Und schliesslich befürchten die Gegner, dass sich im Quartier Unterfeld/Schleife das wiederholt, was in den benachbarten Quartieren Feldpark oder Feldhof heute Tatsache ist: Erdgeschossnutzungen, die kein Publikum anziehen und so zu einem toten Quartier geführt haben.

Dagegen zu halten ist nicht einfach. Die Zahl von 1500 Beschäftigten und 1300 Bewohnern lässt bezüglich des Verkehrs aufhorchen. Allein wenn man daran denkt, wie sich die Autos heute zu Spitzenzeiten schon auf der Nordstrasse stauen. Dabei gilt es allerdings, den Zeithorizont des Projekts zu beachten. Das Vorhaben soll etappenweise in 10 bis 20 Jahren umgesetzt sein. In diesem Zeitraum wird sich die Mobilität verändern. Selbstfahrende Autos oder Mobility-Pricing sind nur zwei Stichworte, die bis dahin – ganz unabhängig von diesem neuen Quartier – wohl zu weniger oder zu besser verteiltem Verkehr auf den Strassen führen.

Schwer sagen lässt sich heute, wie gut das Quartier dereinst mit Leben erfüllt wird. Experten rechnen bei einer solchen Grösse mit einem Zeitraum von mindestens fünf Jahren. Den Planern scheint diese Herausforderung bewusst zu sein. Denn im Gegensatz zu den Beispielen aus der Nachbarschaft ist beim Unterfeld das Quartierleben bereits heute Thema. Grünflächen und Spielplätze sollen einerseits dazu beitragen. Andererseits gibt es erste Ideen für die publikumsattraktiven Nutzungen in den Erdgeschossen. Co-Working-Spaces, ein Probenraum für einen Kinderzirkus und ein Restaurant könnten es unter anderem sein. Die Generalunternehmerin Implenia, die im Baarer Teil als Investorin auftritt, verspricht heute, die Mietpreise so anzusetzen, dass Möglichkeiten für verschiedenste Interessenten geschaffen werden. Die Korporation Zug, Grundeigentümerin und Bauherrin im Zuger Teil, wird zudem Platz für einen Kindergarten und eine Kinderkrippe schaffen. Das sind gute Voraussetzungen für ein lebendiges Quartier.

Entscheidend ist bei dieser Abstimmung aber auch ein weiterer Punkt: Baar und Zug wachsen. Der Entwurf des überarbeiteten Richtplans geht davon aus, dass in diesen beiden Gemeinden zusammen bis 2040 über 67000 Personen leben werden. Heute sind es rund 53000. Neue Flächen werden aber nicht eingezont.Diese zusätzlichen Bewohner müssen also auf den heute zu Bauland eingezonten Flächen untergebracht werden. Verdichten, in die Höhe bauen und näher zusammenrücken sind nicht mehr Massnahmen, die man ergreifen kann, man muss.

Zug ist schon heute nicht mehr die beschauliche Kleinstadt und Baar nicht mehr das Dorf von einst. Und in Zukunft werden sie das erst recht nicht mehr sein. Die Gemeinden haben die Grösse von Städten, und sie wachsen weiter. Um es mit diesem Wachstum aufzunehmen, braucht es Projekte wie das Unterfeld.

Samantha Taylor, stv. Chefredaktorin

samantha.taylor@zugerzeitung.ch