KANTON ZUG: Neues Phänomen: KV-Lehrlinge werden rar

Bei einigen Betrieben im Kanton Zug haben sich dieses Jahr deutlich weniger Jugendliche für eine Lehrstelle beworben. Das sei ein neues Phänomen, sagen Experten.

Christopher Gilb
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Symbolbild Manuela Jans-Koch / LZ (11. Dezember 2016)

Symbolbild Manuela Jans-Koch / LZ (11. Dezember 2016)

Im Spätsommer bekam Urs Brütsch, Leiter des Amtes für Berufsberatung des Kantons Zug, die erste Anfrage von einem Unternehmen, das KV-Lehrlinge ausbildet. Die Frage lautete, wieso sich dieses Jahr so wenig Interessierte für die Stelle melden würden. «Anfänglich dachte ich, es sei ein Einzelfall und die Erklärung dafür höchstens eine normale saisonale Schwankung», erinnert sich Brütsch. Doch dann erhielt er weitere solcher Anfragen von Personalverantwortlichen von Arbeitgebern aus eigentlich populären Bereichen wie Immobilientreuhand, dem Bankwesen und der öffentlichen Verwaltungen, die sich über die geringe Anzahl Bewerber wunderten. «Dies ist ein neues Phänomen, da solche Branchen normalerweise keinen Bewerbermangel haben», sagt er.

Brütsch begann deshalb Ursachenforschung zu betreiben und integrierte in den regelmässigen Newsletter der Berufsberatung an die Zuger Lehrpersonen, die Frage, ob diese Erklärungen für das neue Phänomen hätten. «Eine Lehrperson teilte mir mit, dass sich die Schüler dieses Jahr insgesamt eher später als in den Vorjahren bewerben würden, weitere Gründe habe ich aber noch nicht in Erfahrung gebracht», sagt Brütsch. Gerade würde die Lehrstellenerhebung laufen, also die Nachfrage bei den Unternehmen, ob sie ihre Lehrstellen zwischenzeitlich schon besetzt haben. «Das Problem ist, dass Unternehmen zwar freie Lehrstellen melden, uns aber teilweise nicht mehr mitteilen, wenn diese vergeben wurden, deshalb liegen noch keine definitiven Zahlen vor, wie viel offene Stellen es noch gibt.»

Lehrstelle wieder vom Markt genommen

Eines der Unternehmen, das sich an Brütsch wandte, ist die Hegglin Group AG in Zug. Das Immobilienunternehmen hat eine Lehrstelle auf Sommer 2017 zu vergeben. «Zwischenzeitlich ist diese besetzt», sagt Sarah Kläntschi vom Backoffice der Firma. Sie könne aber bestätigen, dass deutlich weniger Bewerbungen als im Vorjahr eingegangen seien. Das gleiche ist bei der kantonalen Verwaltung der Fall. 15 Lehrstellen in verschiedenen Bereichen waren dort zu besetzen. «Bis auf zwei konnten zwischenzeitlich alle vergeben werden», sagt Priska Stöckli, die kantonale Lehrlingsverantwortliche. Es seien dieses Jahr aber gesamt rund ein Viertel weniger Bewerbungen als im Vorjahr eingegangen, so Stöckli.

Die Raiffeisenbank Zug hatte das gleiche Problem und hat die Lehrstelle sogar vom Markt genommen. «Wir werden die Lehrstelle für 2017 nicht besetzen», sagt die Personalverantwortliche Brigitte Spalinger. «Da es wenig Bewerbende gab und bei uns sowieso eine grössere Systemumstellung im EDV-Bereich ansteht, haben wir entschieden, die Stelle erst auf 2018 wieder zu besetzen.» Im Vergleich zu vor zehn Jahren würden für die KV-Lehrstellen bei der Raiffeisenbank Zug heute rund fünfmal weniger Bewerbungen eingehen, sagt sie. Als einen möglichen Grund von vielen, nennt Spalinger die weiterführenden Schulen: «Ich glaube, dass sich heute leider immer mehr Schülerinnen und Schüler für weiterführende Schulen statt für die Berufslehre entscheiden, obwohl diese einiges zu bieten hat. Wir versuchen deshalb immer wieder über Werbemassnahmen, den Jugendlichen die Vorteile einer Berufslehre bei uns zu vermitteln», sagt Spalinger.

Dass sich heute im Kanton Zug generell etwa fünfmal weniger Jugendliche für KV-Lehren bewerben würden als vor zehn Jahren, könnte er nicht bestätigen, sagt Urs Brütsch. «Es hat eine kleine Verschiebung gegeben, diese ist aber weit weg von dieser Dimension.»

Schon in Primarschulen die Arbeitswelt thematisieren

Kurt Erni, Präsident des Gewerbeverbandes des Kantons Zug, teilt mit Brigitte Spalinger die Auffassung, dass ein Problem für Lehrbetriebe die Beliebtheit der weiterführenden Schulen sei. «Diese sind in der obligatorischen Schule als Angebot viel präsenter, und die Schüler werden schon auf Primarstufe mit dieser Ausbildungsvariante konfrontiert.» Über die Lehre hingegen werde erst in der Ober­stufe gesprochen. «Da die Berufswahl keine punktuelle Entscheidung sei, wäre es ein grosser Gewinn für die Jugendlichen, wenn sie bereits in der Primarschule die Vielfalt der Berufswelt und deren Bedeutung für das tägliche Leben kennen lernen würden», sagt Erni. Auch Urs Brütsch ist dieser Meinung: «Die Primarschüler sollten erfahren, wie viel Freude es jemandem macht, an einem Haus mitzubauen und dieses dann fertig zu sehen oder eine Torte zu backen und diese Kunden zu präsentieren.»

Er sieht aber auch einen Nachholbedarf in Sachen Information über die Berufslehre im Bezug auf die Eltern. «Auf der Primarstufe ist es noch zu früh, die Kinder mit diesem Thema zu konfrontieren, vielmehr sollten ihre Eltern mit den Möglichkeiten der Berufslehre bekannt gemacht werden. Viele Eltern würden leider nicht wissen, dass man mit einer Berufslehre auch die Berufsmatura machen könne. «Sie haben Angst, dass ihre Kinder mit der Lehre ins Hintertreffen geraten könnten, das stimmt aber nicht», sagt Brütsch.

Nicht überall gingen weniger Bewerbungen ein

Aber nicht bei allen KV-Betrieben im Kanton gingen in diesem Jahr weniger Bewerbungen für die offenen KV-Lehrstellen ein. «Wir haben mindestens gleich viel Bewerbungen wie im Vorjahr erhalten, und die Dossierqualität war sehr gut», sagt Alexander Wüst, Ausbildungsverantwortlicher bei der Zuger Kantonalbank. Gleich tönt es bei der B&B General Consulting GmbH, einem Treuhandunternehmen in Cham. Im Vergleich zu den Vorjahren habe man dieses Jahr sogar eher viele Bewerbungen auf die zwei ausgeschriebenen Stellen erhalten.

Auch Kurt Erni sagt, dass er zwar schon von einigen Betrieben die Rückmeldung erhalten habe, dass es dieses Jahr mit der Stellenbesetzung harziger als sonst laufe, andere jedoch keine Probleme hätten. Er sieht indes als möglichen Grund für einen Bewerbermangel auch eine nachlassende Nachfrage aus den Nachbarkantonen. «Vielleicht orientieren sich Jugendliche aus anderen Kantonen weniger in Richtung Zug als beispielsweise nach Luzern, wo es vielleicht auch adäquate Lehrstellen in den besagten Sektoren gibt.»

Laut Urs Brütsch wird rund ein Drittel der Lehrstellen im Kanton Zug durch Jugendliche aus Nachbarkantonen besetzt, da im Kanton viele Lehrstellen aus Branchen mit fachlich hohen Anforderungen angeboten würden. Seit dem Herbst hätten sich aber auch keine weiteren Unternehmen mit Schwierigkeiten mehr bei ihm gemeldet. Er ist deshalb jetzt gespannt auf die Ergebnisse der Lehrstellenerhebung. Dann stellt sich auch heraus, ob das Phänomen wirklich eines ist.

Christopher Gilb
christopher.gilb@zugerzeitung.ch