KANTON ZUG: Pfarrer und Kirchen treiben die Zuger um

Im Ausland passiert im Januar 1867 nicht viel. Im Kanton Zug hingegen ist die Hölle los, schenkt man einigen teilweise üblen Artikeln der «Neuen Zuger-Zeitung» Glauben.

Raphael Biermayr
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Pfarrer und Kirchen treiben die Zuger um

Pfarrer und Kirchen treiben die Zuger um

Raphael Biermayr

raphael.biermayr@zugerzeitung.ch

Ist der Himmel auf die Erde gestürzt? Diesen Eindruck kann man kriegen, wenn man liest, was in Baar los ist im Januar 1867: «Seit einiger Zeit ist über hiesige Gemeinde und Verhältnisse so viel und in einem Sinne gesprochen und geschrieben worden, dass man es sich kaum zur Ehre rechnen könnte, Baarbürger zu sein.» Der Grund für diese Selbstscham sind einerseits zwei Brandstifter, «verkommene junge Bürger», für deren Übeltat man aber nicht eine ganze ­«ehrenwerte Gemeinde» verantwortlich machen könne. Andererseits wird in der «Neuen Zuger-Zeitung» gegenüber dem verstorbenen (!) Pfarrer Widmer nachgetreten. Dieser habe schon oft von der Kanzel «über die Zuchtlosigkeit, Gleichgültigkeit und die Frivolität einer gewissen Klasse junger Leute gejammert», aber zu wenig Engagement gezeigt, die «in vielen Familien vernachlässigte Jugenderziehung» zu ergänzen. «Unsitt­liche und irreligiöse Lektüre» hätte genauso einen Einfluss auf das Verhalten der Baarer wie «eine Unzahl gemeiner Kneipen». Alle Hoffnungen ruhen nun auf dem neuen Pfarrer, der offenbar einen famosen Neujahrsgruss entsandt hat. «Dem Indifferentismus und der Immoralität wird manches Plätzchen abgerungen», heisst es dazu. In den nächsten Abschnitten holt der Autor zu einer grossen Abrechnung aus: «Daher der Ärger und verbissene Ingrimm und die Tätigkeit des Freimaurerbodensatzes und Konsorten, deshalb die schändlichen und gemeinen Pamphlete und Zeitungsartikel, die schriftlichen und mündlichen Schmähungen und Anfechtungen, der Versuch der Familienentzweiung und das Schüren des Hasses.» Und schliesslich: «Des Pfarrers Feinden wird es ergehen wie jenem kriechenden Tier, das in blinder Wut sich selbst in den Schwanz beisst.»

In Neuheim gibt es derweil Ärger um die Pfarrwahl. Der Aspirant Joseph Bumbacher, bisher Pfarrverweser (Stellvertreter), wehrt sich im Namen des Gegenkandidaten. Im «Zuger Volksblatt» ist angeblich ein Artikel erschienen, wonach der vom Gemeinderat kolportierte Kandidat eben jenem Bumbacher den Rücktritt von der Kandidatur nahgelegt habe «mit dem Beifügen, dass ihm gegenüber ja jede Opposition ­unnütz sei». An dieser Behauptung sei «kein wahres Wort», schreibt Bumbacher nun, man möchte «nicht Zwietracht in unsere bis anhin friedliche Gemeinde säen. Ich zürne auch keineswegs denjenigen, welche gegen mich ihre Stimme abgegeben haben, weil ich vorausschicke, dieselben haben nur ihrer innersten Überzeugung gefolgt, was sie vor Gott schuldig waren.» Bumbachers Barmherzigkeit überzeugt die Wähler: Er wird der neue Pfarrer Neuheims.

In Cham haben die Katholiken andere Sorgen: Die Kirchgemeinde hat die Einwohnergemeinde «um Vollmacht ersucht», mit der Restauration der Pfarrkirche St. Jakob beginnen zu dürfen. Die Renovationskosten belaufen sich auf 16000 Franken für den Innenteil sowie 2000 Franken für die Fassade. Dank Sammlungen und Zuwendungen wird das Geld aber zusammengebracht.

Grosse Tage für das kleine Finstersee

Auch in Finstersee geht die Kollekte fast täglich um – hier soll eine neue Kirche gebaut werden. Denn für die etwa 300 «Pfarrgenossen», von denen manche zwei Stunden entfernt von der Kirche in Menzingen wohnten, sei der Weg zu jener «gerade bei grossem Schnee wenigstens für die Kinder nicht gangbar». Kommt dazu, dass der Weiler vor nicht allzu langem eine neue Schule errichtet hat. Im Zeitungsartikel wird noch an die alte erinnert: Sie hatte «ein etwas mittelalterliches Aussehen». Als diese Schule und die Schulordnung «den Bedürfnissen der Zeit» nicht mehr entsprochen hatten und der mehr als 40 Jahre im Dienst stehende Lehrer die vom Gesetz geforderte Ausbildung nicht ablegen wollte, entschloss sich der Weiler zum Bau eines neuen Schulhauses und zur Anstellung eines «patentierten» Lehrers. Die Finsterseer taten sich danach «nicht immer besonders glücklich» mit der Wahl der Lehrer. Weil es immer mehr Einwohner gab, entschied man sich, ­einen Geistlichen «zu halten», der unterrichten und den Früh- und den Nachmittagsgottesdienst an Sonn- und Feier­tagen im Schulhaus abhalten konnte.

Nun sollen die Messen in einer richtigen Kirche gelesen werden: Deren Bau ist mit 20000 Franken veranschlagt – ohne Interieur. Die Finsterseer müssen sich beteiligen. Das steuerbare Einkommen aller Bewohner liegt allerdings nur bei 161 090 Franken, wie aus dem Artikel hervorgeht. So werden «mit Erlaubnis der Regierung» in einigen Gemeinden des Kantons Sammlungen veranlasst, was ein «gebührendes Sümmchen» eingebracht hat. Und schliesslich unterstützt die Gemeinde Menzingen den Bau in Finstersee mit 3500 Fuss Bauholz, 100 Stück Gerüstlatten und 25 Tannen aus dem Gemeindewald. «Möge der Herr dieses Werk segnen und wohltätige Herzen erwecken und sie mit hundertfachem Lohne ergänzen», steht zum Schluss.

Krank gemachte Augen

Ein «Kunstkenner», wie er spöttisch genannt wird, kritisiert im «Schweizerischen General-Anzeiger» die Restauration der Kirche St. Oswald harsch. «Mehr Sinn für das Schöne und Pas­sende» sowie «mehr Fachkenntnis als Selbstüberschätzung» fordert er. Der Redaktor der «Neuen Zuger Zeitung» schreibt leidenschaftlich gegen diese Kritik an. Er kommt zum Schluss: «Nicht alle sehen das Innere von St. Oswald mit von einer wüsten Untugend krank gemachten Augen an, mit Augen, die alles nur gelb und grün sehen.»

Der Heiratslustige

Ein Mann aus dem Ort Speicher sorgt mit spektakulären Ehen für Aufsehen: Zunächst hatte er als 19-Jähriger «eine 40-jährige Jungfrau» geheiratet. Als diese nach 20 Jahren starb, ehelichte er – als jetzt 40-Jähriger – eine 18-Jährige. «Ich will es mal mit einer jungen Frau probieren», soll er gesagt haben. Die beiden sind nun schon 25 Jahre verheiratet.

Der Strohhut-Macher

Legendär ist diese Anzeige unter dem Titel «Aufsuchen!!»: «Der Aufenthalt des Herrn Franz Josef Uhr, Strohhut-Appreteur (Facharbeiter, Anm. d. Red.) aus dem Kanton Zug, ist dem Einsender unbekannt. Bezüglich schriftlicher Mitteilungen erbittet man seine Adresse an die Expedition (Anzeigenvermittler) des Blatts.»

Wertvolles Geschenk

Der Graf Bismarck freut sich im fernen Norden über «ein schönes Christkindli». Der König hat ihm 1 Million Taler geschenkt. «Ich meine aber, es sei Blut an dem Geld», schreibt der Autor, ohne das zu begründen.

Entseelt dahinsinken

Ein Mord in Gontenschwil AG beschäftigt auch das Zugerland. An Weihnachten setzte sich der Vater nach dem Bibelstudium auf den Ofen, um sich vor dem Zubettgehen zu wärmen. Der Sohn herrschte ihn mit den Worten an: «Willst du nicht ins Bett, Alter?» Der Vater putzte ihn herunter, woraufhin der Sohn – ein Kavallerist – seine Pistole holte und dem Vater durch die Brust schoss. Der Vater höhnte daraufhin «So, so! Mein Sohn!» und «sank danach entseelt dahin». Der Mörder versteckte sich in einem Schlupfwinkel des grossen Bauernhauses, wurde aber am Morgen entdeckt und verhaftet.

Arme Geschöpfe

Auch vor 150 Jahren bereits ein Thema: «Viele meinten schon, der Winter sei missraten – nun scheint er doch noch ein wohlgeratener werden zu wollen, denn eine gewaltige Masse Schnee bedeckt Haus, Feld und Wald.» Das ist nicht nur positiv, denn «da sind viele Geschöpfe übel, sehr übel dran, und wir möchten sie dem Mitleid der Menschen empfehlen, deren Nahrung der Schnee nicht bedeckt, die eine warme Stube erfreut.»

Gefährliches Hantieren

Der Chamer Weichenwächter Baumgartner befürchtet eine Armamputation: «Durch unvorsichtiges Hervornehmen einer Flinte unter einem Banke entlud sich der Schuss und drang dem Unglücklichen in den Arm», steht da.

Genug ist genug

Der Zuger Regierungsrat verhängt ein einjähriges Wirtshausverbot über den Schneider Bernard Andermatt aus Baar – auf Verlangen des dortigen Gemeinderats.