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KANTON ZUG: Wie gut sind die Kantischüler wirklich?

Die Unterschiede zwischen den gemeindlichen Gymnasialquoten geben der Bildungsdirektion Rätsel auf. Aufschlüsse über die Gründe soll auch eine Prüfung liefern.
Raphael Biermayr
Erst seit Beginn des laufenden Schuljahrs können Kantischüler aus den Berggemeinden in Menzingen ans Langzeitgymnasium. (Bild Stefan Kaiser)

Erst seit Beginn des laufenden Schuljahrs können Kantischüler aus den Berggemeinden in Menzingen ans Langzeitgymnasium. (Bild Stefan Kaiser)

Raphael Biermayr

Folgende Sätze könnten aus der heutigen Zeit stammen: «Bildungspolitisch möchten wir nicht, dass der Anteil der Gymnasiasten zunimmt. Umso mehr ist es uns ein Anliegen, die Berufslehre noch attraktiver zu machen.» Dieses Zitat aus unserer Zeitung datiert aus dem Jahr 1994. Es stammt vom «Erziehungsdirektor» genannten damaligen Bildungsvorsteher Walter Suter. Damals konnten die Sechstklässler erstmals in der Geschichte ohne Prüfung an die Kantonsschule übertreten. 15,2 Prozent der Schüler gingen diesen Weg.

Für das kommende Schuljahr 2016/17 liegt diese Quote bei 20,1 Prozent, wie aus einer Mitteilung der Bildungsdirektion zum Übertrittsverfahren hervorgeht. Das heisst konkret, dass von 1273 Sechstklässlern deren 256 ab August die Kanti in Zug oder Menzingen besuchen werden. Damit liegt die Quote zwar tiefer als im Vorjahr (20,5 Prozent). Wegen des Bevölkerungswachstums treten gleichwohl sechs Kantischüler mehr ein als 2015.

Mathematikprüfung für die Neuen

Es ist das dritte Mal in der Geschichte, dass die Quote den «magischen Wert» von 20 Prozent überschreitet, wie dieser in der Direktion genannt wird. Der zuständige Regierungsrat Stephan Schleiss (SVP) sah beim ersten Mal im Jahr 2013 «eher einen Zufall als einen Trend» – heute zeigt sich, dass dem nicht so ist. Es scheint so, dass die tiefere Quote 2014 (18,7 Prozent) ein Ausreisser war. Diesen Eindruck bestätigt Schleiss, der einst selbst die Kanti Zug besuchte (mit ­mathematisch-naturwissenschaftlichem Schwerpunkt). Nicht zufällig sind aus seiner Sicht hingegen die grossen Unterschiede bei den Quoten zwischen den einzelnen Zuger Gemeinden (siehe Grafik). Hünenberg ist mit über 30 Prozent wie schon im Vorjahr der Spitzenreiter. Auffällig ist in dieser Gemeinde, dass die Quote explodiert ist nach der Einführung des altersdurchmischten Lernens auf der ganzen Primarstufe (2014/15).

Bild: Grafik Oliver Marx / Quelle: Bildungsdirektion des Kantons Zug

Bild: Grafik Oliver Marx / Quelle: Bildungsdirektion des Kantons Zug

Auf der anderen Seite der Skala findet sich in diesem Jahr Neuheim (7,7 Prozent), wobei die Berggemeinde – wie auch Walchwil – wegen der geringen Einwohnerzahl stark abhängig von Jahrgängen ist und damit enormen statistischen Schwankungen unterworfen ist. Dieses Jahr verlassen beispielsweise nur 26 Schüler die Primarschule, zwei davon treten in das Gymnasium über. Wie die Unterschiede zu Stande kommen, stellt die Fachleute vor ein Rätsel, wie aus dem Bericht der Übertrittskommission an den Bildungsrat hervorgeht. Für die Suche nach den Ursachen präsentiert Stephan Schleiss nun eine Idee: Im August 2017 sollen alle neu eingetretenen Kantischüler eine Mathematikprüfung mit dem Stoff aus der ganzen Primarstufe ablegen. Dieser wird gemäss Schleiss «nicht der Selektion dienen». Er verspricht sich davon «Aufschlüsse über den tatsächlichen Leistungsstand und über die Einhaltung des Lehrplans».

Es gibt offensichtlich Gründe, die die unterschiedlichen Quoten begünstigen: Zum Beispiel ist die Bevölkerung der Berggemeinden dem Kleingewerbe gegenüber in der Regel zugewandter als diejenige im Tal. Darüber hinaus war vor der Einführung des Langzeitgymnasiums in Menzingen auf dieses Schuljahr hin der Weg in «die Stadt» nach Zug für manche Berggemeindebewohner zu weit. «Doch das kann nicht die ganze Erklärung sein, dafür divergieren die Zahlen zu stark», sagt Schleiss.

Graben zwischen Berg und Tal

Eine eingehende Auswertung der Werte fördert Unterschiedliches zu Tage. So kann gegenwärtig von einem Graben zwischen den Berg- und Talgemeinden gesprochen werden, was auch dem Bericht an den Bildungsrat zu entnehmen ist. Neben dem regelmässig tief liegenden Menzingen (aktuell 13,6 Prozent) weist dieses Jahr auch Unterägeri eine unterdurchschnittliche Gymnasialquote auf (16,3 Prozent). Oberägeri (23,1 Prozent) ist jedoch die Ausnahme.

Entscheidend für die hohe Quote im Kanton ist die Tatsache, dass sieben der elf Gemeinden, darunter sind die drei bevölkerungsreichsten Zug, Baar und Cham, über 20 Prozent liegen. Die Stadt Zug übertrifft diesen Wert gar das 14. Jahr in Folge. Interessant: Nimmt man die Mittelwerte seit der elektronischen Erfassung der Daten im Jahr 1999, sind es nur noch drei Gemeinden, die Zahlen über 20 Prozent erreichen: Zug (25,3), Walchwil (23,6) und Hünenberg (21,3). In dieser Rangliste steht Menzingen deutlich abgeschlagen am Ende (12,6 Prozent). Der kantonale Mittelwert liegt bei 18,2 Prozent.

Im vergangenen Herbst hat die Direktion bereits die Einführung eines Orientierungswerts auf das Schuljahr 2016/17 beschlossen. Eine 5,2 im Notendurchschnitt der 5. Klasse soll die Diskussionsgrundlage bilden, wenn Eltern und Lehrer die Zukunft eines Schülers besprechen. Doch dieses Instrument reicht offenbar nicht aus.

Comeback der Kantiprüfung?

Ist der genannte Test die Vorstufe zur Wiedereinführung der Kantiprüfung? Schleiss verneint und sagt: «Das ist zurzeit kein Thema, gerade letztes Jahr hat der Kantonsrat eine entsprechende Motion klar verworfen. Es geht der Regierung darum, die Profile zu schärfen.» Damit ist gemeint: Nur die tatsächlich stärksten Schüler sollen die Kanti besuchen. Dadurch soll die Quote sinken, und gleichzeitig sollen weniger neu eingetretene Schüler leistungshalber vorzeitig aus der Kanti ausscheiden (im Schuljahr 2014/15 waren es 13).

Im Kanton Zug legen die Gemeinden fest, wer ins Langzeitgymnasium geht. Versuche seitens der Regierung, hier mehr Kompetenzen zu bekommen, waren in der Vergangenheit politisch chancenlos. In heutigen Zeiten des Sparens könnte wenigstens die Bereitschaft zur Diskussion vorhanden sein. Denn eine Kantiklasse kostet den Kanton derzeit mehr als doppelt so viel wie eine Sekundarklasse (siehe Artikel unten auf dieser Seite). Das ist vor allem auf die Lehrerlöhne zurückzuführen. Diese sollen allerdings gemäss dem kantonalen Entlastungsprogramm künftig nicht mehr so schnell steigen.

Zurück zu den Unterschieden zwischen den gemeindlichen Gymnasialquoten. Diese sind keineswegs ein neues Phänomen. Im eingangs erwähnten Artikel aus dem Jahr 1994 steht nämlich, dass gemäss der Erziehungsdirektion «Quotendifferenzen bezüglich der elf Gemeinden in den nächsten Jahren angeglichen werden müssten».

Bei dieser Prüfung sind also bereits einige Bildungsdirektoren durchgefallen.

Für Kantischüler muss der Kanton tiefer in die Tasche greifen

Ob ein Jugendlicher seine schulische Karriere nach der 6. Klasse in der Kantonsschule oder der Sekundarschule fortsetzt, hat auch finanzielle Folgen – sowohl für den Kanton wie auch für die Gemeinden. Wer das Langzeitgymnasium besucht, für den trägt der Kanton die Kosten vollumfänglich. Konkret rechnet man beim Amt für Mittelschulen mit rund 24 000 Franken für einen Kantischüler pro Jahr. Verbringt er sechs Jahre an der Kanti, beläuft sich der Betrag auf 144 000 Franken.
Den mit Abstand grössten Anteil dieser Kosten machen dabei die Lehrerlöhne aus. Gemäss Michael Truniger, Leiter des Amts für Mittelschulen des Kantons, sind es ganze 90 Prozent. Das entspricht 21 600 Franken der Jahreskosten eines Schülers. Die Kosten für das Verbrauchsmaterial für den Unterricht – also die Lehrmittel – belaufe sich auf 2 bis 3 Prozent (rund 720 Franken). Der Rest der Kosten verteilt sich laut Truniger insbesondere auf Büro-/Betriebs-/Verbrauchsmaterial, Geräte, Ver-/Entsorgung, Unterhalt.
Halb so viel

Weit weniger tief in die Tasche greifen muss der Kanton auf der anderen Seite bei Jugendlichen, die die Sekundarstufe besuchen. Zwar belaufen sich die Gesamtkosten für einen Sekundarschüler gemäss Bundesamt für Statistik auf 20 236 Franken pro Jahr. Wie sich diese auf die einzelnen Posten (Lehrerlöhne, Infrastruktur, Schulmaterial) genau verteilen, kann nicht im Detail gesagt werden. Die Kosten für die einzelnen Posten seien dabei von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich, heisst es auf Anfrage unserer Zeitung bei den Gemeinden. Eine Auflistung bedürfe diverser Abklärungen.

Fest steht allerdings: Gut die Hälfte dieser rund 20 000 Franken geht zu Lasten der Gemeindekassen. Der Kanton beteiligt sich im Rahmen einer sogenannten Normpauschale, die er an die Kommunen zahlt, an den Kosten für einen Sekundarschüler. Aktuell beträgt diese Pauschale gemäss Angaben von Myriam Ziegler, Leiterin des Amts für gemeindliche Schulen des Kantons Zug, 9124 Franken pro Schüler pro Jahr. Ab Januar 2017 wird sie erhöht auf 9284 Franken. Ein Kantischüler kostet den Kanton also mehr als doppelt so viel.

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