Kirche

Die Hoffnung auf die «Ehe für alle» ist in katholischen Kreisen gross

Heirat unter Gleichgeschlechtlichen – der Ständerat hat einen wichtigen Vorentscheid getroffen. Katholiken in der Schweiz freuts. Mit einer rechtlichen Gleichstellung sei das Problem der Diskriminierung aber noch nicht gelöst.

Raphael Rauch, kath.ch
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Haben 2014 in Bürglen UR als gleichgeschlechtliches Paar den Segen Gottes erhalten und damit für Kontroversen gesorgt: Elisabeth Stirnemann (links) und Martha Kempf.

Haben 2014 in Bürglen UR als gleichgeschlechtliches Paar den Segen Gottes erhalten und damit für Kontroversen gesorgt: Elisabeth Stirnemann (links) und Martha Kempf.

Bild: kath.ch/Elisabeth Real

Im Jahr 2014 sorgte ein lesbisches Paar aus Bürglen im Kanton Uri für Aufsehen: Martha Kempf und ihre Partnerin Elisabeth Stirnemann schlossen eine Partnerschaft. Sie wollten aber auch den Segen Gottes – und Pfarrer Wendelin Bucheli spendete ihn. «Für mich und meine Partnerin Elisabeth stimmt es so, wie es ist», sagt Martha Kempf (42). «Ich weiss, dass andere die eingetragene Partnerschaft aber als Ehe zweiter Klasse sehen. Von daher freue ich mich sehr über das Signal aus dem Ständerat.» Martha Kempf stellt klar: «Mit der Ehe für alle ist es noch nicht getan. Noch immer werden homosexuelle Menschen diskriminiert. Homophobie ist leider für viele Teil des Alltages.» Wichtig sei es, Vorurteile abzubauen und «queere Lebenswelten als Beitrag zur Vielfalt zu begrüssen».

Sechs Jahre ist es her, dass Martha Kempf und ihre Partnerin in Bürglen den Segen erhalten haben. «Wir sind immer noch glücklich zusammen», sagt Kempf. Sollte die Ehe für alle kommen, wollen sie aber keine zweite religiöse Zeremonie: «Mehr als Gottes Segen können wir in der katholischen Kirche nicht bekommen. Den hat uns Wendelin Bucheli ja schon gespendet. Und dieser hält bis heute.»

Erneuerung des Weges nach Bethlehem

Enthusiastisch äussert sich der homosexuelle Theologe Pierre Stutz. Der Herbert-Haag-Preisträger hat im Sommer 2018 im deutschen Osnabrück seinen Lebensgefährten geheiratet. «Ich freue mich riesig über diesen Entscheid. Er berührt mich sehr, gerade in der Adventszeit. Die Erneuerung meines Weges nach Bethlehem, zur Dankbarkeit über die Geburt der göttlichen Liebe in jeder und jedem von uns, fördert in mir die tiefe Sehnsucht, auch als liebender Gay-Mann anerkannt zu sein.»

Pierre Stutz sieht sich «in der Lebensschule des Friedensmannes aus Nazareth». Er lerne täglich neu, dass eine echte Liebe sich in Freiheit, Gerechtigkeit und Toleranz ereignet und sich besonders für den Schutz von Minderheiten ein- und aussetzt. «Deshalb danke ich von Herzen allen, die sich auch in der Schweiz für eine Ehe für alle engagieren.»

Die homosexuelle Katholikin Regula Ott ist Co-Geschäftleiterin des Schweizerischen Katholischen Frauenbunds SKF: «Wir vom SKF freuen uns sehr, dass ein weiterer Schritt in Richtung Ehe für alle in der Schweiz gemacht worden ist. Wir danken an der Stelle allen Beteiligten von LGBTIQ-Organisationen, die viel Zeit und Energie für eine Ehe für alle in der Schweiz einsetzen und hoffen, dass wir 2021 Hochzeiten von gleichgeschlechtlichen Paaren in der Schweiz feiern können.»

Otts Chefin, SKF-Präsidentin Simone Curau-Aepli, ist heterosexuell – und begrüsst ebenfalls das Votum aus Bern. «Der SKF spricht sich seit 2001 für eine zivile und kirchliche Ehe für alle aus und begrüsst auch die Spermienspende für lesbische Paare», sagt sie. «Die Ehe für alle ist für uns ein weiterer Schritt in Richtung einer gerechteren Gesellschaft, in der ungerechte Ungleichbehandlungen für gleichgeschlechtliche Paare aufgehoben werden. Der Entscheid des Ständerates freut uns sehr.»

Keine theologischen Hindernisse

Der Verein Adamim vertritt homosexuelle Seelsorger in der Schweiz. Da diese ihre Missio verlieren könnten, bevorzugen es die Mitglieder, anonym zu bleiben: «Der Verein Adamim ist der Öffnung der Ehe für alle Menschen gegenüber positiv gesonnen. Eine entsprechende Gesetzesänderung in der Schweiz scheint uns den Menschenrechten geschuldet. Theologisch spricht heute nichts mehr gegen eine eheliche Partnerschaft auch zwischen zwei Menschen des gleichen Geschlechts», heisst es seitens des Vereins. Es sei höchste Zeit, dass auch der Schweizer Staat seine Gesetze entsprechend anpasse. «Und die Kirchen, insbesondere die katholische, müssen ihre Sexualmoral entsprechend ändern und nicht bei blossen Lippenbekenntnissen oder weit Schlimmerem verharren», fordern die homosexuellen Seelsorger.