Zeitreise: Kein Erbarmen mit dem Mundräuber

Die Zuger Justiz reagiert zu Beginn des 19. Jahrhunderts unerbittlich gegenüber Heimatlosen. So auch im Fall von Felix Waser.

Marco Morosoli
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Das Kreuz bei der Schutzengelkapelle erinnert an die an dieser Stelle Hingerichteten.

Das Kreuz bei der Schutzengelkapelle erinnert an die an dieser Stelle Hingerichteten.

Bild: Matthias Jurt (Zug, 19. Dezember 2019)

Das «Bättlerloch», der «Bättlerbach» sowie der «Bättlerweg» liegen allesamt im Gebiet der Baarburg in der Gemeinde Baar. Die Ausdrücke weisen auf ein Problem hin, das im Kanton Zug einst omnipräsent war: das Betteln. Der Kanton Zug war, wie Renato Morosoli in einem Beitrag für das Buch «23 Lebensgeschichten» aus dem Jahre 1998 schreibt, in der Anfangsphase des 19. Jahrhunderts von Heimatlosenfrage stark betroffen. Dies deshalb, weil die «Siedlungsstruktur» im Kanton Zug günstig war und die polizeiliche Präsenz als gering eingestuft wurde.

Den Lebensweg eines solchen Landstreichers mit dem Namen Felix Waser hat Renato Morosoli nachgezeichnet. Im Revolutionsjahr 1789 geboren, hat er seinen leiblichen Vater kaum gekannt. Seine Mutter fand schnell einen Nachfolger für den Verstorbenen, jedoch weiterhin kein Dach über dem Kopf. Im Familienverband zogen die Wasers durch Gebiete, die heute die Schweiz ausmachen. Ohne festen Wohnsitz konnte Waser auch nirgends die Schule besuchen. Der Bettlerverband Waser verlor in der Folge wiederholt Mitglieder. Wohl im Jahre 1800 kehrte auch Felix Waser seiner Mutter den Rücken. Sein Los verbesserte sich dadurch aber kaum. Die nicht Sesshaften bewegten sich in einem Raum abseits offizieller Verkehrswege. So ist erwiesen, dass Vaganten sich zum Beispiel im Gebiet Schönenboden (Gemeinde Oberägeri) ennet dem Ratenpass aufgehalten haben. Nachdem zwei seiner Brüder in Luzern (1807) respektive in Schwyz (1804) hingerichtet worden waren, zog Felix Waser in den Kanton Aargau.

Der Zuger Geistliche Johann Jakob Bossard schreibt dazu in seinem Werk «Kurzer Abriss der Lebensgeschichte des berüchtigten Diebes Felix Waser, der am 24. May 1819 durch das Schwert der Gerechtigkeit in Zug hingerichtet wurde»: «Er hatte in der Schule des Lasters vieles gelernt und erfahren, und eben diese Geschicklichkeit und Erfahrenheit, verbunden mit Muth und grosser Leibesstärke machte ihn furchtbar.»

Ein Gefängnisausbruch in Süddeutschland

Kurz bevor Felix Waser und fünf andere Landstreicher Mitte März 1819 in die Fänge von Zuger Landjägern gerieten, sass er in Süddeutschland im Gefängnis. Dort gelang ihm die Flucht mit der «altbewährten Sägen- und Leintuchmethode». Der Gauner Felix Waser gab sich zwar seiner Verhaftung im Schönenboden als Lorenz Schmid aus. Der Alibi-Namen halft nichts. Die Zuger Behörden liessen für die Beschaffung von Beweismitteln nichts unversucht. Die beigebrachten Unterlagen haben den Widerstand der Verhafteten letztlich gebrochen. In einem ritualisierten Verfahren mit vorgegebenen Ablauf verhandelte das Kriminalgericht ohne den Zuzug von Publikum. Einen Verteidiger hatte Felix Waser nicht. Immerhin erwähnte ein als Fürsprecher Wasers benannter Richter. Dass Waser sozusagen zum Stehlen genötigt worden sei. Das Gericht kannte kein Erbarmen und Landammann Sidler liess verlauten, es sei «unsere Pflicht die Menschheit vor solchen Übelthätern zu sichern, wenn er heuth entlassen würde, würde er wieder stehlen». Hierbei ist zu erwähnen, dass der Kanton Zug damals kein Zuchthaus verfügt hat. Ein solches entstand erst 1883.

Bereits zwei Tage nach dem förmlichen Prozess vom 22. Mai 1819, einem Montag, waltete der Scharfrichter Heinrich Deigentesch (1793-1834) in der Nähe der heutigen Schutzengelkapelle seines Amtes. Die letzte öffentliche Hinrichtung bei der Schutzengelkapelle fand übrigens am 23. Dezember 1847 statt. Heute erinnert noch ein schlichtes Eisenkreuz an die dort Hingerichteten.

Hinweis
Die neunteilige Serie «Zeitreise» beleuchtet Persönlichkeiten, die im Kanton Zug oder daraus stammend Geschichte schrieben. Im 8. Teil lesen Sie heute über die erbarmungslose Zuger Justiz im frühen 19. Jahrhundert.

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