Bauforum Zug wehrt sich: Keine Frage des Alters

Im Kantonsrat wurde das Gesetz über Denkmalpflege, Archäologie und Kulturgüterschutz verschärft. Dies ruft nun die Architekten auf den Plan. Sie hoffen auf eine Korrektur in der zweiten Lesung.

Andrea Muff
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Die «Toblerone-Häuser» stehen nicht unter Denkmalschutz. (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 14. Juli 2014)

Die «Toblerone-Häuser» stehen nicht unter Denkmalschutz. (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 14. Juli 2014)

Momentan stehen im Kanton Zug 540 Gebäude – das entspricht 2,2 Prozent des Gebäudebestandes – unter Denkmalschutz. Als schützenswert sind 6 Prozent des gesamten Gebäudebestandes eingestuft (Stand 22. August 2018). Im vergangenen Monat hat der Kantonsrat in erster Lesung über das Gesetz über Denkmalpflege, Archäologie und Kulturgüterschutz beraten. Dabei beschloss die Legislative etwa, die Denkmalschutzkommission abzuschaffen. Des Weiteren können Objekte, welche jünger als 70 Jahre alt sind, nicht mehr ohne die Einwilligung des Eigentümers unter Schutz gestellt werden. Zudem hat der Kantonsrat beschlossen, dass Denkmäler einen «äusserst hohen» wissenschaftlichen, kulturellen oder heimatkundlichen Wert aufweisen müssen. Dabei müssen zwei von drei Kriterien kumulativ erfüllt sein. Bei den Änderungen ist der Kantonsrat mehrheitlich der vorberatenden Kommission gefolgt, welche den ursprünglichen Vorschlag des Regierungsrats massgeblich verschärft hatte.

Nun melden sich die Verbände der Architekten zu Wort. «Wir haben die Debatte im Kantonsrat mit grosser Sorge verfolgt», macht Thomas Baggenstos klar. Er ist Präsident des Bauforums Zug und spricht stellvertretend für den Zentralschweizer SIA (Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein), BSA (Bund Schweizer Architekten) und den SWB (Schweizerischer Werkbund). Er verweist auf zwei Punkte: die 70 Jahre und die Änderung von «sehr» zu «äusserst» hohem Wert sowie die damit einhergehende Erfüllung von zwei Kriterien, um das Objekt als Denkmal anzuerkennen. Mit dem noch gültigen Gesetz ist es nämlich so, dass Denkmäler, «einen sehr hohen wissenschaftlichen, kulturellen oder heimatkundlichen Wert aufweisen». Baggenstos befürchtet aufgrund der neuen Definition eines Denkmals mehr rechtliche Klagen.

«Die neuen 
Formulierungen 
verunmöglichen 
einen sinnvollen Denkmalschutz», Thomas Baggenstos, Präsident Bauforum Zug

Kein Denkmal aufgrund des Alters

Thomas Baggenstos spricht Klartext über die Änderungen: «Der Massstab ist falsch. Die neuen Formulierungen verunmöglichen einen sinnvollen Denkmalschutz.» Weiter weist er daraufhin, dass es nun im 20. Jahrhundert eine Kategorie von Bauten gebe, die anders «behandelt» werden. «Es gibt einfach keine fachlichen Argumente, warum das so sein soll: Bauten werden wegen ihrer Qualitäten zu Denkmälern und nicht aufgrund ihres Alters», findet der Architekt. «Unklar ist auch, was mit Gebäuden geschieht, die jünger als 70 Jahre alt sind, aber bereits heute unter Schutz stehen», sagt Thomas Baggenstos.

Der Verbandspräsident greift auch einen gesellschaftlichen Widerspruch auf: Einerseits befürchte man einen Identitätsverlust durch die schnelle bauliche Entwicklung in Zug. Auf der anderen Seite gebe es die «Balkonsicht» des Einzelnen, der keine Einmischung in seine Angelegenheiten duldet. Allerdings: «Wenn wichtige Zeitzeugen aus der Nachkriegsepoche abgerissen werden, sind sie weg. Da nützt es auch nichts, das Gesetz später wieder zu ändern», erklärt Baggenstos. Die rege Bautätigkeit im Kanton Zug verschärfe den Druck auf potenzielle Baudenkmäler. Thomas Baggenstos macht Beispiele: So könnten etwa die Bruder Klaus Kirche Oberwil des Architekten Hanns A. Brütsch oder die als «Toblerone-Häuser» bekannten Hochhäuser Leimatt in Oberwil des Architekten Fritz Stucky mit dem neuen Gesetz abgerissen werden, wenn das die Eigentümer möchten. Beide Ende 1950er-, Anfang der 1960er-Jahre erstellten Bauwerke sind wichtig für die Identität von Oberwil und aus dem Ortsbild kaum wegzudenken.

In seinem Berufsleben hatte Thomas Baggenstos etliche Male mit dem Amt für Denkmalpflege und Archäologie zu tun. «Ein Denkmal muss auch immer einen Nutzen haben. Vielfach entsteht für den Eigentümer bei einer Unterschutzstellung gar ein Mehrwert.» Er macht darauf aufmerksam, dass sich bei geschützten Gebäuden oft «neue Freiheiten und Ausnahmen» ergeben: bei der Umnutzung von geschützten Gebäuden ausserhalb der Bauzonen etwa oder bei der vereinfachten Umsetzung des Energiegesetzes. Warum die Denkmalpflege so unbeliebt sei und nun eine solche Reaktion des Kantonsrats heraufbeschwor, darüber kann Baggenstos nur spekulieren. «Es gab in der Vergangenheit viele personelle Wechsel und die Denkmalpflege hat dadurch an Glaubwürdigkeit verloren», mutmasst er und fügt hinzu: «Natürlich sind mir auch einige Beispiele bekannt, bei welchen die Vertreter des Amtes nicht immer glücklich argumentiert haben und bei den Eigentümern auf Unverständnis gestossen sind.»

Kantonsräte für das Anliegen gewinnen

Die zweite Lesung wird im neuen Jahr erfolgen. Die Änderungen im Gesetz über Denkmalpflege, Archäologie und Kulturgüterschutz haben nun also nach den Fachverbänden (wir berichteten) auch die Architekten auf den Plan gerufen. Thomas Baggenstoss erklärt das Ziel des Bauforums: «Wir hoffen auf einen Rückkommensantrag im Kantonsrat in den genannten Punkten, damit das Gesetz wieder den Anträgen des Regierungsrates entspricht.» Das Bauforum Zug und die anderen Planerverbände möchten die Zeit bis zur zweiten Lesung nutzen, um Kantonsräte für ihr Anliegen zu gewinnen.