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KESB: Warum ist der Ruf der Kesb so schlecht?

Seit gut drei Jahren gibt es nun die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) in der Schweiz. Sie löste die Vormundschaftsbehörden in den Gemeinden ab und sorgt seitdem für viel Wirbel. Warum eigentlich? Die Zuger Amtsleiterin Gabriela Zlauwinen nimmt Stellung.
«Unsere Fachleute arbeiten mit Herzblut und viel Sachverstand»: Gabriella Zlauwinen von der Zuger Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde. (Bild Stefan Kaiser)

«Unsere Fachleute arbeiten mit Herzblut und viel Sachverstand»: Gabriella Zlauwinen von der Zuger Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde. (Bild Stefan Kaiser)

Wolfgang Holz

Gabriella Zlauwinen, warum ist das Image der Kesb nach wie vor so rabenschlecht?

Gabriella Zlauwinen: So pauschal negativ nehme ich den Ruf der Kesb nicht wahr, jedenfalls nicht im Kanton Zug. Was manchmal etwas untergeht: Wir schauen uns die Probleme und Bedürfnisse der Menschen, die zu uns kommen, genau an, kümmern uns um ihre Anliegen und klären sorgfältig ab, welche Hilfeleistungen oder Massnahmen nötig sind. Anders als in oft tendenziös verfassten Medienberichten dargestellt, wird die Kantonalisierung und Organisation der Kesb von Klienten sowie Angehörigen – zumindest im Kanton Zug – vermehrt als Vorteil empfunden. Nicht zuletzt wegen einer gewissen Anonymität, die von den kleinen gemeindlichen Vormundschaftsbehörden nicht immer gewährleistet werden konnte.

Trotzdem beschleicht einen nicht selten das Gefühl, die Kesb entscheide über die Köpfe hinweg und ohne Augenmass. Fehlt es der Behörde an Empathie?

Zlauwinen: Unsere Fachleute arbeiten mit Herzblut und viel Sachverstand. Vielleicht hat der von Ihnen beschriebene Eindruck damit zu tun, dass wir als Behörde auch unliebsame, für die Betroffenen unangenehme Entscheidungen treffen müssen, die teilweise stark in die Persönlichkeitsrechte eingreifen. Umso bemerkenswerter ist daher die Tatsache, dass wir trotzdem immer wieder Dankesbriefe von Klientinnen und Klienten erhalten, die froh sind, dass die Kesb eingeschritten ist und aktiv wurde.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Zlauwinen: Ein Problem, mit dem wir uns sehr häufig auseinandersetzen müssen, ist die Regelung von Besuchsrechtsstreitigkeiten bei Kindern, deren Eltern getrennt oder in Scheidung leben. Durch die Trennung oder Scheidung sind die Gefühle der Kindseltern meist stark verletzt, sodass eine normale Kommunikation zwischen ihnen kaum noch möglich ist. Dadurch geraten die Kinder mitunter in schwierige Loyalitätskonflikte. Unsere Aufgabe besteht in solchen Fällen darin, das Kind vor solchen Loyalitätskonflikten zu schützen. Die beteiligten Eltern projektieren dann ihre negativen Gefühle nicht selten auf die Behörde, die aber nur das Wohl des Kindes im Auge hat.

Apropos Kinder. Eilt der Kesb nicht der Ruf vorweg, dass die Behörde schnell Eltern ihre Kinder wegnimmt?

Zlauwinen: Es trifft nicht zu und wäre rechtlich gar nicht durchsetzbar, dass eine Behörde den Eltern einfach mal so das Kind wegnimmt. Fremdplatzierungen sind immer die Ultima ratio, also die allerletzte Massnahme. Sie kommt nur zum Tragen, wenn alle vorherigen Möglichkeiten ausgeschöpft wurden, wenn man einem Kind den Verbleib bei den Eltern schlicht nicht mehr zumuten kann, und es seelisch und oder körperlich gefährdet ist.

Welche Schritte kommen denn vor einer Fremdplatzierung?

Zlauwinen: Vor einer Fremdplatzierung kommen viele andere Schritte zum Tragen, zum Beispiel Gespräche bei einer Fachstelle für Kinder und Jugendliche. Eine weitere Möglichkeit ist, dass ein Erziehungsbeistand ernannt wird, der die Eltern bei der Erziehung und im Alltag unterstützt. Oder aber man einigt sich auf eine Familienbegleitung. Auch damit haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht. Welche Massnahme auch immer ergriffen wird: Das Ziel ist, möglichst wenig in die familiären Strukturen einzugreifen und eine Massnahme nur so lange aufrechtzuerhalten, bis sich die Situation wieder beruhigt oder verbessert hat. Kinder, das kann man nicht genug betonen, brauchen klare Strukturen und Verbindlichkeit.

Das heisst konkret?

Zlauwinen: Das heisst konkret: Wenn ein Vater oder eine Mutter eine Suchterkrankung hat oder psychische Probleme, heisst das nicht, dass diese Person grundsätzlich oder zwingend erziehungsunfähig ist. Es muss abgeklärt werden, ob die Mutter oder der Vater sich der Suchterkrankung bewusst ist und mit dieser umgehen kann, oder ob für das Wohl des Kindes zusätzliche Unterstützung organisiert werden muss. Es erfolgen sehr viele Hilfestellungen, bevor ein Kind aus der Familie genommen und fremd platziert wird. Ziel unserer Arbeit ist es stets, dass familiäre Strukturen so weit wie möglich aufrechterhalten werden können und unterstützt werden, bis sie wieder funktionieren. Das Gleiche gilt übrigens auch im Fall des Erwachsenenschutzes – auch hier sucht die Kesb im Umfeld Lösungen, bevor eine Beistandschaft errichtet wird. Dabei achtet sie sehr auf das Selbstbestimmungsrecht sowie auf das Subsidiaritätsprinzip.

Zurück zu den Kindern. Oft haben Väter nach Trennungen das Nachsehen, wenn Sie Ihre Kinder sehen wollen ...

Zlauwinen: Diese Problematik gibt es und es darf – auch im Interesse des Kindeswohls – nicht hingenommen werden, dass Vätern das Besuchsrecht verweigert wird. Wir haben, wie gesagt, sehr häufig mit Besuchsrechtstreitigkeiten nach Trennungen zu tun. Wir versuchen auch hier, so gut wie möglich zu vermitteln und dafür zu sorgen, dass die Besuchsregelung des Gerichts eingehalten wird. Im schlimmsten Fall wird das Besuchsrecht mit Unterstützung von Drittpersonen durchgeführt.

Neulich versuchte ein Rektor Druck auf Eltern auszuüben, indem er mit der Kesb drohte, um Probleme im Fall eines Schülers zu lösen. Wie gross ist die Gefahr des Denunziantentums?

Zlauwinen: Es kommt selten vor, dass Leute bei uns denunziert werden. Die meisten Gefährdungsmeldungen wegen Kindern erhalten wir in der Regel von Schulen, Gemeinden, Elternteilen oder Verwandten. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gehen stets sehr behutsam vor und recherchieren genau, was an einer Sache dran ist. Die Kesb steht auch nicht plötzlich vor der Haustür, um bei jemandem vorzusprechen. Wir laden grundsätzlich die Betroffenen erst mal zu einem Gespräch bei uns auf der Behörde ein. Richtig ist, dass wir von der Kesb einer Gefährdungsmeldung von Gesetz wegen nachgehen müssen.

Wie intakt sind eigentlich aus Ihrer Sicht Familien heutzutage generell?

Zlauwinen: Sehr viele Familien haben einen guten Zusammenhalt und sind in der Lage, Konflikte auf eine gute Art und Weise zu lösen. Aber jede Familie kann aus unterschiedlichen Gründen – Krankheit, Arbeitslosigkeit, Geldsorgen – auch einmal in eine Krise geraten. Dabei gibt es Krisen, die zeitlich eher kurz sind, und solche, die länger dauern und bei denen Hilfe nötig wird. Grundsätzlich sind Familien sehr belastbar und halten viel aus. Es gibt aber leider auch stark zerrüttete Familien, und mit diesen komme ich berufsbedingt viel häufiger in Kontakt. Wichtig für uns von der Kesb ist jedoch, die Dringlichkeit zu prüfen und die Verhältnismässigkeit nicht aus den Augen verlieren.

Wie familien- und kinderfreundlich ist aus Ihrer Sicht Zug und die Schweiz?

Zlauwinen: In der Schweiz wird sehr viel für Familien getan, und insbesondere der Kanton Zug ist sehr familienfreundlich. Kinder können zum Beispiel ohne Gefahr nach draussen zum Spielen. Andererseits ist in manchen anderen Ländern zu beobachten, dass Kinder viel selbstverständlicher ihren Platz in der Gesellschaft haben. Kinder sind Teil des Ganzen. Das ist ein kultureller Unterschied, bei dem sicher auch unser Wohlstand eine Rolle spielt. Bei uns fehlt vielleicht ein bisschen die Mitte, und wir haben die Tendenz zu Partikulargesellschaften.

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