Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

KIRCHE: Jetzt bitten Gläubige öfter um Vergebung

Die Beichte hat an Bedeutung verloren. Doch um die Festtage und den Jahreswechsel wird der Dienst der Geistlichen vermehrt in Anspruch genommen – sogar von Teenagern.
Raphael Biermayr
Der Beichtstuhl – hier in der Zuger Kirche St. Michael – wird nur noch von den wenigsten Gläubigen genutzt. (Bild Werner Schelbert)

Der Beichtstuhl – hier in der Zuger Kirche St. Michael – wird nur noch von den wenigsten Gläubigen genutzt. (Bild Werner Schelbert)

Raphael Biermayr

Muffig. Eng. Düster. Im Beichtstuhl Platz zu nehmen, ist für viele Menschen eine abschreckende Vorstellung. Und erst recht, wenn ein Fremder gegenüber Platz nimmt. Ein Fremder, den man kaum sieht, der etwas nuschelt, der einem scheinbar höher gestellt ist.

Auch deshalb ist die Beichte ein Auslaufmodell. Auch und gerade im Kanton Zug, wo immerhin noch über 50 Prozent der Bevölkerung dem Katholizismus angehören. «Ihr Image ist schlecht», sagt Gemeindeleiter Martin Gadient von der Pfarrei St. Johannes in Menzingen. «Es ist ein gutes Angebot, aber das Marketing fehlt», stellt er fest. In das gleiche Horn stossen Priester aus dem Kanton. In der Chamer Kirche St. Jakob würden sich an den Samstagen, an denen die Beichte ohne Voranmeldung angeboten wird, jeweils «ein bis zwei» Personen einfinden, sagt Pfarrer Thomas Rey.

«Am schlechten Ruf der Beichte trägt auch die Kirche Schuld», sagt Pfarrer Urs Steiner von der Zuger Pfarrei Gut Hirt. Es sei wichtig zu vermitteln, dass die Beichte kein Müssen sei, sondern ein freies Angebot für ein Gespräch.

Gemeindeleiter Gadient spricht von «einer ganzheitlichen Lebensberatung», in der Moralisieren «keinen Platz» hat. «Ein guter Beichtvater hört zu, er begegnet jedem Menschen vorurteilsfrei.» Er selbst darf die Beichte nicht abnehmen – das ist Priestern und höheren Würdenträgern vorbehalten.

Auch Mörder beichten

So wie Leopold Kaiser. Gemäss dem Pfarrer der Kirche St. Paul in Luzern würden viele Menschen ein «Lebensgespräch» suchen. Tatsächlich beichten wollten häufig jene, die «an den Nerv der Vergänglichkeit» geführt worden seien: Auf der Intensivstation im Spital etwa, oder nach einer niederschmetternden Diagnose. Kaiser war von 1984 bis 2003 in Cham tätig und wirkte in dieser Zeit auch als Seelsorger in der Menzinger Strafanstalt Bostadel. Dort hätten auch Mörder mit ihm über ihre Schuld gesprochen und gebeichtet. «Niemand wird von der Liebe Gottes abgeschnitten – das zu vermitteln ist für mich das Schönste und Wichtigste überhaupt», schildert er. Kaiser sieht die Beichte denn auch «nicht als Buss-, sondern als Versöhnungssakrament» an.

Vielen Beichtwilligen fällt es offenkundig schwer, sich den ihnen bekannten Seelsorgern zu öffnen. Nach Angabe der angefragten Geistlichen würden die meisten Menschen nicht in der eigenen Gemeinde beichten, sondern sich anonymeren Orten zuwenden: Klöstern etwa – oder Wallfahrtskirchen. Und natürlich dem Vatikan. Seit dem 8. Dezember bis am 20. November 2016 läuft ein sogenanntes ausserordentliches Heiliges Jahr, in dem Busse und Vergebung eine besonders grosse Bedeutung zukommt. Dabei erhalten die Gläubigen die Möglichkeit zu einer Art Generalvergebung: Wenn sie ihre Sünden bekennend durch die «Pforte der Barmherzigkeit» in einer der vier päpstlichen Basiliken in Rom treten, sind sie von ihrer Schuld losgesagt.

«Wie bei einem alten Ehepaar»

Derlei Pforten gibt es auch in der Schweiz, in jedem Bistum mindestens eine. Das dem Kanton Zug vorstehende Bistum Basel hat seine in der Kathedrale St. Ursen in Solothurn. Die von Zug aus nächstgelegene befindet sich in Einsiedeln. Im dortigen Kloster wollte man sich gestern auf Anfrage nicht äussern – «zu kurzfristig», lautete die Begründung. Die Vermutung liegt nahe: Das Sakrament der Beichte ist ein sensibles Thema für das Kloster, dessen Erklärungen einen grossen Einfluss auf die hiesigen Katholiken haben. Ein anderer klerikaler Exponent äussert sich hingegen. Pater Uriel von der Gemeinschaft der Seligpreisenden im ehemaligen Kapuzinerkloster in Zug sagt zur «Pforte der Barmherzigkeit»: «Der Gang durch die Pforte ist kein magischer Akt. Es geht darum, auf Jesus zuzugehen. Nur wer mit einer ehrlichen inneren Gesinnung an diesen Schritt herangeht, wird Versöhnung finden», erklärt Pater Uriel und schiebt ein weltliches Beispiel nach: «Es ist wie bei einem Ehepaar, das sich auseinandergelebt hat und bei einem Nachtessen neu anfangen will: Wenn beide nicht absolut offen sind, sich darauf einzulassen, wird das nichts.»

Pater Uriel und seine Brüder werden in diesen Tagen stark beansprucht. Um die Hochfeiertage Weihnachten und Ostern herrsche am meisten Betrieb, auch der Jahresübergang würde mehr Menschen zu einem Gespräch animieren. «Wir kommen manchmal kaum nach», schildert er. Er stellt fest, dass immer mehr Menschen im Teenageralter zum Beichten finden würden. «Kürzlich sprach ich mit einer 15-Jährigen. Sie hatte ein grosses Bedürfnis nach Versöhnung mit sich selbst. Das überrascht mich und berührt mich als Priester.»

Er erklärt sich die Zunahme bei den jungen Beichtenden mit der Suche nach Authentizität. «Die Wahrhaftigkeit ist eine Sehnsucht aller Menschen», sagt Pater Uriel. Weil «alle» sämtliche Glaubensrichtungen sowie Nicht-Glaubende einschliesse, stehe das frühere Kloster wirklich allen offen.

Beichte im Flugzeug

Die Beichtstühle in der Kirche haben ungeachtet der Besucherzahlen Spinnweben angesetzt: Ihre Kleinräumigkeit hat ausgedient. Im Kapuzinerkloster beispielsweise stünden dafür eigene Zimmer zur Verfügung. Die Beichte sei ohnehin nicht auf einen Ort beschränkt, erklärt Pater Uriel. Er selbst habe die Beichte in verschiedenen Situationen vollzogen – einmal sogar über den Wolken, wie er schmunzelnd schildert: «Eine Stewardess fragte mich während des Flugs, ob ich in die Erste Klasse wechseln will. Ich war etwas überrascht, aber habe dieses Angebot natürlich erfreut angenommen. In der Ersten Klasse angekommen, fragte sie mich, ob ich ihr die Beichte abnehme.»

Unterschied im Protestantismus

Auch die reformierte Kirche kennt eine Art Beichte, wenngleich nicht unter diesem Begriff und nicht als Sakrament. In einem Seelsorgegespräch können Gläubige der Pfarrperson erzählen, was sie belastet. Im Gegensatz zu den Katholiken kann der Geistliche aber nicht im Auftrag Gottes die Absolution erteilen, also die Sünden vergeben. Solche Gespräche mehrten sich nicht um Weihnachten und Silvester, führt Vroni Stähli aus, die als Pfarrerin für den Kreis Baar-Ost und Neuheim zuständig ist. «Zu dieser Zeit sind die Menschen vor allem mit sich selbst beschäftigt.»

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.