Leserbrief
Klimafragen im politischen Rückwärtsgang

«Nein zu einer weiteren Prüfung», Ausgabe vom 31. Januar

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Unglaublich, was sich an der vergangenen Sitzung des Kantonsrates am 30. Januar abspielte. Jetzt, wo die Klimaerwärmung endlich (vermeintlich) auf der politischen Agenda angekommen ist, fiel der Kantonsrat in vorsintflutliche (vorklimatische) Verhältnisse zurück. Die Motion von ALG-Kantonsrätinnen und -Kantonsräten, welche bloss eine simple Prüfung der Auswirkungen aller Geschäfte auf das Klima verlangte, hatte im Zuger Parlament keine Chance erheblich erklärt zu werden. Neben der ALG fand es nur noch die SP für angezeigt, dass es künftig im Kanton Zug eine Selbstverständlichkeit wäre, alle Geschäfte sowohl auf deren finanzielle als auch ökologische Auswirkungen hin zu prüfen. Wo waren all diese Politikerinnen und Politiker, die sowohl bei den kantonalen Wahlen 2018 als auch den eidgenössischen Wahlen 2019 ihr ökologisches Herz entdeckten und es bei den Wählerinnen und Wählern ausschütteten? Was wurde da alles versprochen, wo klimamässig überall Handlungsbedarf herrsche! Waren das wohl doch nur Lippenbekenntnisse? Leider muss ich diesen Schluss nach der letzten Kantonsratssitzung ziehen. Ich fürchte, dass der Kantonsrat klimamässig fürs Erste den Rückwärtsgang eingeschaltet hat.

Esther Haas, Kantonsrätin ALG, Cham


An der Kantonsratssitzung vom 30. Januar wurde über eine Motion debattiert, die ich mit weiteren Fraktionsmitgliedern eingereicht habe. Unser Anliegen war, dass für jedes Regierungs- und Kantonsratsgeschäft die ökologischen Auswirkungen aufgezeigt werden sollen. Bereits wird dies für finanzielle Auswirkungen gemacht. Eine grosse Blackbox bleibt hingegen die ökologische Auswirkung eines Geschäfts. Wie sollen Regierung und Kantonsrat die richtigen Entscheide treffen, wenn die Auswirkungen auf die Umwelt gar nicht wirklich aufgezeigt werden? Dieses Wissen würde eine unverzichtbare Grundlage bilden, um adäquate Entscheidungen zu treffen.

Enttäuscht musste ich feststellen, dass nebst der Alternativen – die Grünen (ALG) und der SP nur gerade drei von der CVP dafür stimmten. Nicht einmal die «Grün»-Liberalen waren dafür. Bedenklich finde ich die alte Leier «Wir sind ja schon für die Umwelt, aber ...», ...aber es soll nichts kosten und keinen Mehraufwand bringen, heisst es dann. Das ist das grosse Problem, wieso wir in dieser Umweltmisere sind. Wir schätzen die Natur zu wenig und sehen nicht, was sie alles für uns leistet. Zum Beispiel bestäuben Bienen und andere Insekten viele unserer Nutzpflanzen, ein Boden mit hoher Biodiversität ist viel fruchtbarer und aus gesunden Böden heraus erhalten wir sauberes Trinkwasser. Das sind sogenannte Ökosystemleistungen. Leistungen, welche die Natur sozusagen gratis für uns erbringt. Und da haben wir das Problem in unserer Gesellschaft: Was keinen Preis hat, hat keinen Wert. Aber schauen wir mal nach China, wo in Gebieten die Bienen wegen zu hohen Spritzmitteleinsatzes verschwunden sind und jetzt Personen mit Wattestäbchen die Blüten der Obstbäume bestäuben, damit es Früchte gibt. Oder aktuell hier in der Schweiz, wo die Garantie für sauberes Trinkwasser ins Wanken gerät. Kürzlich mussten ein paar Trinkwasserfassungen schliessen, weil festgestellt wurde, dass ein Pestizid (diesmal war es Chlorothalonil) neu als vermutlich gesundheitsschädigend eingestuft wurde. Ich möchte nicht wissen, was es kosten würde, wenn wir das ganze Trinkwasser technisch reinigen und aufbereiten müssten, oder wenn wir bei der Bestäubung der Pflanzen künstlich nachhelfen müssten. Wenn wir nicht Sorge tragen zu unserer Umwelt, weil wir Kosten und Aufwand scheuen, dann kommt es uns alle schlussendlich um ein x-Faches teurer.

Unsere Motion hätte Kosten und Aufwand verursacht, aber nicht so viel, wie von den Bürgerlichen befürchtet wurde. Bei vielen Geschäften sieht man gleich, dass sie keine ökologischen Auswirkungen haben. Das hätte man in einem Sätzchen schreiben können und gut ist. Bei vielen Bauprojekten wird der Umweltaspekt schon berücksichtigt. Also sind es schlussendlich nicht mehr viele Geschäfte, die neu etwas genauer hätten angeschaut werden müssen. Aber es wäre vereinheitlicht worden, hätte dem Regierungs- und Kantonsrat als wichtige Grundlage gedient und Zug hätte eine Pionierrolle einnehmen können. Doch lieber bleibt man beim Alten, will nichts ändern, keine (halb-)grossen Schritte wagen. Wohin hat uns dieses Verhalten bis jetzt geführt? Der Klimawandel und der grosse Biodiversitätsverlust sind die Antwort.

Stéphanie Vuichard, Kantonsrätin ALG, Zug

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