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KLIMAGIPFEL: «Es ist wie beim Jassen»

In Paris versucht die Welt das Klima zu retten – und mittendrin ist eine Zugerin. Sie erklärt, wie 10 000 Delegierte sich am Schluss einigen sollen.
Demonstranten haben sich zum Klimagipfels als Politiker verkleidet (von links): Frankreichs Präsident Hollande, Chinas Präsident Xi Jinping, US-Präsident Obama, Indiens Premier Modi, die deutsche Kanzlerin Merkel. (Bild: EPA/Yoan Valat)

Demonstranten haben sich zum Klimagipfels als Politiker verkleidet (von links): Frankreichs Präsident Hollande, Chinas Präsident Xi Jinping, US-Präsident Obama, Indiens Premier Modi, die deutsche Kanzlerin Merkel. (Bild: EPA/Yoan Valat)

Gabriela Blatter, wie erleben Sie persönlich diese Monsterkonferenz mit 10 000 Landesdelegierten?

Gabriela Blatter: Die COP21 ist sehr gut organisiert, man merkt gar nicht, dass es so viele Leute sind. In meinem Bereich der Finanzierung treffe ich zum Teil die gleichen Unterhändler wie bei früheren Konferenzen. Nur sind jetzt die Verhandlungsräume noch grösser, damit alle 195 Länder teilnehmen können.

Wie muss man sich das vorstellen – 195 Länder an einem Tisch?

Blatter: Nein, die Verhandlungen sind aufgeteilt in Gruppen. Die Schweiz befindet sich in der Gruppe für Umweltintegrität (EIG). Am Tisch sitzen jeweils die Leadverhandler von allen Gruppen. Das gilt auch für die Schweiz, da sie Vorsitzende der Gruppe ist. Damit vertritt sie in einem gewissen Sinn auch die Gesamtinteressen der Gruppe, zu der auch Mexiko, Südkorea, Monaco und Liechtenstein gehören.

Wie sieht Ihr Tagesablauf an dieser Konferenz aus?

Blatter: Ich stehe um 6.30 Uhr auf, und beim Frühstück besprechen wir uns bereits informell in der Delegation. Wir sind alle im gleichen Hotel in Le Bourget, das ist nahe und praktisch ...

... und ungefährlich, mitten in der Pariser Banlieue?

Blatter: Wir organisieren uns, um abends zusammen ins Hotel zurückzukehren. Als junge Frau würde ich das nicht alleine tun. Aber die Franzosen stellen Shuttlebusse zur Verfügung, das funktioniert sehr gut. Gegen 8 Uhr morgens treffen wir uns zu einer ersten Delegationssitzung, bei der wir unsere Strategie für den Tag besprechen. Da viele Treffen parallel stattfinden, muss man sich sehr gut koordinieren. Um 10 Uhr beginnen die offiziellen Verhandlungen. Nach dem Mittagessen gibt es meist «Wandelhallen-Gespräche», und um 15 Uhr gehen die Verhandlungen weiter. Nach einem Arbeitsessen mit Sandwich beginnt die dritte Verhandlungsrunde um 19 Uhr. Sie dauert oft bis Mitternacht und gegen Konferenzende hin rund um die Uhr.

Wie laufen eigentlich solche Verhandlungen ganz praktisch ab?

Blatter: Sie basieren eigentlich auf dem Prinzip der «Trades», des Tauschens, mit «Gives» and «Takes».

«Geben und Nehmen» also auch auf höchstem diplomatischem Niveau?

Blatter: Ja, so funktioniert das. Wenn man ein bestimmtes Anliegen hat, versucht man, in dem betreffenden Bereich einen Verhandlungschip aufzubauen, den man später gegen einen Chip des Verhandlungspartners eintauschen kann. Zum Beispiel hält man an einer günstigen Textpassage des Schlussdokumentes so lange wie möglich fest. Dann kann man sie am Ende gegen einen Vorteil der anderen Seite eintauschen.

Kurz, man behält seine Trümpfe?

Blatter: Genau (lacht). Es ist wie beim Jassen, man hält die besten Karten zurück, um zuletzt den Stich zu machen. Das gilt auch für unseren Bereich, die Finanzierung. Er ist oft ein «Deal maker», das heisst ein Gebiet, dank dem man am Schluss zu einer allgemeinen Einigung kommt. Da darf man nicht gleich alle Elemente auf den Tisch legen.

Welchen inhaltlichen Vorgaben folgen Sie?

Blatter: Wir haben ein klares Mandat des Bundesrates. Das ist unsere Richtlinie. Sie formuliert die Interessen der Schweiz. Sie orientieren sich am gemeinsamen Konferenzziel, die planetare Temperaturzunahme bis Jahrhundertende auf 2 Grad zu beschränken.

Besteht nicht die Gefahr, dass man dieses grosse Konferenzziel aus den Augen verliert, wenn man als Einzelperson inmitten von 10 000 Delegierten um Details ringt?

Blatter: Das ist natürlich das Risiko bei so grossen Verhandlungen. Wichtig sind deshalb die Querkontakte in der Delegation und die strategischen Absprachen unter den Gruppen. Und wir betonen immer wieder, dass mein Kompetenzbereich, die Finanzierung, Teil des Ganzen sein muss.

Die Vorgängerkonferenz in Kopenhagen scheiterte. Wird Paris ein Erfolg?

Blatter: Wir gehen davon aus, dass die Konferenz mit einem Abkommen enden wird. Die Frage ist natürlich, wie ambitioniert es sein wird. Seit Kopenhagen haben wir einen fünfjährigen Prozess hinter uns, und sehr viele Staaten sind realistischer geworden. Die Erwartungen liegen nicht mehr so weit auseinander wie in Kopenhagen.

Meinen Sie, dass das zentrale 2-Grad-Ziel wirklich erreicht wird?

Blatter: Ich glaube, dass die Konferenz ein erster Schritt sein wird, um einen Prozess zu schaffen, der verbindlich ist, und die Klimaziele alle fünf oder zehn Jahre überprüft und notfalls revidiert.

Doch sträuben sich nicht wichtige Länder wie die USA gegen die Verbindlichkeit?

Blatter: Das kann man so nicht sagen. Die Amerikaner haben nur andere Vorstellungen von der Tiefe der rechtlichen Verbindlichkeit.

Wie kann sich die Schweiz als Kleinstaat gegenüber solchen Grossmachtinteressen einbringen und gar durchsetzen?

Blatter: Die Schweiz spielt deutlich über ihrer Grösse. Sie hat sich den Ruf erarbeitet, die Gespräche zu fördern und jeweils einen «Middle Ground» zu schaffen, also ein Feld, auf dem sich alle Seiten finden können. Und da wir uns in Sachen Lösungsfindung einen Namen gemacht haben, können wir das Abkommen massgeblich mitgestalten.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Blatter: Es gibt grundsätzlich zwei Finanzierungsmöglichkeiten: zum einen direkte nationale Gelder für Entwicklungsprojekte, zum anderen die kollektive Mobilisierung von Mitteln aus allen Quellen für den Klimawandel durch sämtliche Staaten. Diese beiden Aspekte waren am Anfang innerhalb des Textes vermischt. Das machte es sehr schwierig, auch nur zu verstehen, wer wie viel beiträgt. Die Schweizer Delegation hat deshalb versucht, die anderen Staaten davon zu überzeugen, die beiden Aspekte zu trennen, um einfacher eine Lösung für beide Aspekte zu finden. Das ist uns am letzten Donnerstag gelungen. Auch wenn das noch schriftlich ausformuliert werden muss, ist es ein grosser Fortschritt hin zu einer umfassenden Lösung.

Interview Stefan Brändle, Paris

Zur Person

Gabriela Blatter (31) arbeitet seit 2013 beim Bundesamt für Umwelt (Bafu) als Expertin für Umweltfinanzierung und nimmt im Kernteam der Schweizer Delegation an den Klimaverhandlungen in Le Bourget bei Paris teil. Sie ist in Baar im Kanton Zug aufgewachsen und hat an der ETH Zürich Chemie studiert. Später arbeitete sie in Entwicklungsprojekten in Indien, bei der Asian Development Bank in Manila sowie der eidgenössischen Gewässeranstalt Eawag.

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