Kolumne «Seitenblick»
Tochter oder Sohn?

Redaktorin Tijana Nikolic über das ungewohnte Interesse am Geschlecht ihres Kindes.

Tijana Nikolic
Tijana Nikolic
Drucken

Meine Tochter ist fast zwei Jahre alt. Da ihre Haare nicht lange sind und sie auch sonst wohl eher nicht geschlechtsspezifisch aussieht, wird sie ständig als Junge bezeichnet. Grad letztens waren wir in einem Restaurant und sie wurde gefragt: «Na, was will denn der junge Mann?» In solchen Situationen muss ich immer recht schmunzeln.

Nein, ich korrigiere die Personen eigentlich nie. Wieso sollte ich auch. Ich kenne sie nicht und es ist mir eigentlich egal, dass sie das Geschlecht meines Kindes anscheinend mehr interessiert als mich. Und doch bringt es mich schon immer wieder zum Nachdenken. Bevor ich Kinder hatte, habe ich jeweils «das Kind» von jemandem gesagt, also neutral. Das war für mich irgendwie selbstverständlich.

Und auch auf irgendwelche Farben von Kleidern habe ich nie geachtet. Doch nun als Mutter fällt mir das immer mehr auf. Blau ist für Buben, Rosa für Mädchen. Nicht, dass ich das irgendwem vorwerfen will. Für mich sind das einfach völlig neue Denkweisen, die eigentlich gar nicht neu sind, die mich aber verwirren. Schliesslich haben früher auch die jüngeren Geschwister ihre Kleider von den Älteren «geerbt». Da interessierte es wenig, wie genderfreundlich die Farben waren. Und für mich war das auch mein Leben lang nicht wichtig.

Doch auch ich wurde als Kind oft blöd angemacht, weil ich anscheinend (trotz langer Haare) wie ein Junge rumlief. Dunkelblaue Sportkleider sind halt nicht so damenhaft, fanden viele. Ich hingegen fand es einfach lustig, dass meine Umgebung sich mehr dafür interessierte als ich. Denn grundsätzlich fühle ich mich in meinem Inneren auch neutral. Für meine Gefühlswelt spielt das nicht wirklich eine Rolle, was nun mein Geschlecht ist.

Selbstverständlich verstehe ich, wenn andere bei diesem Thema leiden und nicht so privilegiert sind wie ich, die nichts gegen ihr biologisches Geschlecht einzuwenden hat. Aber ich mag es einfach nicht, wenn man meine Tochter mit nicht mal zwei Jahren in irgendwelche Geschlechterrollen zwängen möchte. Denn das ist alleine ihre Entscheidung und dafür hat sie noch genug Zeit.