Kolumne
Seitenblick: Was, zu Fuss?!

Ein indischer Austauschschüler lief mit unserer Redaktorin Cornelia Bisch bei seinem Besuch in der Schweiz mehr als in seinem ganzen bisherigen Leben.

Cornelia Bisch
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In einer Zeit, in der das Reisen noch möglich war und klimapolitisch nicht allzu arg unter Beschuss stand, nahm unsere Tochter an einem Indienaustauschprogramm ihrer Schule teil. Bevor sie selbst nach Neu-Delhi reiste, bekamen wir Besuch von einem hübschen jungen Inder namens Parth. Sein charmantes Lächeln, das zwei Reihen blitzblanker Zähne entblösste, war während der gesamten Dauer seines Aufenthalts in «beautiful Switzerland» buchstäblich in sein Gesicht gemeisselt.

Parth liebte die Schweiz. Zum ersten Mal in seinem 16-jährigen Leben lief er staunend und überwältigt durch einen Wald, reiste beschwerdefrei auf den Gipfel eines 3000ers, hielt Schnee in seinen Händen und unternahm eine Schiffsreise auf einem See. Zum ersten Mal ass er Fondue und Raclette, Gerichte, die er «adorable» (anbetungswürdig) fand und erstaunlicherweise bestens vertrug.

Auch Shopping war neu für den wohlbehüteten Inder, sodass jeweils mit Mutti gekabelt werden musste, um Einkäufe absegnen zu lassen. Diese bewilligte sogar die Anschaffung eines Cacquelons sowie den Kauf einer Tonne Käse und eines Zentners Schokolade. Denn Letztere sei, wie er uns wissen liess, zu Hause ungeniessbar. Parth erzählte in seinem perfekten Englisch und in den schillerndsten Farben von seiner Heimat, sodass wir ganz neidisch wurden auf die Tochter, die all dies bald schon mit eigenen Augen würde bestaunen dürfen.

Was den jungen Mann jedoch arg in Bedrängnis brachte, war die elende Schweizer Lauferei. Dass man nicht von der Haustür weg mit dem Auto zur Schule gefahren wurde, konnte er kaum glauben. Gar kein Auto zu besitzen, war unvorstellbar für ihn. Züge und Busse kannte er nur vom Hörensagen. Im Schulsport erlitt der Arme einen kleinen Zusammenbruch, als es darum ging, zum Aufwärmen ein paar Runden zu laufen.

Der Ausflug in den Tierpark Goldau, wo wir dem weit gereisten Gast die einheimische Tierwelt näher bringen wollten, war also ziemlich gewagt und brachte ihn trotz zahlreicher Pausen an den Rand der Erschöpfung. Bevor er schliesslich nach Hause reiste, dankte uns der Austauschschüler herzlich, verbeugte sich galant und meinte seufzend: «Ich bin hier mehr gelaufen, als in meinem ganzen bisherigen Leben zusammen.»