Kolumne
«Standpunkt»: Wachstum ja – aber mit Bedacht

Der Zuger Gemeinderat Urs Bertschi warnt vor vor zu grossem Wachstum der Stadt.

Urs Bertschi, Gemeinderat SP
Urs Bertschi, Gemeinderat SP
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Für den Stadtrat und das Gros der bürgerlichen Parteien ist unsere Stadt in Sachen Wachstum auf dem richtigen Weg. Dies das Fazit der Debatte im Grossen Gemeinderat vom 23. März 2021. Das prognostizierte Wachstum an Einwohnern und Arbeitsplätzen, so der Stadtrat, stelle zwar eine Herausforderung dar, sei per se jedoch nichts Negatives.

Zug geniesst viele Standortvorteile. Dazu tragen die zentrale Lage zwischen Zürich und Luzern sowie die Nähe zu deren kulturellen Einrichtungen, zu den Hochschulen und zum Flughafen bei. Erfolgreicher Wirtschaftsstandort mit rekordtiefen Steuern, eingebettet in schöne Landschaften und gelegen an einem See mit himmlischen Sonnenuntergängen runden das Bild ab. Zug wird als Stadt und Lebensraum weiter in der Gunst stehen und wird weiterwachsen. Doch in welchem Tempo und zu welchem Preis?

Unsere Stadt soll, wenn es nach den Prognosen des Stadtrats geht, aufgrund der guten Rahmenbedingungen die aktuellen Wachstumsvorgaben des kantonalen Richtplans gar übertreffen. Die darin für das Jahr 2040 prognostizierte Einwohnerzahl von 36900 (gegenüber heute bereits + 5500) und die Zahl der Arbeitsplätze von 49300 (gegenüber heute bereits + 8300) sollen aufgrund der bereits laufenden Projekte um zusätzliche 10000 Einwohner und zusätzliche 1000 Arbeitsplätze übertroffen werden. Dies, obwohl wir bereits heute vor riesigen Herausforderungen bezüglich der Infrastrukturen für Bildung und Mobilität sowie beim Wohnungsangebot stehen.

Der Stadtrat kommt zum Schluss, dass unsere Stadt aufgrund ihrer Lage sowie der tiefen Besteuerung einem grossen Wachstums- und Entwicklungsdruck ausgesetzt ist. Ihm scheint diese lapidare Erkenntnis als Rechtfertigung für sein horrendes Wachstumsszenario zu genügen. Aktives und zielgerichtetes Gestalten einer massvollen und nachhaltigen Stadtentwicklung sieht anders aus!

2006 im Rahmen der letzten Orts- und Zonenplanrevision wurde der Bevölkerung etwas von qualitativem Wachstum mit einer massvollen Stadtentwicklung vorgeflunkert. Schauen Sie sich heute die Resultate all dieser Versprechungen an. Zug wird stetig zugebaut, sogenannt «verdichtet», mit gesichtslosen Siedlungen, mit Industriebauten und mit Strassen. Bald wird eine beispiellose Verkehrsmaschine den Norden der Stadt in Beschlag nehmen. Bereits heute verunstalten meterhohe Lärmschutzwände an diesem Ort die Stadtlandschaft. Die städtischen Schulen platzen heute aus allen Nähten, obwohl man die Bevölkerungsentwicklung offenbar stets auf dem Radar hatte. Günstige Wohnungen sind und bleiben Mangelware, denn die letzten davon werden bald verdichtenden und Rendite optimierenden Neubauten weichen müssen. Auf der Strecke bleiben bei diesen Entwicklungen die unteren Einkommensschichten. Die Segregation der Bevölkerung wird im Zuge des Wachstums leider weitergehen, so der Stadtrat ... ohne ein Rezept dagegen zu präsentieren!

Unsere Stadt ist also noch weit weg vom versprochenen qualitativen Wachstum und dürfte sich im Rahmen des vom Stadtrat angestrebten Wachstums weiter davon entfernen. Wo bleiben da die berechtigten Interessen der Stadt und vor allem ihrer Bevölkerung? Sollen in Zug weiterhin bloss das Geld und die daraus generierten Steuererträge den Wachstumstakt bestimmen? Der Stadtrat jedenfalls sieht im horrenden Wachstum nur Chancen. Es gilt, die Scheuklappen abzulegen und auch all die Risiken zu erkennen, die steigenden Infrastrukturkosten, der Verlust an Lebensqualität, die Segregation, das Verkehrschaos, die Umweltbelastung!

Mit dem aktuellen Wachstumsszenario begibt sich unsere Stadt auf heikles Terrain. Die Politik und die Bevölkerung werden klären müssen, ob sie einer solchen Wachstumsstrategie kritiklos folgen wollen. Chancen und Risiken gehören sehr sorgfältig abgewogen, um unserer Stadt und der noch vorhandenen Lebensqualität Sorge zu tragen. Wir sollten die Grenzen des Wachstums erkennen und rechtzeitig Gegensteuer geben, bevor irreversible Schäden entstehen. Lassen Sie unsere Stadt im Rahmen der anstehenden Orts- und Zonenplanungsrevision sorgsam und mit Bedacht entwickeln!

Hinweis In der Kolumne «Standpunkt» äussern sich Mitglieder des Grossen Gemeinderats Zug zu frei gewählten Themen. Ihre Meinung muss nicht mit derjenigen der Redaktion übereinstimmen.