Kommentar «Chefsache»
Verhältnismässig – das Wort der Stunde

10'000 Menschen in Luzern, 5000 in Zug, die feiern. Trotz Aufrufen, dies zu unterlassen, trotz Verbot. Und die Polizei? Sie hätten verhältnismässig reagiert, betonen beide Korps.

Harry Ziegler
Harry Ziegler
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Meisterfeier in Zug: etwa 5000 Personen. Cupsiegerfeier in Luzern: rund 10'000 Personen. Alle dicht beieinander, zahlreiche ohne Masken. Schutzkonzept: keines. Polizei: abseitsstehende Grossaufgebote. Beide Polizeikorps betonen, verhältnismässig gehandelt zu haben, indem sie die Veranstaltungen nicht aufgelöst haben. Allerdings haben sie durch ihr Abseitsstehen und Beobachten toleriert, dass offen Rechtsbruch begangen wurde.

Die Überraschung darüber, dass ihr Aufruf im Vorfeld, sich abzeichnende Siegesfeiern zu unterlassen, ungehört verhallte, packten Kommandanten und Polizeisprecher dann in die Worthülse «verhältnismässig». Kann man machen, wirkt unbeholfen.

Der Polizei ist, was ihr Handeln betrifft, kein Vorwurf zu machen. Einen Vorwurf machen kann man hingegen all jenen, die sich zu diesen Feiern eingefunden haben. Hätte die Polizei die Feiern mit Gewalt aufgelöst, so wäre der Schaden gross gewesen. Auch am Image. Gut, dieses hat durch die unbeholfen wirkende Kommunikation eh Schaden genommen, aber immerhin wurde niemand ernsthaft verletzt.

Dennoch, irgendwie ist einem Unwohl, wenn man die Reaktionen der Polizei betrachtet. Dieses «verhältnismässige» Handeln heisst doch nichts anderes als: Finden sich genügend Menschen ein, dann kann die Polizei nichts machen ausser Zuschauen. Diese erzwungene polizeiliche Ohnmacht unter «verhältnismässig» einzuordnen, scheint dann doch etwas unverhältnismässig beschönigend.

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