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KRIMINALSTATISTIK: Gewalt zwischen vier Wänden

Letztes Jahr gab es im Kanton Zug deutlich mehr Fälle von häuslicher Gewalt, diese Entwicklung ist auch national zu beobachten. Häufiger kommt die Gewalt in Familien mit Migrationshintergrund vor, die Gründe dafür sind vielschichtig.
Christopher Gilb
Der Grossteil der Opfer von häuslicher Gewalt sind noch immer Frauen. (Symbolbild: Esther Michel)

Der Grossteil der Opfer von häuslicher Gewalt sind noch immer Frauen. (Symbolbild: Esther Michel)

Christopher Gilb

christopher.gilb@zugerzeitung.ch

Die Zahl von Fällen häuslicher Gewalt im Kanton Zug ist letztes Jahr markant gestiegen, wie aus der aktuellen Kriminalstatistik hervorgeht. 2016 wurden 67 Straftaten mehr im häuslichen Umfeld als im Jahr 2015 verübt, insgesamt waren es 261. Am meisten zugenommen hat die Deliktzahl bei den Tätlichkeiten. 2015 gab es derer noch 97, 2016 waren es schon 138, das ist der mit Abstand höchste Wert in den letzten Jahren. «Wir rückten mehr als einmal am Tag aus», resümiert der Zuger Kripochef Thomas Armbruster. Insgesamt rückte die Zuger Polizei 2016 402 Mal wegen häuslicher Gewalt aus, 2015 waren es noch 361 Mal.

Auch national gesehen haben die Straftaten im Bereich häusliche Gewalt zugenommen. Zwar gab es im Jahr 2016 mit 17 685 Delikten schweizweit etwa gleich viele wie im Vorjahr. Von 2014 auf 2015 stieg die Anzahl Delikte aber um 11 Prozent.

Sensibilisierung, Dichte und Migrationshintergrund

Doch was sind die Gründe für den Anstieg? Stefan Röllin ist Dienstchef Kapitaldelikte bei der Zuger Polizei, dem die Fachstelle häusliche Gewalt angegliedert ist. «Für den Anstieg im Kanton Zug sind diverse Ursachen denkbar wie beispielsweise die zunehmende Sensibilisierung der Bevölkerung sowie die immer dichtere Besiedelung des Kantons. Vielfach haben Opfer und Täter bei Fällen häuslicher Gewalt aber Migrationshintergrund.» Dies teils, weil die Männer aus Kulturen mit patriarchalischem Familienmodell mit den westlichen Lebensformen, die ihre Frauen annehmen würden, Probleme hätten. «Sie haben Angst, ihren Einfluss zu verlieren.» Auch die Autoren der gesamtschweizerischen Kriminalstatistik 2016 kommen zum Schluss: «Bei den männlichen Tatverdächtigen ist der Anteil der ausländischen Personen höher als jener der Schweizer Männer.» Die Art der Gewalt in Familien mit Migrationshintergrund unterscheide sich aber laut Röllin nicht von derjenigen zwischen Schweizern. Mit der Zunahme an Flüchtlingen im Kanton hänge der Anstieg aber nicht zusammen. «Die Beschuldigten bei häuslicher Gewalt sind wie in anderen Jahren auch zum grössten Teil aus der ständigen Wohnbevölkerung und nicht aus der Asylbewerberschaft», so Röllin.

Schon im Heimatland Gewalt erlebt

Laut der Broschüre «Zuhause im Unglück» der schweizerischen Kriminalprävention ist aber nicht per se eine gewisse Nationalität dafür verantwortlich, dass Frauen mit Migrationshintergrund häufiger Opfer von häuslicher Gewalt würden, sondern, «dass diese vielfach unter Bedingungen leben, die für jeden Menschen das Risiko erhöhen». Migrantinnen seien oft jung verheiratet, zumeist finanziell weniger gut gestellt, würden oft in ungünstigen Wohnverhältnissen leben und seien sozial weniger gut eingebettet, heisst es. Zudem sei die Migration selbst für viele ein belastendes Lebensereignis, und viele Migrantinnen hätten schon in ihrem Heimatland Gewalt erleben müssen. Der Flyer «Stopp häusliche Gewalt!» der Zuger Polizei steht deshalb in diversen Sprachen für die Opfer zur Verfügung.

Auch Drohung kann schon Gewalt sein

Doch was heisst häusliche Gewalt überhaupt? «Sobald psychischer wie physischer Druck auf eine Person ausgeübt wird, Drohungen ausgesprochen oder jemand genötigt wird, kann es schon häusliche Gewalt sein», so Röllin. So könne also auch eine verbale Auseinandersetzung schon in den Bereich der häuslichen Gewalt gehen. Bei weniger drastischen Delikten müsse aber das Opfer den Strafantrag stellen. Insgesamt fanden letztes Jahr 184 Einsätze mit Verzeigung statt und 218 Einsätze ohne Verzeigung. Ausgesprochen wurden 18 freiheitsentziehende Massnahmen und 13 Fernhaltemassnahmen. «Bei den freiheitsentziehenden Massnahmen handelt es sich grösstenteils um vorläufige Festnahmen, die maximal 24 Stunden andauern können. Spätestens nach 24 Stunden muss der Beschuldigte entlassen oder der Staatsanwaltschaft zugeführt werden», erklärt Röllin. Teilweise müsse die gewaltausübende Person auch für längstens 10 Tage vom Wohnort weggewiesen und ihr ein Kontaktverbot zum Opfer auferlegt werden.

«Es gibt keine feste Vorgehensweise»

Die Fachstelle häusliche Gewalt der Zuger Polizei nehme nach der Intervention mit beiden Parteien – sofern möglich – im Verlauf der nächsten Tage telefonischen Kontakt auf und berate sie in Bezug auf die strafrechtlichen und die zivilrechtlichen Belange im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt. Zudem würden ihnen Informationen zu Beratungsstellen wie Opfer-, Budget-, Paar- oder Suchtberatung weitergegeben (siehe Kurzinterview). «Durch diese Nachbetreuungen und Präventionsmassnahmen hat die Fachstelle in vielen Fällen ein wiederholtes Eingreifen der Polizei verhindern können», sagt Röllin. Gerade die Gespräche mit den Betroffenen würden helfen. Diese seien sowohl bei Schweizer Staatsangehörigen als auch bei ausländischen Staatsangehörigen individuell. «Es gibt keine festen Vorgehensweisen.» Bei den entsprechenden Beratungsstellen würden aber häufig mehrsprachige Berater arbeiten, oder es würden Dolmetscher eingesetzt, welche die kulturellen Hintergründe der Beteiligten kennen und darauf eingehen könnten. Bei Fällen, welche das Kindeswohl betreffen, erstellt die Fachstelle häusliche Gewalt Gefährdungsmeldungen an die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb). 2016 wurden 54 solcher Meldungen erstellt. Dies seien etwa gleich viele Meldungen wie in den Vorjahren, sagt Röllin.

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