KÜTTEL GEGEN MOROSOLI

Nach der Völlerei: Verzichten oder nicht?

Sind die Festtage vorbei, heisst es für manche: Fasten. Beim Fleisch. Beim Alkohol. Für Sie auch?

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Kilian Küttel

Kilian Küttel

Kilian Küttel

In der Einweg-Grillschale sammelte sich eine rötliche Flüssigkeit, die langsam zu kleinen Pfützen zusammenlief und wie austretender Fleischsaft aussehen sollte. Der Klumpen aus 74 Prozent rehydratisiertem Erbsenprotein und Randensaftkonzentrat lag da wie eine Portion Hundefutter, die jemand versehentlich auf den Grill geworfen hatte. Er roch auch so. Und der Versuch, das saftig knisternde Geräusch eines bratenden Rindfleisch-Burgers wiederzugeben, missriet ihm so phänomenal, dass das auseinanderbröckelnde, armselige Etwas vor mir mein ehrliches Mitleid weckte. Dieser 110 Gramm schwere, vegane Haufen Versagens war mein Mittagessen. Ich hatte es verdient.

Es war Weihnachten, Silvester, ich hatte übertrieben. So wie die meisten. Deshalb heisst es seit dem Ende der Festtage: kein Fleisch, für einen Monat. Und das sollten Sie auch tun. Verzichten. Egal auf was, Hauptsache, sie hatten in letzter Zeit zu viel davon und es tut ihnen auf lange Sicht nicht gut. Alkohol, Zucker, die Gesellschaft der Familie, oder eben: tote Tiere; portioniert, verwurstet, vakuumverpackt, genussfertig.

Sie können sich fragen, weshalb Sie das tun müssen. Als Antwort könnte ich Ihnen einen Vortrag halten, wie ungesund der übermässige Verzehr tierischer Produkte ist. Dass Sie – so sah es die Weltgesundheitsorganisation 2015 - eher an Krebs erkranken, wenn Sie zu viel rotes Fleisch essen. Dass bei der Produktion eines Kilogramms Rindfleisch bis zu 20 Kilogramm Futter verbraucht und 13 Kilogramm CO2-Äquivalent ausgestossen werden – fast 20 Mal so viel wie bei der Produktion eines Kilos Linsen, sagt der WWF. Oder ich könnte, um die Vorzüge einer enthaltsamen Lebensweise zu preisen, die grossen Denker bemühen. Männer zitieren wie Goethe, der sagte: «Man verliert nicht immer, wenn man entbehrt.» Oder vom deutschen Lyriker Emanuel Geibel klauen, der meinte: «Wer dem Genuss nachjagt, der schmiedet sich selber die Fessel. Freiheit findest Du nur, wenn Du entsagen gelernt.»

Sie würden – mit Glück – den Sermon bis zur Hälfte lesen, ehe Sie ausstiegen und sich fragten, was für ein heuchelnder Schnösel das ist, der einem vorschreiben will, was man zu tun und zu lassen hat. Sie hätten vollkommen Recht. Deshalb halte ich es mit dem Missionieren und der Überzeugungsarbeit gleich wie mit meiner aktuellen Ernährungspolitik: Ich verzichte. Weil das einfach manchmal guttut.

PS: Zur Ehrenrettung des grillierten Häufchen Elends vom letzten Sonntag muss ich anmerken, dass der vegane Burger schlechter aussah und klang als er geschmeckt hat. Er war geniessbar. Einigermassen. Mit viel Senf.

Marco Morosoli

Marco Morosoli

Marco Morosoli

Am Silvesterabend fasste ich keine Vorsätze. Sich selbst zu etwas zu verdonnern, das hinterlässt bei mir ein ungutes Gefühl. Geht sich selber zu verpflichten überhaupt? Wo Verpflichtung draufsteht, lauert das Strafgericht.

Wenn ich mich für einen Ausrutscher bestrafen soll, dann übernehme ich einen Job für eine üble innere Stimme, die den Menschen schon genug plagt. Ich rede von der strafenden und den nach Leistung lechzenden Teilen unserer Seele. Ihr übler Daseinszweck: uns ein schlechtes Gewissen zu machen. Mehr ist da nicht. Garantiert.

Selbstbestimmt und unabhängig zu agieren, bringt jedoch Lebensfreude. Manchmal passt etwas, manchmal halt nicht. Vernunft ist die Richtschnur. Verbote sind des Teufels. Soll ich darauf verzichten, mich vor einem EVZ-Heimspiel um 18.15 Uhr mit meinem Bürokollegen zu einem Umtrunk zu treffen. Wir nennen diesen Termin «Waterloo». Napoleons finale Niederlage ereignete sich 1815. Obwohl derzeit die Bossard-Arena für uns eine verbotene Zone ist, führen wir diese Tradition immer weiter. Mit Alkohol.

Ich könnte auch den Monat ohne Buchkauf einführen und würde dann vorneweg und hintendran solche kaufen. Ich plädiere für den ungezwungenen Umgang mit unserer Zeit. Müssen tun wir schon in anderen Lebensbereichen genug.