KULTUR: Das alte Zug neu entdecken

Der Verein Zuger Stadtführungen bringt den Besuchern die Stadt mit all ihren Facetten nahe. Selbst für «Urzuger» ist dabei vieles neu.

Sabina South
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Stiess trotz Regen auf grosses Interesse: die thematische Führung mit Anette JeanRichard am Montag. (Bild Stefan Kaiser)

Stiess trotz Regen auf grosses Interesse: die thematische Führung mit Anette JeanRichard am Montag. (Bild Stefan Kaiser)

Sabina South

Für das ungeschulte Auge sieht das Haus abbruchreif aus: Eine abblätternde Fassade, bröckelnde Mauern und Hohlräume zeigen sich an der Ägeri­strasse 32 in Zug. Am Montagabend stehen 16 wetterfeste, wissensdurstige Zuger und Zugerinnen vor dem Objekt und lassen ihre Köpfe staunend in den Nacken fallen.

«Die mittelalterliche Blockbautechnik dieses Hauses, die durch das Aufeinanderschichten liegender Hölzer entsteht, ist an diesem Haus sehr gut erkennbar», sagt Anette JeanRichard vom Amt für Denkmalpflege und Archäologie, Direktion des Innern des Kantons Zug. Sie führt und referiert den dritten thematischen Stadtrundgang dieses Jahres, der den mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Holzbauten in der Stadt Zug gewidmet ist. Dabei bringt sie auch wirtschafts-, sozial- und kulturgeschichtliche Aspekte zur Sprache: «Blockbauten wie diese waren im Mittelalter und in der frühen Neuzeit keine Immobilien, sondern Mobilien», erklärt sie. Da der Rohstoff Holz im Kanton Zug knapp wurde, habe die Regierung den Export gesetzlich unterbunden. «Aber schon damals gab es schlaue Zuger, und die nahmen beim Umzug gleich das ganze Haus mit.» Die Zuhörer lachen.

Die Stadt neu entdecken

Eine gute Stunde dauert der Rundgang und führt an weiteren historisch wertvollen Holzbauten vorbei. «Vielen Häusern sieht man es von aussen nicht mehr an, dass ihr Entstehen ins 14. Jahrhundert zurückgeführt werden kann», erläutert Anette JeanRichard. Das Haus zur Meise an der Unter Altstadt 16 ist im Gegensatz zur Ägeristrasse 32 in der Ständerbauweise angefertigt, bei der die Ständer zusammen mit den Schwellen und den Bundrahmen das tragende Gerüst eines Gebäudes bilden. Das mehrfach umgebaute und sanierte Haus zur Meise glänzt frisch und gepflegt im Regen. An der Fassade sind nur die Schwelle und Teile der Ständer noch original aus dem Mittelalter erhalten.

«Total spannend, die Stadt Zug auf diese Art wieder neu zu entdecken», freut sich Zugerin Peggy Schmid. Sie ist zum ersten Mal an einer Stadtführung dabei: «Wie viel man doch seit der Schulzeit vergessen hat, dabei täglich an diesen faszinierenden Gebäuden vorbeispaziert, ohne sich darüber Gedanken zu machen», sagt die 53-Jährige.

Professionelle Referenten

Seit 2013 organisiert der Verein Zuger Stadtführungen jährlich sechs thematische Rundgänge. «Wir wollen auserwählte Spezialitäten der Stadt Zug hervorheben und den Bewohnern vor Augen führen», sagt Ueli Fritsche, Verantwortlicher der Stadtführungen. Dabei sei es dem Verein ein Anliegen, nur professionelle Referenten zu engagieren. «Anette JeanRichard hat zum Thema Blockbauten im Kanton Zug promoviert und ist die perfekte Kandidatin für die heutige Führung», hält Ueli Fritsche fest.

Die Rundgänge sind öffentlich, und es spazieren nicht nur Fachpersonen durch die Zuger Altstadt. Oskar Rickenbacher aus Zug nimmt ab und zu an einer Stadtführung teil. «Ich sammle Zuger Ansichtskarten und interessiere mich sehr für die Stadt.» Dabei freut sich der 76-Jährige, dass Anette JeanRichard die anspruchsvolle Materie «so super gut rüberbringt». Und das macht aus manchem ungeschulten Auge ein geschultes.

Hinweis: Nächste thematische Führung: das Regierungs­gebäude/der Kantonsratssaal, die Gebäude um den Postplatz. Montag, 7. September, 19 Uhr. Treffpunkt vor dem Regierungsgebäude.