KUNST: Der «Seesicht» fehlt leider immer wieder der Durchblick

Vor knapp zehn Monaten wurde die Installation von Roman Signer ins Wasser gelassen. Sie erfreut viele Zuger – aber ein Problem bleibt.

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Beeindruckend – wenn die Scheibe sauber ist: Die begehbare Skulptur «Seesicht» am Zugerseeufer. Sie ist derzeit dienstags bis sonntags von
9 Uhr bis zur Dämmerung zu besichtigen. (Bild Stefan Kaiser)

Beeindruckend – wenn die Scheibe sauber ist: Die begehbare Skulptur «Seesicht» am Zugerseeufer. Sie ist derzeit dienstags bis sonntags von 9 Uhr bis zur Dämmerung zu besichtigen. (Bild Stefan Kaiser)

Wer schon mal in 5 Metern Tiefe am Treppenende der begehbaren Stahlskulptur von Roman Signer am Zugerseeufer gestanden hat, weiss diese «Seesicht» zu schätzen. Ein beruhigendes, fast meditatives Grün umfängt einen. Man kann die vielen Fische im See beobachten. Auf dem Grund erkennt man Steine – manchmal auch ein in den See geworfenes Velo. Und man denkt mit Schaudern an die historische Katastrophe und an all die Opfer von 1887 zurück, als an diesem Ort ein Teil des Ufers ins Wasser kippte und für immer in die unergründlichen Tiefen des Sees abtauchte.

Soll Zuger zehn Jahre lang erfreuen

Was der renommierte 77-jährige Appenzeller Künstler bei der Eröffnung seiner Installation im Mai letzten Jahres als «Skulptur für alle Sinne» bezeichnete, ist tatsächlich ein Erlebnis der besonderen Art. Der 17 Tonnen schwere Kunstkoloss, der rund 450 000 Franken kostete und die Zuger zehn Jahre lang am Ufer erfreuen soll, hat allerdings ein hausgemachtes Problem.

Betrübliche Trübe

Klar, es war von Anfang bekannt, dass der trübe und algige Zugersee in Sachen Sicht mit Gewässern wie etwa dem Ägerisee oder dem Vierwaldstättersee nicht würde mithalten können. Klar war auch, dass die Skulptur kein Aquarium sein soll, wie Signer in einem Interview klarstellte: «Sicher ist der Zugersee trüber als wahrscheinlich andere Gewässer. Doch man kann auch so gut die verschiedenen Lichtspiele morgens und abends wahrnehmen. Es geht viel mehr um das körperhafte Empfinden, sich unter Wasser zu befinden.»

So weit, so kunstvoll. Und doch ärgert man sich oder schüttelt man wie so mancher neugierige Besucher den Kopf, wenn man unten am Treppenabsatz angelangt ist und ausser einer verdreckten und veralgten Scheibe nicht viel wahrnimmt ausser einer grünen Brühe und viel braunen Schlieren am Fenster. Die «Seesicht» mutiert so zur «Seh nichts». Da befriedigen einen dann auch nicht die eventuell verschiedenen Helligkeitsstufen des Lichts, das von oben durchs Wasser heruntergefiltert wird. Sicher: Zu dieser Zuger «Seesicht», von der Signer behauptete, sie berge keinerlei ironische Untertöne zu konventionellen Seesichten der luxuriösen Art, gehört auch die Authentizität des Algigen, des Trüben, des Mysteriösen. So ist der Zugersee halt. Doch klar ist auch: Ohne super Sicht durch die Fensterscheibe wirkt die Skulptur Signers, mit deren Reizen das Kunsthaus Zug derzeit wieder wortreich wirbt, «mal humorvoll, mal überraschend, mal tiefgründig» –, eben nur sehr bedingt.

Wird vor Ostern noch geputzt

Kunsthaus-Direktor Matthias Haldemann hat das Problem erkannt und lässt die Scheibe noch vor Ostern reinigen. Morgen oder am Donnerstag ist eine Putzaktion vorgesehen. Wobei so eine Fensterreinigung im Unterwassereinsatz inklusive Vorbereitung eine Stunde dauert. «Aktuell macht eine Taucherin das Ganze gratis, ein Berufstaucher würde 120 Franken pro Stunde verrechnen», erklärt Haldemann. Die Scheibe werde im Schnitt alle drei bis vier Wochen geputzt. «Das letzte Mal wurde die Scheibe kurz vor der Wiedereröffnung am 1. März gesäubert.» Das Betrübliche an der «Seesicht» lässt sich laut dem Zuger Kunsthaus-Direktor nur schwer kalkulieren: «Das Algenwachstum ist grundsätzlich abhängig von der Wassertemperatur und dem Lichteinfall.» Der Popularität des «Wahrzeichens für Zug» (O-Ton Kunsthaus) schaden die Algen offensichtlich nicht. Haldemann: «Es gibt keine Besucherzählung, aber es sind Tausende, die die Skulptur schon besichtigt haben.»

Wolfgang Holz