Kunst und Kultur einer guten Übersetzung

Das Zuger Übersetzer-Stipendium ermöglicht herausragende Übersetzungen bedeutender Werke. Am Freitagabend fanden im Gotischen Saal des Rathauses die Zuger Übersetzer-Gespräche 2019 statt.

Haymo Empl
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Autor Michail Schischkin, Moderator Georg Gerber, Übersetzerin Eveline Passet und Verleger Sebastian Guggolz (von links) im Gespräch.

Autor Michail Schischkin, Moderator Georg Gerber, Übersetzerin Eveline Passet und Verleger Sebastian Guggolz (von links) im Gespräch.

Stefan Kaiser, Zug, 29. November 2019

Vielleicht liegt auf dem Nachttisch zu Hause gerade das Buch «Das Institut» von Bestseller­autor Stephen King. Auf dem Cover prangt gross der Name des Autors, wer das Buch aber aus dem Amerikanischen übersetzt hat, wird erst bei genauerem Hinsehen ersichtlich. Dabei hat sich der Übersetzter ähnlich viele Gedanken gemacht und sich mit der Geschichte intensiv auseinandergesetzt. Wie beispielsweise soll der in den USA sehr beliebte Orangensaft «Minute Maid» übersetzt werden? Muss es übersetzt werden?

Dass Übersetzer bisher eher stiefmütterlich behandelt wurden, ist bekannt. Gut gibt es daher den Verein Zuger Übersetzer. «Unser Ziel ist generell das Fördern von literarischen Übersetzungen in die deutsche Sprache», erklärt Georg Gerber. Er moderierte den Anlass der Zuger Übersetzer am Freitagabend im Gotischen Saal des Rathauses Zug. «Übersetzerinnen und Übersetzer leisten eine sehr aufwendige, schwierige und auch wichtige Arbeit, dies aber unter ökonomisch teils prekären Bedingungen; und Anerkennung bekommen sie auch kaum» so Georg Gerber.

Und er ergänzt: «Lajos Adamik, ein bedeutender Übersetzer aus dem Deutschen ins Ungarische, hat vor kurzem anlässlich eines Gesprächs in Zug gesagt: ‹Ohne Übersetzungen gäbe es keine Weltliteratur›. Dieser Satz zeigt aus meiner Sicht sehr schön, wie wichtig literarisches Übersetzen ist», so Vorstandsmitglied Gerber weiter. Am Freitagabend ging es aber nicht nur um die von ihm angesprochene Thematik, sondern auch um die Buchpremiere der Tagebücher von Michail Prischwin.

Stipendium ist mit 50000 Franken dotiert

Eveline Passet hatte 2017 das Zuger Übersetzer-Stipendium erhalten für die Übersetzung von Michail Prischwins Tagebüchern. Am 6. November ist der erste Band erschienen und unter anderem dieses Buch war Gegenstand des Gesprächs. «Nun haben wir das Glück, dass der bedeutende Autor Michail Schischkin einen Essay zum Buch von Frau Passet verfasst hat», so Georg Gerber weiter. Das Stipendium ist mit 50000 Franken dotiert und «der höchstdotierte Übersetzerpreis im deutschen Sprachraum», erklärt Gerber weiter. «In aller Regel stehen die Gespräche im Zusammenhang mit den vergebenen Preisen. Eingeladen werden daher ehemalige und/oder aktuelle Preistragende. So haben wir auch die Möglichkeit, in der Zuger Öffentlichkeit zu zeigen, wer diese Menschen sind, was sie tun und was wir als Verein machen», so Georg Gerber.

Am Abend war auch der Verleger Sebastian Guggolz vor Ort. Sein Verlag hat sich spezialisiert auf Autoren aus Nordeuropa und Osteuropa «welche oft zu Unrecht kaum mehr bekannt sind oder vergessen wurden». Dass Sebastian Guggolz’ Herz für die Literatur schlägt, zeigte sich am Abend von der ersten Sekunde an. Die Leidenschaft war in jeder Geste zu sehen, in jedem Wort zu spüren. Dass der kleine Verlag sich mit einer vierbändigen Ausgabe an das monumentale Tagebuchwerk des russischen Autors Michail Prischwin gewagt hat, zeugt auch von Mut.

Ein kulturgeschichtlich bedeutendes Werk

Natürlich war der Abend eher für eingefleischte Liebhaber (guter) Literatur, und selbstverständlich war primär ein gegenüber dem gedruckten Wort affines Publikum im Gotischen Saal anwesend. Dennoch hatte der Anlass eine Strahlkraft über den eigentlichen Sinn hinaus – denn schon allein durch die Ankündigung und entsprechende Meldungen in der Presse konnte der Verein Zuger Übersetzer auf die Anliegen von Autoren und eben: Übersetzern aufmerksam machen. Und so ganz en passant auch auf ein kulturgeschichtlich bedeutendes Werk aufmerksam machen: Michail Prischwin hat von 1905 an über gute 50 Jahre hinweg fast täglich Tagebuch geführt (er starb 1954). «Am Ende sind das 120 Hefte gewesen, in der Druckfassung 18 Bände mit rund 12000 klein­gesetzten Seiten», so Georg Gerber. «Ein beeindruckendes Zeitzeugnis.»

Tagebücher Band I 1917 bis 1920. Aus dem Russischen, herausgegeben und kommentiert von Eveline Passet. Nachworte von Eveline Passet und Michail Schischkin. Zirka 460 Seiten, ISBN 978-3-945370-23-0. Weitere Informationen zum Verein Zuger Übersetzer gibt es unter www.zugeruebersetzer.ch