Lärm

Neue Züge machen im Bahnhof Zug Halt – auch ihre Räder kreischen

Das Wahrzeichen des öffentlichen Verkehrs im Kanton, der Bahnhof Zug, ist in seiner Art in der Schweiz eine Besonderheit. In diesem sogenannten Keilbahnhof halten viele Züge in der Kurve – mit unangenehmen Folgen.

Marco Morosoli
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Noch vor ein paar Jahren waren Klotzbremsen bei westeuropäischen Eisenbahnwagen weit verbreitet – auch bei den SBB. So zum Beispiel bei den Wagen aus den 1980er-Jahren. Im Zuger Bahnhof waren Wagen dieser Art häufig bei Zusatz- oder Entlastungszügen in den Süden zu sehen; und wer sie nicht sah, hörte sie sicher, bevor sie zum Stehen kamen. Das quietschende Bremsgeräusch dieser Wagen verdient die Bezeichnung ohrenbetäubend. Das beweist die folgende Aufnahme:

Es ist dieser als Kreischen bezeichnete Lärm, der Wartende im Bahnhof Zug dazu bringt, ihre Ohren mit den Händen zu schützen. Das Kreischen ist so alt wie die Eisenbahn. Vereinfacht gesagt, handelt es sich um schlichte Physik. Die Eisenbahnräder haben bei engen Kurven ein Problem: Die auf starren Achse montierten Laufräder können nicht den genau gleich langen Weg zurücklegen. Fachleute sprechen hierbei vom «Ruckgleiten».

Im deutschen Fachmagazin «Nahverkehr» schreibt ein österreichischer Schmiertechniker, dass eine Umfrage in Deutschland ergeben habe, dass 91,7 Prozent der Bahnunternehmen Massnahmen ergreifen, um die lästigen Kurvengeräusche zu vermeiden oder wenigstens zu verringern. Trotzdem würden immer noch 83,3 Prozent der Angefragten angeben, Probleme mit dem Kurvenkreischen zu haben. Der Experte kommt zum Schluss, dass das Ergebnis zeige, «dass entweder unwirksame Massnahmen verwendet oder wirksame falsch eingesetzt haben».

Nicht eliminieren, aber reduzieren

Einfach lässt sich das Ärgernis aber nicht aus der Welt schaffen, wie sich im Bahnhof Zug zeigt. Den SBB ist zugutezuhalten, dass sie in den vergangenen Jahren wiederholt das häufig auftretende Kurvenkreischen in den Fokus gerückt haben. Die Bemühungen der SBB in Sachen Lärmreduktion durch ein- und ausfahrende Züge aller Art bleibt ein durchschlagender Erfolg weiterhin verwehrt. Der SBB-Sprecher Oli Dischoe stellt zwar fest: «Schmieranlagen können das Kurvenkreischen im Bahnhof Zug nicht eliminieren, jedoch reduzieren.»

Wie der SBB-Sprecher ausführt, habe das Transportunternehmen im Jahr 2014 fünf Schmieranlagen eingebaut. Anschliessende Messungen hätten ergeben, dass die eingeleiteten Massnahmen zu einer Reduktion der besagten Lärmquelle geführt hätten. In welchem Umfang dies geschehen ist, bleibt unklar.

Beim Einfahren in den Bahnhof Zug quietschen die Räder mancher Züge.

Beim Einfahren in den Bahnhof Zug quietschen die Räder mancher Züge.

Bild: Matthias Jurt (Zug, 07. Januar 2021)

Das Kurvenkreischen im Westteil des Bahnhofs ist seit dem Fahrplanwechsel am 13. Dezember 2020 sicher weniger geworden. Die Gotthard-Züge fahren jetzt wieder am Zugersee-Ostufer entlang und nicht mehr über Rotkreuz. Das hat die Zugbewegungen im Westteil des Bahnhofs merklich reduziert. Ebenfalls seit Mitte Dezember durchfahren die neuen Bombardier-Doppelstockzüge den engen Gleisbogen im Bahnhof Zug. Auch diese Triebzüge neuster Bauart verursachen ein Quietschen beim Ein- und Ausfahren.

Auf diesem Gebiet wird geforscht

Tröstlich ist für die SBB, dass Reklamationen über den Bahnlärm selten sind. Bis im November des vergangenen Jahres sei nur gerade eine eingegangen. Dass die Bahn ein eher lautes Verkehrsmittel ist, bestreitet kaum einer. Und sie dürfte dies wohl noch länger bleiben, denn der SBB-Sprecher Oli Dischoe sagt: «Leider existiert bisher keine Massnahme, die das Kurvenkreischen vollständig beseitigt.»

Immerhin gibt es seit 2019 ein von der Empa (Eidgenössische Materialprüfanstalt) in Dübendorf entwickelte Software, die Lärm aus einem Ensemble von hundert Geräuschen mixen kann. Das besagte Computerprogramm kann Optimierungen für bereits im Einsatz stehende Zugkompositionen wie auch Bahnanlagen aufzeigen. Mit Blick auf die Zukunft gerichtet, liesse sich auch simulieren, was zum Beispiel der Einsatz von neuen Rädern bewirken könnte. Dass die Forschung über die Ursache von Bahnlärm immer weiter vorangetrieben wird, ist auch im Sinne der Transportunternehmen.