Landwirtschaft
Pflanzenkohle aus Edlibach lässt Kühe weniger furzen, bewirkt aber noch viel mehr

Dem Zuger Unternehmen Verora AG wurde für die Entwicklung einer Produktionsanlage, mit der Pflanzenkohle hergestellt wird, der Preis Watt d’Or des Bundesamtes für Energie (BFE) verliehen. Das umweltfreundliche Produkt wird in der Landwirtschaft vielfältig eingesetzt.

Cornelia Bisch Jetzt kommentieren
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Auf dem Betrieb von Albin und Franz Keiser in Neuheim tüfteln die Landwirte der Verora AG aus dem Zuger Berggebiet seit vielen Jahren an der Herstellung von Pflanzenkohle und Humusaufbau. Mit Hilfe dieser Stoffe streben sie den Betrieb einer klimaneutralen Landwirtschaft an. «Nun ist es uns gelungen, Pflanzenkohle wirtschaftlich herzustellen und zu vertreiben», erzählt Fredy Abächerli, Projektleiter und Verwaltungsrat der Verora AG mit Sitz in Edlibach. Für die entwickelte Pyrolyse-Anlage auf dem Hof der Familie Keiser, welche die gewinnbringende Produktion und Nutzung von Pflanzenkohle ermöglicht, wurde dem Unternehmen Anfang Januar der Preis Watt d'Or des Bundesamtes für Energie (BFE) überreicht (siehe Kasten).

Adrian Würsch, Geschäftsführer der Verora AG, präsentiert die Pyrolyse-Anlage auf dem Hof Wies in Neuheim, mit der Pflanzenkohle hergestellt wird.

Adrian Würsch, Geschäftsführer der Verora AG, präsentiert die Pyrolyse-Anlage auf dem Hof Wies in Neuheim, mit der Pflanzenkohle hergestellt wird.

Bild: Matthias Jurt (Neuheim, 13. Januar 2022)

Der Watt d'Or wurde zum 15. Mal verliehen

Um innovative Schweizer Unternehmen und Hochschulen auszuzeichnen, welche die Energiezukunft erfolgreich umsetzen, hat das Bundesamt für Energie den Watt d’Or geschaffen, das Gütesiegel für Energieexzellenz. 2007 wurde der Preis in Form einer Schneekugel zum ersten Mal verliehen. Ziel ist es, aussergewöhnliche Leistungen im Energiebereich bekannt zu machen. Sie sollen Wirtschaft, Politik und die breite Öffentlichkeit motivieren, die Vorteile innovativer Energietechnologien für sich zu entdecken. Der Watt d’Or ist nicht dotiert, es werden also keine Preisgelder ausgeschüttet. 31 Bewerbungen wurden bis Mitte Juli 2021 eingereicht und von einem Expertenteam evaluiert. Für die Endrunde nominiert wurden schliesslich 11 Beiträge. Daraus hat die Jury die Siegerprojekte in den vier Watt-d’Or-Kategorien gekürt. Sie gingen an die SBB (Kategorie Energietechnologien), die Verora AG aus Edlibach, Zug (Kategorie Erneuerbare Energien) und die Schaerraum AG aus Horw, Luzern (Kategorie Gebäude und Raum). In diesem Jahr gibt es in der Kategorie Mobilität keinen Gewinner. (cb)

Der Energiepreis Watt d'Or hat die Form einer Schneekugel.

Der Energiepreis Watt d'Or hat die Form einer Schneekugel.

Bild: PD/BFE 2022
An der Preisverleihung nahmen nur wenige Personen teil. Von links: Susanne Vincenz-Stauffacher (Jurypräsidentin), Marianne Zünd (BFE), Fredy Abächerli, Albin und Fabian Keiser sowie Adrian Würsch (Verora AG).

An der Preisverleihung nahmen nur wenige Personen teil. Von links: Susanne Vincenz-Stauffacher (Jurypräsidentin), Marianne Zünd (BFE), Fredy Abächerli, Albin und Fabian Keiser sowie Adrian Würsch (Verora AG).

Bild: PD/BFE 2022

Nutztiere stossen weniger Gase aus

Pflanzenkohle wird dem Futter von Kühen und anderen Nutztieren beigemischt, um deren Verdauung zu verbessern, damit sie weniger klimaschädliche Gase ausstossen. Als Zugabe zur Stalleinstreu oder zur Gülle bindet sie Nährstoffe und vermindert Fäulnis sowie Ammoniakemissionen. Bei der Kompostierung senkt sie die Stickstoffverluste um bis zu 25 Prozent. «Dadurch stinkt es weniger, und die Verrottung läuft schneller», so Abächerli. «Der Baum- und Strauchschnitt aus dem Gartenbau wird als Rohmaterial sinnvoll verwertet und genutzt. Daraus gefertigte, getrocknete Heizholzschnitzel haben den doppelten Energiewert von normalen Holzschnitzeln. Die weiter verarbeitete Pflanzenkohle schützt durch die dauerhafte Einlagerung von Kohlenstoff das Klima und verbessert die Bodenfruchtbarkeit auf dem Acker», zählt Abächerli weitere Vorteile des Produkts auf.

Die Pflanzenkohle wird in diesen weissen Säcken gelagert und verkauft. Im Bild: Projektleiter und Verwaltungsrat Fredy Abächerli (rechts) und Geschäftsführer Adrian Würsch der Verora AG.

Die Pflanzenkohle wird in diesen weissen Säcken gelagert und verkauft. Im Bild: Projektleiter und Verwaltungsrat Fredy Abächerli (rechts) und Geschäftsführer Adrian Würsch der Verora AG.

Bild: Matthias Jurt (Neuheim, 13. Januar 2022)

«Es brauchte viel Durchhaltewillen, um die anfängliche Forschungs- und Entwicklungsanlage zu einer funktionierenden Produktionsanlage umzubauen», blickt der Agraringenieur zurück. «Bis wir sämtliche Zertifizierungen, Bewilligungen und Qualitätssicherungen zusammen hatten, dauerte es seine Zeit.» Als die Verora AG im Jahr 2012 mit dem Pilotprojekt begonnen habe, sei sie ihrer Zeit voraus gewesen, von Behörden wenig verstanden und von Konkurrenten belächelt worden. «Wir mussten viel Überzeugungsarbeit leisten. Aber heute haben unsere Referenzbetriebe nationale Bedeutung, und unsere Pionierleistung wird geschätzt.» Dem Unternehmen wurde bereits 2019 der Agropreis für das Projekt verliehen.

So sieht die fertige Pflanzenkohle aus.

So sieht die fertige Pflanzenkohle aus.

Bild: Matthias Jurt (Neuheim, 13. Januar 2022)

Auch in finanzieller Hinsicht bedeutete das Projekt für die Landwirte der Verora AG ein beachtliches Risiko. «Wir investierten über eine Million Franken.» Gebunden an klar definierte Ziele, die das Unternehmen auch erreichte, leistete die Klimastiftung Schweiz den namhaften Beitrag von über 200'000 Franken an die Forschungs- und Entwicklungsarbeit.

Projektleiter und Verwaltungsrat Fredy Abächerli (rechts) und Geschäftsführer Adrian Würsch der Verora AG brauchten einen langen Atem, um das Pilotprojekt der Pflanzenkohleherstellung voran zu treiben.

Projektleiter und Verwaltungsrat Fredy Abächerli (rechts) und Geschäftsführer Adrian Würsch der Verora AG brauchten einen langen Atem, um das Pilotprojekt der Pflanzenkohleherstellung voran zu treiben.

Bild: Matthias Jurt (Neuheim, 13. Januar 2022)

Gut vernetzt

Die Verleihung des «Watt d'Or» fand aufgrund der Pandemie in kleinem Rahmen statt. «Das ist natürlich schade. Solche Anlässe bieten sonst immer Gelegenheit, Kontakte zu knüpfen», bedauert Abächerli. Er verfüge jedoch bereits heute über ein solides nationales Netzwerk. «Momentan läuft das Geschäft sehr gut. Das Interesse der Landwirte und landwirtschaftlichen Schulen ist gross.» Abächerli hält Vorträge und sendet auf Anfrage immer wieder Muster an diverse Forschungsanstalten in ganz Europa. «Die Anforderungen der Gesellschaft an die Landwirtschaft in Bezug auf Klimafreundlichkeit sind hoch. Wir sind erst am Anfang. Da braucht es noch enorme Anstrengungen.»

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