Lautloser Karfreitagmorgen

Zu Beobachtungen an ungewöhnlichen Ostern

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Radionachrichten am Vormittag: Kein Autostau am Gotthard. Soldaten ermahnen Automobilisten, der Coronaausbreitung wegen nicht ins Tessin zu fahren. Wenig Erfolg. Verbieten dürfen sie die Durchfahrt nicht. Die zwölf Soldaten der Schweizer Armee sind machtlos. Ein einzelner Soldat hält Wache beim Eingang zum Kantonsspital in Baar. Kein Zugang für Besucher wegen des Coronavirus.

Lautloser Karfreitagmorgen. Blick aus dem Küchenfenster im Wohnblock der Grafenau. Kein Bein auf dem Grafenauweg wie sonst jeden Morgen zu den unzähligen Firmen, die aufgelistet sind auf den schwarzen Hinweistafeln an beiden Enden des Geländes.

Lautloser Karfreitagmorgen. Auf der Dammstrasse kaum ein Auto. Die grosse Eiche in der Grafenau, mehr als 200 Jahre alt, grünt in den Frühling hinein. Das Krähenpaar umfliegt den Baum, setzt sich auf den Rand des Bürogebäudes der Grafenau. Das Krähennest verschwindet im wachsenden Laub. Wenn vom See her die Möwen kommen und in die Nähe der Eiche segeln, kommt es zu einem kurzen Luftkampf. Die Krähen verteidigen mit Erfolg ihr Nest. Möwen fliegen nicht ins Geäst. Kein Lebenszeichen noch im Krähennest. Krähen wissen nichts von Coronadrohung. Keine Ahnung von den Ängsten der Menschen.

Keine Zeitung im Briefkasten. Nicht die «Zuger Zeitung» aus dem katholischen Kanton, nicht der «Tages-Anzeiger» aus dem protestantischen Zürich. Erinnerung an die Religionskriege bei Kappel und auf dem Gubel, deren Ausgang die Grenzen zwischen Zwinglianern und Romtreuen bestimmten.

Worldnews: Herr Trump, Präsident der USA, gibt endlich bekannt, dass es das Coronavirus gibt. Dicke Kröte im Hals, weil es da etwas gibt auf der Welt, das seine Machtbefugnisse übersteigt.

Max Huwyler, Zug