LEIDENSCHAFT: Gesunde «Juuze»: Sie will Chefs zum Jodeln bringen

Erst war er ihr fremd, dann begann sie das therapeutische Potenzial zu entdecken. Zwischenzeitlich leitet Natalie Huber mehrere Naturjodelkurse. Eine Tracht würde die Baarerin trotzdem nie anziehen.

Christopher Gilb
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Natalie Huber jodelt im Restaurant Pöschtli in Aeugst am Albis. (Bild: Werner Schelbert (3. Dezember 2016))

Natalie Huber jodelt im Restaurant Pöschtli in Aeugst am Albis. (Bild: Werner Schelbert (3. Dezember 2016))

Zeit, nach Hause zu fahren. Zwei Stunden hat Natalie Huber im Schulhaus Hans Asper in Wollishofen Jodelunterricht gegeben. Es ist schon kurz nach zehn Uhr abends, als sie nach Zug aufbrechen will, wo sie mit ihrem Mann und den zwei erwachsenen Kindern lebt und eine Praxis als selbstständige Heilpraktikerin betreibt. Plötzlich legt sie, wie auch so oft in ihren Jodelstunden, einen Finger ans Ohr, um konzentrierter zu hören. «Diese Jodeljunkies können einfach nicht aufhören.» Sie spricht von ihren Schülerinnen und Schülern, die auch auf dem Heimweg munter weiterjodeln, und grinst dabei übers ganze Gesicht.

Zwei Stunden zuvor in einem Raum im obersten Stock des altehrwürdigen Baus: «Das Zwerchfell und den Beckenboden wippen lassen.» Rund 25 Erwachsene folgen den Instruktionen Hubers und wirken dabei anfänglich, als würden sie sich nach einem ausgiebigen Mahl in Richtung Siesta strecken. Doch je länger, je mehr entweichen ihnen Klänge, die in der Summe tönen, als hätten sich die Alpen nach Zürich verschoben. Die meisten von ihnen sind zwischen 50 und 60 Jahre alt, aber auch eine junge Asiatin ist dabei, die von ihrer Schweizer Nachbarin überredet worden ist, mitzukommen, und die nur Englisch spricht. Ihr kommt zugute, dass der Naturjodel, den Huber unterrichtet, ohne Worte auskommt. Lediglich gesungene Töne geben die Mitglieder der Jodelklasse von sich, Noten haben sie dabei keine zur Verfügung, und genau dies fasziniert Huber an diesem ursprünglichen Stil des Jodelns, die im Appenzellerland (zäuerle) und noch archaischer im Muotatal (juuzen) praktiziert wird. «Es ist eine Kommunikation ohne Worte, bei der man sich aufeinander einlassen muss, um den gemeinsamen Ton zu finden», ist sie überzeugt.

Ihr Mann begeisterte sich für Handörgeli

Bevor Natalie Huber jedoch zu jodeln begann, tat dies ihr Mann. Vor etwa zehn Jahren trat der Zuger Anwalt für sie überraschend ins Zuger Jodeldoppelquartett ein. «Ich weiss gar nicht mehr genau, woher sein Interesse damals kam, ich glaube, er war schon immer begeistert vom traditionellen Handörgeli, damit hing es sicher zusammen», sagt Huber. Anfänglich habe sie dieser Schritt von ihm fast ein wenig irritiert. «Das Jodeln gehörte einfach damals nicht zu meinem Horizont.» Die 45-Jährige mit Vorfahren aus dem Tessin und Sri Lanka war schon früh fasziniert von der grossen Welt und deren Kulturen. «Mit dem Schweizer Vereinsleben oder gar mit Trachten konnte ich hingegen nur wenig anfangen», sagt sie. «Dies wirkte mir alles etwas zu eng.» Sie singt italienische Lieder und ist schon mit einem Chor durch Mexiko gereist. Dorthin würde sie auch optisch gut passen: An dem Abend im Schulhaus Asper trägt sie erdfarbene Kleider, ihre langen schwarzen Haare hat sie zum Zopf gebunden, grosse goldene Ohrringe schmücken ihre Ohren. «Stimmt, viele denken, ich sei eine Indianerin», sagt sie.

Ins Auge sticht auch ihre Gesichtsform. Sie hat sehr markante Wangenknochen, die zusätzlich betont werden, wenn sie mit ihren Fingern während des Unterrichts immer wieder auf diese Gesichtsregion zeigt. Die Region über dem harten Gaumen sei ein wichtiger Resonanzraum, der beim Jodeln unbedingt genutzt werden sollte, erklärt Huber.

Trotz der anfänglichen Vorbehalte begann sich Huber mit der Zeit doch fürs Jodeln zu interessieren, denn im gleichen Zeitraum, als ihr Mann zu jodeln begann, absolvierte sie eine therapeutische Weiterbildung in Somatic Experiencing, eine Methode zur Stressreduktion, bei der die Körpersprache eine zentrale Rolle spielt. «Die Neugierde für das Interesse meines Mannes und die Erkenntnisse aus der Ausbildung führten dazu, dass ich mich fürs Jodeln zu öffnen begann», sagt Huber. Ihre Passion fand sie im Naturjodel.

Ihre Liste, was sie an der Schweiz schätzt, hat sie seitdem ergänzt. In ihrem Video auf einem Youtube-Kanal, in dem Ausländer oder Secondos erzählen, was ihnen besonders an der Schweiz gefällt, nennt sie drei Sachen: «Die direkte Demokratie, der Kartoffelschäler und der Jodel.» In den letzten zehn Jahren besuchte sie mehrere Jodelkurse, erwarb das Diplom zur Chorleiterin und gibt selbst Jodelunterricht. «Eigentlich gebe ich selbst nur Jodelunterricht, weil es damals nur klassische Jodelvereine in der Region gab – mit Trachten, Instrumenten und Gesang – und ich deshalb mit Gleichgesinnten eine Naturjodelgruppe ins Leben rief. Und irgendjemand musste diese ja leiten.» Nebst ihrer ersten Gruppe in Wollishofen leitet sie mit ihrer Kollegin Flavia Vasella eine Gruppe im Zürcher Kreis 4, «Jodeln im Chreis Cheib», und gibt regelmässig mit ihrem Kollegen Bernhard Betschart Jodelkurse im Kanton Zug im Rahmen der Oberwiler Kurse. Auch tritt sie regelmässig selbst in verschiedenen Formationen und als Dirigentin ihrer Jodelgruppen auf.

Jodeln ist wie «Seelenhygiene»

An diesem Mittwochabend im November im Schulhaus Asper will sie ihre dortige Jodelgruppe auf einen Auftritt an einer Stubete Anfang Dezember in Aeugst am Albis vorbereiten. Sie ist sehr umtriebig und kontrolliert wiederholt mit beiden Fingern auf den Ohren, ob alle den Ton treffen. «Juuzen wir noch eins, sagt sie immer wieder.» Die Schüler lassen sich animieren. «Es hat wirklich etwas Therapeutisches, gewissermassen ist es eine Art Seelenhygiene, man kann alles rauslassen», sagt eine ältere Dame, die kurz darauf ihren Nachhauseweg jodelnd verbringen wird. Auch der jungen Asiatin hat es gefallen, sonst würde sie nicht am Abend des 3. Dezembers im Restaurant Pöschtli in Aeugst am Albis mit der Gruppe auf der Bühne stehen und mit Natalie Huber als Dirigentin die gelernten «Juuze» zum Besten geben.

Der Saal des Restaurants ist voll, die Zuschauer klatschen zwischen Suppe, Wienerli und Wein kräftig Applaus. Huber erzählt im Interview am Rande der Bühne von ihrem nächsten Projekt. «Ich interessiere mich für die sozialen Effekte, die das Jodeln mit sich bringt, wie Kooperation, Einfühlsamkeit, Spiel, Teamgeist.» Sie würde es deshalb in Zukunft gerne einmal ausprobieren, Jodelworkshops in Unternehmen zu realisieren.

An diesem Abend in Aeugst trägt sie ihre Haare offen. Kurz zuvor hat sie als Mitglied der Volksmusikband Echo vom Locherguet noch Gitarre gespielt und zu italienischen Liedern gesungen. Mit der Gitarre sah sie aus wie Joan Baez in jungen Jahren. Eine Tracht würde ihr wirklich nicht stehen.

Christopher Gilb
christopher.gilb@zugerzeitung.ch